Die Frauen zerlegen Wotans Spiel

Ka­tha­ri­na Wag­ner ver­wan­delt in Shang­hai „Die Wal­kü­re“, den ers­ten Tag der „Ring“-Tetralogie ih­res Groß­va­ters, in ein grel­les Macht­spiel aus Re­geln, Ab­hän­gig­kei­ten und weib­li­cher Do­mi­nanz. Eine Kri­tik von Mar­ko Cirkovic.

„Walküre“-Werbewand vor dem Shang­hai Grand Theat­re – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Shang­hai, 26. April 2026. Ka­tha­ri­na Wag­ners Shang­hai­er „Wal­kü­re“ ist kein Abend, der sich in ei­nem ein­zi­gen Zu­griff er­schöp­fen lie­ße. Zu deut­lich grei­fen hier sze­ni­sches Kon­zept, or­ches­tra­le Ri­si­ko­be­reit­schaft und vo­ka­le Prä­senz in­ein­an­der; zu sehr lebt die Pro­duk­ti­on von der Rei­bung zwi­schen Bild und Klang, zwi­schen Re­gie­ge­dan­ke und mu­si­ka­li­scher Ent­fal­tung, zwi­schen thea­tra­li­scher Über­zeich­nung und je­ner gro­ßen emo­tio­na­len Me­cha­nik, aus der Wag­ner sei­ne ei­gent­li­che Wucht ge­winnt. Wer die­sen Abend nur nach­er­zählt, ver­fehlt ihn. Wer ihn nur deu­tet, un­ter­schlägt sei­ne un­mit­tel­ba­re Büh­nen­en­er­gie. Des­halb ist die­se Kri­tik zwei­stu­fig an­ge­legt. Zu­nächst fol­gen drei ver­dich­te­te Be­trach­tun­gen: zur In­sze­nie­rung Ka­tha­ri­na Wag­ners, zu Xu Zhong und dem Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra so­wie zu den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern. Sie sol­len den Abend in sei­nen we­sent­li­chen Kräf­ten er­fas­sen und ein kla­res Ur­teil er­mög­li­chen, ohne den Le­ser so­fort in alle Ver­äs­te­lun­gen die­ser Pro­duk­ti­on hinabzuziehen.

Wer da­nach tie­fer ein­tau­chen möch­te, fin­det im An­schluss zwei aus­führ­li­che­re Ana­ly­sen: zu­erst zur mu­si­ka­li­schen Sei­te, zur Klang­dra­ma­tur­gie, Tem­po­ar­chi­tek­tur und or­ches­tra­len Ent­wick­lung des Abends; da­nach zur In­sze­nie­rung selbst, zu ih­rer Spiel- und Macht­lo­gik, ih­ren Bil­dern, ih­ren Ver­schie­bun­gen und ih­ren pro­ble­ma­ti­schen wie pro­duk­ti­ven Zu­spit­zun­gen. Die­se Ver­tie­fun­gen sind nicht Vor­aus­set­zung, um das Ur­teil zu ver­ste­hen, son­dern Er­wei­te­rung: ein zwei­ter Gang durch den­sel­ben Abend, lang­sa­mer, ge­nau­er, nä­her an je­nen Schich­ten, in de­nen die Shang­hai­er „Wal­kü­re“ ihre ei­gent­li­che Rei­bung, ihre Zu­mu­tun­gen und ihre Schlag­kraft entfaltet.

