In einem Brief an seine erste Frau Minna entwarf Richard Wagner am 7. Januar 1862 den Plan, sich Bamberg als seinen künftigen Wohnort ansehen zu wollen. Bekanntlich wurde leider nichts daraus.

Jahreswechsel 1861/62 in Paris, seinem Hauptwohnsitz seit über zwei Jahren. Richard Wagner logiert aktuell in einem kleinen Zimmer im dritten Stock des Hôtels Voltaire, in Erwartung eines Umzugs ins komfortablere Anwesen des österreichischen Gesandten Fürst Richard von Metternich. Leider muss die Fürstin diese willkommene Einladung kurzfristig wegen eines familiären Notfalls absagen. Um dennoch die begonnene Urschrift der „Meistersinger“-Dichtung nicht zu gefährden, bleibt Wagner bis zu deren Vollendung am 31. Januar 1862 in seiner Pariser Hotelunterkunft.
Wie er sich dort in der ersten Woche des neuen Jahres fühlt, spiegeln in unterschiedlicher Intensität seine Briefe an Musikverleger Franz Schott in Mainz, seinen Wiener Freund Dr. Josef Standhardtner, seine Freundin Agnes Street-Klindworth in Brüssel, seine Halbschwester Cäcilie Avenarius und Musikerkollege Hans von Bülow in Berlin sowie seine erste Frau Minna in Dresden.
In seinen ersten Neujahrsbriefen beklagt er vor allem, dass er die Wohnung im Haus des Gesandten nicht bekommen hat: „Ich hatte böse Sylvester!“, schreibt er Freund Standthartner. „Heut’ glaubte ich bei Metternich’s einzuziehen: der Vater Shandor bleibt, und ich kann nicht hinein! […] Zu Neujahr auf die Strasse gesetzt! Mein Gott, man wird’s gewohnt“. Und an Agnes Street-Klindworth, bei der er unterzukommen hofft:
Ich hab kein Domizil mehr. Metternich’s hatten mich anfänglich zu sich nach Paris eingeladen: der Vater Graf Shandor, durch den Tod der Mutter plötzlich ihnen in’s Haus gebracht, verlässt es nicht, und ich muss draussen bleiben. Ich brauche eine Stube, mit ein paar Bequemlichkeits Meubles zu denen ich meinen Flügel stellen kann. Ein gutes Bett. – Wärme, Licht – Ruhe! Ein Frühstück, ein Mittagessen, freundliche Bedienung. Zur Mahlzeit und des Abends ein paar sympathische gescheidte Menschen, deren ich wiederum dann gern Alles bin, was ich sein kann. Sonst nichts auf der Welt. Ist das nicht genug? –
Was ihn darüber hinaus bedrückt, schildert er seiner in Berlin lebenden Halbschwester Cäcilie sehr offen wie folgt:
Wüsstest Du, wie wirklich fremd es mich anweht, wenn ich so auch aus Deinem Briefe ersehe, wie unendlich wenig Ihr von den Nöthen meines Lebens wisst! Wie mir das vorkommt, wenn ich da lese, dass ich in der grossem Welt und im Ruhm Alles vergässe, was nicht dazu gehöre!! – Wie und wo da anfangen, um eines Anderen zu belehren!! Genug, dass mein ganzer Ruhm und meine ganzen Erfolge in Deutschland mir nicht eine Stätte bereiten helfen, auf der ich mich sammeln und zu neuer Arbeit rüsten könnte. […] Mislingen jeder meiner Unternehmungen – Abschlag von allen Seiten – Nichtwissen, was mit mir anfangen überall! – Keine Sicherheit, keine Einnahmen, Noth und Sorge: keine Heimath, keine Familie, nichts! – Ach was wisst ihr! –
Natürlich klingt das anders in seinen Briefen an Noch-Ehefrau Minna, mit der er seit der Wesendonck-Affaire nur noch zeitweise zusammenlebt und deren Unterhalt ihm eine zusätzliche und bis zu ihrem Tod 1866 bindende Sorge ist. Minna wohnt seit November 1861 wieder in Dresden, wohin er nach wie vor nicht reisen kann – seine Verbannung aus dem Königreich Sachsen wird erst im Frühjahr 1862 enden. Er schreibt ihr am 7. Januar 1862 (mit den gegebenen Hervorhebungen):
