„Heiliger Sylvester!“

Die Wag­ners tan­zen nach­mit­tags um ih­ren Weih­nachts­baum, be­fin­den das ab­ge­lau­fe­ne Jahr für gut und be­ge­ben sich zwi­schen eins und zwei zur Ruhe.

Mit­tel­al­ter­li­che Dar­stel­lung der Krö­nung von Papst Sil­ves­ter I. durch Kai­ser Kon­stan­tin, Fres­ko in San­ti Quat­tro Co­ro­na­to in Rom – Vor­la­ge: Wiki­me­dia Commons

Was un­se­ren pan­de­mie­ge­plag­ten Jah­res­wech­sel von dem der Wag­ners vor 150 Jah­ren un­ter­schei­det, liegt auf der Hand. Ri­chard und Co­si­ma Wag­ner konn­ten in ih­rer Trib­sche­ner Fa­mi­li­en-Idyl­le auf ein sehr gu­tes Jahr zu­rück­bli­cken: 1871 kris­tal­li­sier­te sich ihre Zu­kunft in Bay­reuth her­aus, ent­stand zur Un­ter­stüt­zung der Fest­spiel­plä­ne in Mann­heim der ers­te Wag­ner­ver­ein. Au­ßer­dem voll­ende­te Wag­ner „Sieg­fried“, kom­po­nier­te Tei­le der „Göt­ter­däm­me­rung“ so­wie sei­nen Kai­ser­marsch und konn­te die ers­ten Bän­de sei­ner Ge­sam­mel­ten Schrif­ten her­aus­ge­ben. Co­si­ma no­tier­te in ihr Tagebuch:
Sonn­tag 31ten Hei­li­ger Syl­ves­ter; die Kin­der und wir recht hei­ter; R. hat­te zu sei­nem Schre­cken be­merkt, daß er acht Tage lang ei­nen Brief von mir an Frau We­sen­donck (Ab­sa­ge) hat­te lie­gen­las­sen, wes­halb ich noch ein­mal schrei­be; auch dem Sans­krit-Pro­fes­sor in Flo­renz, Herrn De Gu­ber­na­tis, schrei­be ich, und R. un­ter­zeich­net; er will ihn nicht ko­pie­ren, er sagt, es sei ihm ganz recht, daß die Leu­te wis­sen, was ich ihm sei. Hüb­scher Brief des Wag­ner­ver­ein in Mann­heim; „der Ge­maß­re­gel­te, der Trib­sch­ner, der Ce­re­mo­ni­en­meis­ter, der Spre­cher und der Stra­te­ge“ Der Kö­nig schickt Pho­to­gra­phien nach Tris­tan! Nach­mit­tags zün­den wir den Baum wie­der an und tan­zen um ihn her­um; Ri­chard spielt uns auf. Abends bis Mit­ter­nacht auf­ge­blie­ben, un­ser Jahr über­blickt und es gut be­fun­den; herz­li­che Glück­wün­sche. Zwi­schen eins und zwei be­ge­ben wir uns zur Ruhe.
Auch Wag­ner hat üb­ri­gens an die­sem Tag ei­nen län­ge­ren Brief ge­schrie­ben, und zwar an Fried­rich Feus­tel in Bay­reuth, den er un­ter an­de­rem um Un­ter­stüt­zung bei der Woh­nungs­su­che bit­tet, bis der ge­plan­te ei­ge­ne Neu­bau, die noch na­men­lo­se Vil­la Wahn­fried, be­zo­gen wer­den kann:
Wie nun bis da­hin dort mich so be­hel­fen, dass ich mit mei­ner lie­ben Fa­mi­le das Aus­hal­ten nicht be­schwer­lich fin­den muss? Diess ist die Fra­ge, für de­ren Lö­sung ich mich nur an Sie wen­den kann. In der Stadt Bay­reuth selbst wür­de mein Un­ter­kom­men ge­wiss schwer­lich zu fin­den sein. Es wür­de mir un­mög­lich sein, die zahl­rei­che klei­ne Fa­mi­lie mei­ner lie­ben Frau so­lan­ge in ein en­ge­res Wohn­haus, mit etwa ei­nem dürf­ti­gen Stadt­gärt­chen, ein­zu­schlies­sen, nach­dem sie hier die schöns­te und wei­tes­te Frei­heit ge­nos­sen. Ich den­ke da­her ein­zig an ei­nen je­ner grös­se­ren, ehe­ma­li­gen ad­li­gen Land­sit­ze, wel­che man mir als ‚Schös­ser‘ mit Gär­ten, oder gar ‚Parks‘, in ei­ner Ent­fer­nung von 1 bis 2 Stun­den von der Stadt be­zeich­ne­te, und wel­che mir für dau­ern­de Nie­der­las­sung an­ge­bo­ten wur­den, für wel­che ich die­se Nach­wei­sun­gen je­doch so­gleich ab­wies, da ich – für die Dau­er eben – in un­mit­tel­ba­rer Nähe der Stadt ein­zig mich nie­der­las­sen woll­te, wes­halb ich mich denn auch ge­nö­thigt sah, da ich das Ge­wünsch­te hier nicht fand, bloss auf die Er­wer­bung ei­nes Grund­stü­ckes aus­zu­ge­hen, um die­ses mir erst zur Nie­der­las­sung her­rich­ten zu lassen.
Ja, R. konn­te auch aus­ufern­de Sät­ze schreiben.

Quel­len: Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher: Band I, S. 1594. Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe, S. 34755 (vgl. Co­si­ma-Ta­ge­bü­cher 1, S. 471-472); Ri­chard Wag­ner: Sämt­li­che Brie­fe, Band 23 (hg. v. An­dre­as Mielke). 

Ähnliche Beiträge