Auf­takt­bild der In­sze­nie­rung bei der Ge­ne­ral­pro­be (mit Re­gie­pult im Vor­der­grund) – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Ka­tha­ri­na Wag­ners Neu­in­sze­nie­rung der „Wal­kü­re“, die im Rah­men von „Bay­reuth in Shang­hai“ aus­drück­lich un­ter das Zei­chen des „Spiels“ ge­stellt wur­de, liest Ri­chard Wag­ners Werk nicht als mys­tisch um­flor­ten Sa­gen­raum, son­dern als grel­les Sys­tem aus Re­geln, Zü­gen, Fal­len und Ab­hän­gig­kei­ten. Das rie­si­ge „The Ring Game“ über der Ein­gangs­sze­ne ist da­bei kei­ne blo­ße Poin­te, son­dern die äs­the­ti­sche Grund­be­haup­tung des Abends: Wo­tans Welt er­scheint als Ap­pa­rat, der nicht mehr von Grö­ße, son­dern von Me­cha­nik lebt. Ge­ra­de dar­in liegt die Stär­ke der Re­gie. Sie ent­my­tho­lo­gi­siert, ohne zu ver­fla­chen, und zeigt, dass der Ring längst nicht mehr von sou­ve­rä­nen Hel­den ge­tra­gen wird, son­dern von Fi­gu­ren, die in ei­ner von ih­nen selbst er­zeug­ten Spiel­ord­nung ge­fan­gen sind. Dass Ka­tha­ri­na Wag­ner die­sen Ge­dan­ken mit Kon­se­quenz und hand­werk­li­cher Prä­zi­si­on durch­hält, ver­leiht dem Abend Pro­fil, Schär­fe und be­trächt­li­che thea­tra­li­sche Energie.

1. Akt mit Sieg­lin­de, Sieg­mund und Hun­ding in der Klei­der­kam­mer so­wie dem Es­cape Room mit der Frei­as Gold­äp­fel und Schlüs­sel tra­gen­den Esche – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Be­son­ders mar­kant ist da­bei die Ver­schie­bung der Ge­wich­te zwi­schen Män­nern und Frau­en. Die Män­ner in die­ser In­sze­nie­rung wir­ken weit­hin als Ge­trie­be­ne, Über­for­der­te, Selbst­über­schät­zer, Ge­fan­ge­ne oder gar Op­fer ih­rer Kon­struk­tio­nen, wäh­rend die Frau­en die ei­gent­li­chen Trä­ge­rin­nen des Ge­sche­hens wer­den. Sieg­lin­de ist nicht bloß Ob­jekt von Flucht, Be­geh­ren und Be­sitz, son­dern ope­ra­ti­ve Kraft; Fri­cka ist nicht nur mo­ra­li­sche Mah­ne­rin, son­dern kal­te Voll­stre­cke­rin von Form und Kon­se­quenz; Brünn­hil­de ist nicht bloß re­bel­li­sche Toch­ter, son­dern jene Fi­gur, die Ord­nung zu­gleich er­kennt, zer­bricht und über­schrei­tet. Da­durch ent­steht ein star­kes Bild weib­li­cher Do­mi­nanz, das nicht pa­ro­len­haft be­haup­tet, son­dern thea­tra­lisch ge­zeigt wird: Die Frau­en rich­ten die­se Welt für die Män­ner ein, hal­ten sie in Gang, ent­lar­ven sie, räu­men hin­ter ih­nen auf und füh­ren sie schließ­lich an die Gren­zen ih­rer Macht. Ge­ra­de dar­in ge­winnt die In­sze­nie­rung ihre ei­gent­li­che Mo­der­ni­tät, ohne sich im Po­li­ti­schen er­schöp­fen zu müssen.

1. Akt mit Sieg­lin­de (Ma­nue­la Uhl), Hun­ding (Wil­helm Schwing­ham­mer) und Sieg­mund (Vin­cent Wolf­stei­ner) – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Ihre stärks­ten Bil­der be­zieht die­se „Wal­kü­re“ aus ei­ner be­wusst zu­ge­spitz­ten Sym­bol­spra­che. Die über­all be­gehr­ten gol­de­nen Äp­fel ma­chen aus der gött­li­chen Welt eine Öko­no­mie der pa­ni­schen Selbst­er­hal­tung; das Wal­hall-Puz­zle ver­dich­tet Wo­tans Herr­schaft zur ver­zwei­fel­ten Bas­tel­ar­beit an ei­ner längst brü­chi­gen Ord­nung; die Wal­kü­ren als Putz­frau­en ent­lar­ven den he­roi­schen Krieg als blo­ße Lo­gis­tik der Be­sei­ti­gung. In sol­chen Mo­men­ten ist der Abend von fast bos­haf­ter Klar­heit. Er zeigt nicht nur, dass die­se Welt un­ter­ge­hen muss, son­dern auch, war­um: weil sie nur noch durch Nach­schub, Ver­wal­tung und Wie­der­ho­lung funk­tio­niert. Wo Ka­tha­ri­na Wag­ner die Män­ner­bil­der de­mon­tiert und die my­tho­lo­gi­schen Ober­flä­chen in kal­te Büh­nen­me­cha­nik über­setzt, ist ihre Re­gie klug, un­ter­halt­sam und von sel­te­ner Bild­kraft. Man­che Ein­grif­fe ge­hen frei­lich zu weit, vor al­lem dort, wo Fi­gu­ren­hand­lun­gen grob um­ver­teilt wer­den und Wag­ners fei­ne­re Tra­gik durch Ef­fek­te des Aus­schal­tens er­setzt wird. Ge­ra­de die Ver­la­ge­rung zen­tra­ler Schuld­mo­men­te schwächt mit­un­ter die in­ne­re Raf­fi­nes­se des Stücks.