Heute, liebe Minna, kann ich Dir erst wieder etwas Bestimmtes melden. Ich bleibe bis Ende dieses Monates noch hier auf meinem Kämmerchen, um mein Gedicht[1] ununterbrochen zu vollenden. Mehreres kommt zusammen. Ich war vor einigen Tagen mit dem ersten Acte fertig, – ein Brief von Schott war noch nicht angekommen; ich hatte gute Einfälle für den Anfang des zweiten Aktes, begann ihn, und möchte nun gar nicht erst eine ganze schreckliche Winterreise mit Ein- u. Auspacken, Logis beziehen, Einrichten u.s.w. an einem fremden Orte zwischen die Vollendung der ganzen Textarbeit fallen lassen. Andrerseits bittet nun Schott mich heute brieflich, mich etwas zu gedulden mit einem neuen Wechsel, was ihm augenblicklich schwer falle. In welche unvorhergesehene Lage mich aber der Ausfall der Metternich’schen Gastfreundschaft bringt, kannst Du Dir wohl leicht denken. Dass ich auch diese bittre, bittre Verdriesslichkeit wieder zu überstehen habe, macht mich recht satt u. müde. Ich stecke mich völlig bis über die Ohren in meine Arbeit hinein, um nur zu vergessen, in welcher elenden Welt ich mich befinde! –
Unter solchen Umständen, und bei meinem jetzt wieder über Alles vorherrschenden Arbeitstriebe, sehne ich mich wieder mehr als je nach einer Niederlassung. Von nächstem Monate an werde ich mir also wohlbedacht Wiesbaden darauf hin ansehen. Da man doch vielleicht Zeit seines Lebens von seiner Hände Arbeit allein leben wird müssen, gewisse häusliche Bequemlichkeiten, gute Bedienung u.s.w. aber die Hauptsache sind, viel weniger der Umgang, der überall seine guten oder üblen Seiten hat, so wird mir endlich der Ort immer gleichgültiger, wenn man nur eine angenehme Wohnung und – wohlfeiles Leben hat. Somit gestehe ich – lache! – dass ich zur Zeit mir selbst diess fabelhafte Bamberg einmal ansehen will. – – Das sind so meine Ideen, die mich neben meiner Arbeit beschäftigen: gewinne Du während dem etwas Schönes in der Lotterie! –
Doch will ich nun auch noch ein Anderes nicht unversucht lassen. – Ende dieses Monates denke ich also mich aufzumachen: ich reise über Karlsruhe, und lasse mich Grossherzogs[2], mit denen ich ja immer noch ganz gut stehe, zu zwei Dingen anmelden:
1. zur Vorlesung meines (dann fertigen) neuen Gedichtes. 2. Zu einer Aufführung des Lohengrin unter meiner Direction. – – Wir wollen sehen! – Der Mann hat sich die Sache jedenfalls zu schwer vorgestellt, und Freund Devrient[3] wird gewiss redlich dazu verholfen haben. Ich lasse ihn nun wissen, dass ich mich bei ihm niederlasse, wenn er mir jährlich nur 1200 Gulden giebt. Es ist das doch etwas, und es ist meiner Seits ein letzter Versuch. – Wollen sehen!
So! nun schreib’ Du mir einmal wieder! Ich weiss, dass Du jetzt nur auf eine Nachricht von meinem Aufenthalt wartetest. –
Ehe ich hier fortgehe, hoffe ich auch Seebach[4] noch zu sehen, der jetzt in Dresden ist. Du könntest ihn vielleicht aufsuchen: jedenfalls wäre er Dir der Nützlichste. Wenn diese sächsische Klemme einmal aufhörte, wäre es allerdings für Alles gut u. dienlich! –
Nun verzeih mir, dass ich nicht mehr schreibe: ich habe heute, da ich nach mehreren Seiten hin über meinen Entschluss Nachricht zu geben habe, noch vielerlei zu expediren.
Mögen Dich diese Zeilen guten Muthes und guter Laune antreffen! Weiss Gott! es gehört’s dazu! und wären jetzt meine Lehrjungen nicht, die den zweiten Act anfangen sollen, so wüsste ich nicht woher mir die Laune kommen sollte. Die Luderjungen haben mir schon im ersten Acte viel Spass gemacht, David an der Spitze! –
Also, leb’ wohl, bleib’ mir – oder werde mir – gut! Dein Richard
[1] Gedicht = Erst- und Reinschrift des Operntextes zu „Die Meistersinger von Nürnberg“
[2] Friedrich I. und Luise, Großherzog und Großherzogin von Baden
[3] Eduard Devrient, Direktor des Großherzoglichen Hoftheaters in Karlsruhe
[4] Albin Leo von Seebach, Sächsischer außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister in Paris
Quelle: Richard Wagner, Sämtliche Briefe, Band 14, herausgegeben von Andreas Mielke, Breitkopf & Härtel 2002.