1. Akt mit Sieg­lin­de vor dem mit Schwer­tern ge­spick­ten Raum – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Von ho­her hand­werk­li­cher Qua­li­tät ist da­bei vor al­lem das Büh­nen­bild, das Karl­heinz Beer für die­se Pro­duk­ti­on ge­schaf­fen hat: Es be­sitzt Wucht, Prä­zi­si­on und jene tech­ni­sche Ver­läss­lich­keit, ohne die ein so stark bild­ori­en­tier­ter Abend so­fort in sich zu­sam­men­sin­ken wür­de. Ge­ra­de in den spä­te­ren Ak­ten zeigt sich je­doch auch sei­ne Schwä­che. Was im ers­ten Auf­zug noch als klar ge­setz­te, har­te, les­ba­re Zei­chen­welt funk­tio­niert, ge­rät im zwei­ten und drit­ten Auf­zug zu­neh­mend in eine Über­la­dung der Ebe­nen, Sym­bo­le und Ap­pa­ra­tu­ren, so­dass das Auge zwar un­ab­läs­sig be­schäf­tigt, der Blick auf das We­sent­li­che aber nicht im­mer ge­schärft wird. Man spürt dann, dass das Bild mehr be­haup­tet, als es dra­ma­tur­gisch noch bün­delt. Umso stim­mi­ger ar­bei­tet da­ge­gen das Licht von Pe­ter Younes, das die­se Re­gie nicht bloß aus­leuch­tet, son­dern ihr oft erst die nö­ti­ge At­mo­sphä­re, Käl­te, Zu­spit­zung und räum­li­che Span­nung ver­leiht; es fängt man­ches auf, was das Büh­nen­bild in sei­ner Über­fül­le zu ver­lie­ren droht. Zu­sam­men mit den Kos­tü­men von Do­ro­thea Ni­co­lai und der dra­ma­tur­gi­schen Ar­beit Da­ni­el We­bers ent­steht so ein vi­su­ell und kon­zep­tio­nell stark ge­bau­ter Abend, des­sen äs­the­ti­sche Hand­schrift un­ver­kenn­bar ist, auch wenn er sich im wei­te­ren Ver­lauf nicht im­mer vor der Ver­su­chung be­wahrt, aus Fül­le Über­ge­wicht wer­den zu lassen.

1. Akt mit Sieg­mund und Sieg­lin­de im Schwer­ter­raum – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Und doch über­wiegt am Ende deut­lich der Ein­druck ei­nes star­ken, auf­re­gen­den, sehr le­ben­di­gen Opern­abends. Die­se In­sze­nie­rung ist nicht ma­kel­los, aber sie ist nie lau. Sie wagt Über­zeich­nung, ris­kiert Zu­mu­tung, sucht star­ke Bil­der und ver­fügt zu­gleich über je­nes un­ver­zicht­ba­re Re­gie­hand­werk, das aus Ein­zel­ideen ei­nen wirk­li­chen Abend formt. So ent­steht eine „Wal­kü­re“, die at­met, reizt, un­ter­hält und im­mer wie­der mit in­tel­lek­tu­el­ler Schär­fe auf­blitzt. Sie ist kri­tisch, aber nicht un­er­quick­lich theo­re­tisch; sie ist zu­ge­spitzt, aber nicht leer; sie ist streit­bar, aber in ih­rer Grund­hal­tung klar ge­lun­gen. Ka­tha­ri­na Wag­ner zeigt in Shang­hai kei­nen ehr­fürch­ti­gen Wag­ner-Kult, son­dern ein bild­mäch­ti­ges, kräf­tig ge­bau­tes Mu­sik­thea­ter, das Schwä­chen hat, aber ge­ra­de durch sei­nen Mut, sei­ne Kon­se­quenz und sei­ne Büh­nen­wirk­sam­keit im Ge­dächt­nis bleibt.

2. Akt Ge­samt­an­sicht zu Be­ginn mit dem oben schla­fen­den Faf­ner – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Was Xu Zhong mit dem Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra in die­ser Neu­pro­duk­ti­on wag­te, de­ren Stimm­füh­rer aus den Rei­hen des Bay­reu­ther Fest­spiel­or­ches­ters ka­men, war kein vor­sich­ti­ges Her­an­tas­ten an Wag­ner, kein re­spekt­voll ab­ge­zir­kel­tes Klang­mu­se­um, son­dern ein Di­ri­gat un­ter Hoch­span­nung: mu­tig, manch­mal bei­na­he über die ei­ge­ne Gren­ze hin­aus­ge­trie­ben, in sei­nen stärks­ten Mo­men­ten gran­di­os. Ge­ra­de weil Wag­ner hier nicht in rou­ti­nier­ter mit­tel­eu­ro­päi­scher Selbst­ver­ständ­lich­keit ver­wal­tet wur­de, son­dern mit ei­ner enor­men phy­si­schen, ana­ly­ti­schen und klang­li­chen An­stren­gung neu er­ar­bei­tet schien, ge­wann die Auf­füh­rung ihre be­son­de­re En­er­gie. Das Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra spiel­te für ein chi­ne­si­sches Or­ches­ter, das sich ei­nem der hei­kels­ten, at­mungs­in­ten­sivs­ten und ar­chi­tek­to­nisch tü­ckischs­ten Wer­ke des Wag­ner-Re­per­toires stell­te, über wei­te Stre­cken mit er­staun­li­cher Prä­zi­si­on. Nicht al­les ging rest­los auf, vor al­lem im ers­ten Auf­zug gab es ein­zel­ne Mo­men­te, in de­nen die vom Di­ri­gen­ten ein­ge­for­der­te Schär­fe und Be­weg­lich­keit die or­ches­tra­le Kon­trol­le kurz an den Rand führ­te. Doch ge­ra­de die­se Ri­si­ko­be­reit­schaft ver­lieh dem Abend sei­ne elek­tri­sche Spannung.

2. Akt mit den drei Rhein­töch­tern im Bäl­le­bad und Wo­tan beim Start des Puz­zle­le­gens – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Die sän­ge­ri­sche Ge­samt­bi­lanz die­ser „Wal­kü­re“ be­stä­tigt auf frap­pie­ren­de Wei­se, was be­reits die In­sze­nie­rung als Grund­span­nung des Abends for­mu­liert: Die Frau­en tra­gen, ord­nen, ver­dich­ten, be­herr­schen. Sie sind nicht bloß dra­ma­ti­sche Ge­gen­po­le, son­dern die ei­gent­li­chen Gra­vi­ta­ti­ons­zen­tren die­ses Abends. Um sie her­um ge­ra­ten die Män­ner in Be­we­gung, wer­den her­aus­ge­for­dert, ent­larvt, er­ho­ben oder auch er­nied­rigt. Da­bei ist grund­sätz­lich zu be­rück­sich­ti­gen, dass die Pro­duk­ti­on ih­ren Sän­ge­rin­nen und Sän­gern kei­ne Schon­räu­me bie­tet. Sie ver­langt kei­ne vo­ka­le Re­prä­sen­ta­ti­on im al­ten Sinn, son­dern ein Sin­gen un­ter per­ma­nen­ter sze­ni­scher Be­las­tung: un­ter Be­we­gung, un­ter kör­per­li­cher Ex­po­niert­heit, un­ter Bil­dern, die nicht im­mer aus der Lo­gik der Stim­me ge­bo­ren sind. Dass die­ser Cast un­ter sol­chen Be­din­gun­gen ins­ge­samt so ge­schlos­sen trägt, ist be­reits eine be­acht­li­che Leistung.

2. Akt mit Fri­cka, Wo­tan so­wie den Rhein­töch­tern – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Vin­cent Wolf­stei­ner singt den Sieg­mund mit ei­ner Leich­tig­keit, die in grel­lem, fast pro­duk­ti­vem Wi­der­spruch zu der Här­te steht, in die die­se In­sze­nie­rung die Fi­gur stellt. Ge­ra­de dar­in ge­winnt sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on Pro­fil. Er nimmt Sieg­mund nicht als blo­ßen Lei­dens­hel­den, nicht als vo­ka­len Dau­er­sturm, son­dern als ei­nen Mann, des­sen in­ne­re Wür­de sich aus Klar­heit, Atem und ei­ner hel­len Sou­ve­rä­ni­tät speist. Die Stim­me be­sitzt Kraft, aber sie protzt nicht mit ihr. Sie öff­net sich in den gro­ßen Bö­gen, fin­det im Le­ga­to jene sehn­süch­ti­ge Li­nie, die Wag­ner der Fi­gur ein­schreibt, ohne in blo­ße Kan­ti­le­nen-Se­lig­keit ab­zu­glei­ten. Wolf­stei­ner phra­siert nu­an­cen­reich, ach­tet auf die vo­ka­le Bin­nen­ar­chi­tek­tur der Sze­ne und lässt die Stim­me im rich­ti­gen Mo­ment weich wer­den, ohne ihr Zen­trum zu verlieren.

2. Akt mit Fri­cka (Anna Ma­ria Chi­uri) und Wo­tan (She­n­yang) – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Be­son­ders über­zeu­gend ist, dass er Sieg­munds ly­ri­sche und he­roi­sche An­tei­le nicht ge­gen­ein­an­der aus­spielt. Das Zar­te bleibt männ­lich, das Kraft­vol­le bleibt ge­stal­tet. Wenn die Par­tie im zwei­ten Auf­zug grö­ber, auf­ge­ris­se­ner, emo­tio­nal di­rek­ter wer­den muss, ver­schiebt Wolf­stei­ner die Far­be, nicht ein­fach nur die Laut­stär­ke. Im Dia­log mit Brünn­hil­de ge­winnt sein Sieg­mund eine be­son­de­re In­ten­si­tät: Hier kommt ein an­de­res Ma­te­ri­al in die Stim­me, mehr Wi­der­stand, mehr see­li­sche Rei­bung, eine dunk­le­re Fa­ser. Er wi­der­spricht vo­kal, mit Aus­druck, mit Ver­stand und mit je­ner in­ne­ren Sou­ve­rä­ni­tät, die die­se Fi­gur so ge­fähr­lich macht: Sieg­mund ist bei ihm nicht nur Op­fer des Sys­tems, son­dern des­sen le­ben­di­ger Gegenbeweis.

2. Akt mit den durch die Räu­me ir­ren­den Wäl­sun­gen – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Ma­nue­la Uhl gibt der Sieg­lin­de eine Stim­me von be­trächt­li­cher Kraft und dra­ma­ti­scher Prä­senz. Ihr Tim­bre be­sitzt eine ge­wis­se Schär­fe, die nicht im­mer voll­kom­men ein­ge­bun­den wirkt, aber ge­ra­de hier eine ei­ge­ne Wahr­heit ent­fal­tet. Sieg­lin­de ist kei­ne rei­ne Lei­den­si­ko­ne, kei­ne in schö­nen Li­ni­en kon­ser­vier­te Un­schuld, son­dern eine Frau un­ter Hoch­span­nung. Uhl führt die Par­tie mit in­tel­li­gen­tem Sinn für Li­nie und dra­ma­ti­sche Ver­dich­tung, auch wenn das an­spruchs­voll wech­seln­de or­ches­tra­le Tem­po ihr nicht in je­dem Au­gen­blick ide­al ent­ge­gen­kommt. Manch­mal fehlt die letz­te or­ga­ni­sche Run­dung, manch­mal steht die Stim­me et­was ex­po­niert ge­gen den Graben.

2. Akt mit Sieg­mund (Vin­cent Wolf­stei­ner) und Sieg­lin­de (Ma­nue­la Uhl) – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Doch je wei­ter der Abend vor­an­schrei­tet, des­to stär­ker ver­dich­tet sich ihre Leis­tung. Im zwei­ten Auf­zug ge­winnt ihre Sieg­lin­de an Kon­tur, an in­ne­rem Bren­nen, an vo­ka­ler Ziel­rich­tung. Und im drit­ten Auf­zug schla­gen ihre Schluss­ru­fe mit ei­ner mo­nu­men­ta­len Schär­fe ein, die nicht bloß Ef­fekt ist, son­dern exis­ten­zi­el­le Zu­spit­zung. Die­se Rufe ha­ben et­was Er­schüt­tern­des, weil sie nicht aus vo­ka­ler Schön­heit al­lein ent­ste­hen, son­dern aus dra­ma­ti­scher Not­wen­dig­keit. Uhl fin­det hier den Punkt, an dem Klang zur Wun­de wird.

2. Akt Schluss mit Fri­cka, Wo­tan, Sieg­mund, Sieg­lin­de und Hun­ding – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Das Zen­trum des Abends aber ist Ca­the­ri­ne Fos­ter als Brünn­hil­de. Sie führt die­sen Cast nicht ein­fach an, sie über­ragt ihn als sän­ge­ri­sches und dar­stel­le­ri­sches Mo­nu­ment. In ih­rer Brünn­hil­de bün­delt sich eine jahr­zehn­te­lang ge­form­te Er­fah­rung mit die­ser Par­tie zu et­was, das weit über rou­ti­nier­te Rol­len­si­cher­heit hin­aus­geht. Fos­ter singt nicht nur Brünn­hil­de, sie be­sitzt die in­ne­re To­po­gra­fie die­ser Fi­gur: ihre An­griffs­lust, ihre Nai­vi­tät, ihr Er­wa­chen, ihre Er­schüt­te­rung, ihre Lie­be, ih­ren Ge­hor­sams­bruch, ihre Grö­ße. Man hört in die­ser In­ter­pre­ta­ti­on kei­nen blo­ßen Kraft­akt, son­dern eine Es­senz der Rol­le, ge­formt aus Tech­nik, Er­in­ne­rung, Dis­zi­plin und völ­li­ger Hingabe.

2. Akt Schluss mit Brünn­hil­de (Ca­the­ri­ne Fos­ter), Hun­ding (Wil­helm Schwing­ham­mer) und Fri­cka (Anna Ma­ria Chi­uri) – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Das Fas­zi­nie­ren­de an Fos­ter ist die Ver­bin­dung von Kon­trol­le und Ur­ge­walt. Ihre Brünn­hil­de ver­fügt über jene Durch­schlags­kraft, die die Par­tie ver­langt, doch sie schleu­dert die Stim­me nicht ver­schwen­de­risch in den Raum. Sie haus­hal­tet in­tel­li­gent mit den Re­ser­ven, setzt Ak­zen­te mit stra­te­gi­scher Ge­nau­ig­keit und weiß, wann eine Li­nie ge­tra­gen, wann ein Ton auf­ge­la­den, wann eine Phra­se nicht ge­sun­gen, son­dern see­lisch frei­ge­legt wer­den muss. Nicht al­les klingt voll­kom­men ma­kel­los. Aber ge­ra­de un­ter den Be­din­gun­gen die­ser In­sze­nie­rung, die den Kör­per der Sän­ge­rin sicht­bar for­dert und der Stim­me kei­ne mu­sea­le Schutz­vi­tri­ne baut, wird dar­aus kein Man­gel, son­dern Teil der Wahr­heit. Die­se Brünn­hil­de lebt nicht aus po­lier­ter Ober­flä­che, son­dern aus Fül­le, Er­fah­rung und dra­ma­ti­scher Glaubwürdigkeit.

2. Akt Schluss mit Wo­tan (She­n­yang) und Fri­cka (Anna Ma­ria Chi­uri) – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Im drit­ten Auf­zug er­reicht die­se Leis­tung ihre vol­le Pracht. Da ist plötz­lich eine Zart­heit, die nicht ver­klei­nert, son­dern ver­tieft. Eine Wahr­haf­tig­keit der Phra­sie­rung, eine Schön­heit des Tons, die nicht de­ko­ra­tiv wirkt, son­dern wie ein letz­ter Rest un­ver­sehr­ter Mensch­lich­keit im Zen­trum ei­nes gna­den­lo­sen Ap­pa­rats. Ge­ra­de die „Ver­ban­nung“ Brünn­hil­des ist hier je­doch nicht als klas­si­scher, vo­kal dank­ba­rer Ab­schieds­raum an­ge­legt. Sie er­scheint nicht als gro­ße, ru­hen­de Fi­nal­sze­ne, in der die Sän­ge­rin ihre Par­tie gleich­sam auf dem gol­de­nen Tep­pich aus­brei­ten könn­te, son­dern als Ge­gen­be­we­gung: ge­gen die Er­war­tung, ge­gen den tra­di­tio­nel­len Pa­thos­rah­men, ge­gen die Be­quem­lich­keit der gro­ßen Wag­ner-Ges­te. Fos­ter nimmt die­se Rei­bung an. Ihre Brünn­hil­de wird nicht ein­fach ver­ab­schie­det, sie ver­ab­schie­det Wo­tan. Zum Fi­na­le hin ent­steht dar­aus eine kraft­vol­le at­mo­sphä­ri­sche Ge­walt, eine Mi­schung aus Trotz, Schmerz und Wür­de. Hier steht eine Brünn­hil­de auf der Büh­ne, die weiß, dass Grö­ße bei Wag­ner nie bloß Laut­stär­ke be­deu­tet, son­dern die Fä­hig­keit, den Klang mit Schick­sal zu sättigen.

3. Akt Wal­kü­ren­ritt – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Anna Ma­ria Chi­uri ist als Fri­cka die maß­geb­li­che Über­ra­schung des Abends. Was sie aus die­ser oft un­dank­bar miss­ver­stan­de­nen Par­tie macht, ist weit mehr als eine sou­ve­rä­ne Ne­ben­fi­gur. Ihre Fri­cka wird zu ei­nem Mo­nu­ment ei­ge­ner Art: groß, un­er­bitt­lich, in­tel­li­gent, vo­kal ge­wal­tig und dar­stel­le­risch von schar­fer Kon­tur. Chi­uri führt die Stim­me mit be­ein­dru­cken­der Au­to­ri­tät. Sie be­sitzt das Me­tall, die Schär­fe und die dunk­le Sub­stanz, die Frick­as An­spruch auf Ord­nung, Recht und Macht glaub­haft ma­chen. Zu­gleich ver­mei­det sie das bloß Fu­ri­en­haf­te. Die­se Fri­cka ist nicht nur kei­fen­der Ge­gen­part, son­dern eine Frau von staats­recht­li­cher Käl­te und ver­letz­ter Würde.

3. Akt mit den Wal­kü­ren, Wo­tan (She­n­yang) und Brünn­hil­de (Ca­the­ri­ne Fos­ter) – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Ge­ra­de ihre vo­ka­le In­tel­li­genz macht den Auf­tritt so stark. Chi­uri mo­del­liert die Phra­sen nicht nur nach dra­ma­ti­scher Wucht, son­dern nach ar­gu­men­ta­ti­ver Lo­gik. Man hört bei ihr, wie Fri­cka denkt. Die De­kla­ma­ti­on hat Rich­tung, die Ak­zen­te sit­zen, die Stim­me weiß um die Macht der Kon­so­nan­ten und um die Ge­fähr­lich­keit ei­nes kon­trol­lier­ten Tons. Sie stei­gert sich Schritt für Schritt, qua­li­ta­tiv wie spie­le­risch, und je län­ger die­se Sze­ne dau­ert, des­to deut­li­cher ver­schiebt sich das Kräf­te­ver­hält­nis. Fast wirkt sie zu groß für Wo­tan. Aber ge­ra­de dar­in liegt die sze­ni­sche Wahr­heit die­ses Abends. In ei­ner In­sze­nie­rung, die die Frau­en als be­stim­men­de Kräf­te ernst nimmt, muss Fri­cka Wo­tan nicht nur wi­der­spre­chen. Sie muss ihn über­ra­gen kön­nen. Chi­uri er­füllt ge­nau die­se Bedingung.

3. Akt Brünn­hil­de und Wo­tan – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

She­n­yangs Wo­tan De­büt ist die größ­te und zu­gleich am­bi­va­len­tes­te Schwä­che die­ses Sän­ger­ensem­bles. Am­bi­va­lent des­halb, weil das vo­ka­le Ma­te­ri­al kei­nes­wegs schwach ist. Im Ge­gen­teil: Er be­sitzt eine glanz­voll schö­ne Stim­me, eine kul­ti­vier­te Li­nie, eine an­ge­neh­me vo­ka­le Ober­flä­che und ein er­staun­lich ver­ständ­li­ches Deutsch, das mit ei­nem leicht ame­ri­ka­nisch ge­färb­ten Ak­zent ver­se­hen ist, aber klar und prä­gnant bleibt. Ge­ra­de die sprach­li­che Klar­heit macht die ei­gent­li­che Pro­ble­ma­tik umso sicht­ba­rer. Denn Ver­ständ­lich­keit ist hier nicht gleich Text­ver­ständ­nis. Man hört die Wor­te, doch man spürt zu sel­ten die in­ne­ren Ris­se, aus de­nen Wo­tans Spra­che ei­gent­lich ent­ste­hen müsste.

3. Akt mit Ca­the­ri­ne Fos­ter als Brünn­hil­de – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Wo­tan ist in der „Wal­kü­re“ kein blo­ßer Herr­scher, son­dern ein We­sen, das in den ei­ge­nen Ver­trä­gen ge­fan­gen ist: ein Gott, der sei­ne Macht noch aus­spricht, wäh­rend sie ihm be­reits ent­glei­tet. Bei She­n­yang bleibt da­von zu viel an der Ober­flä­che. Er führt häu­fig die vor­der­grün­di­ge Li­nie, aber nicht das in­ne­re Dra­ma. Die gro­ßen mo­no­lo­gi­schen Pas­sa­gen brau­chen nicht nur schö­nen Klang, son­dern eine ge­dank­li­che Zer­set­zung in Echt­zeit. Jede Phra­se müss­te zei­gen, wie Wo­tan an sich selbst schei­tert. Die­se Schat­tie­run­gen des Wi­der­spruchs feh­len zu oft. Manch­mal spielt ihm der Di­ri­gent die pas­sen­de At­mo­sphä­re zu, manch­mal liegt der Ball ge­ra­de­zu vor ihm, und wenn She­n­yang ihn auf­nimmt, wird es tat­säch­lich span­nend. Doch die­se Mo­men­te blei­ben zu vereinzelt.

Wo­tan (She­n­yang) mit den Wal­kü­ren – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Be­son­ders im zwei­ten Auf­zug, dort, wo Wo­tan in der Er­kennt­nis sei­ner ei­ge­nen Aus­weg­lo­sig­keit ei­gent­lich ins Zen­trum der Tra­gö­die tre­ten müss­te, wird es in­ner­lich ne­bu­lös. Kurz scheint al­les mög­lich, dann ent­glei­tet die ent­schei­den­de Zu­spit­zung. Auch sein Ab­schied, die Feu­er­pro­be je­des gro­ßen Wo­tan, ge­lingt nur be­dingt. Al­ler­dings muss auch hier gel­ten: Die In­sze­nie­rung macht es ihm nicht leicht. Sie sucht nicht den tra­di­tio­nel­len Schutz­raum für Wo­tans gro­ße Fi­nal­ges­te, son­dern setzt dem Pa­thos eine sze­ni­sche Ge­gen­be­we­gung ent­ge­gen. Den­noch müss­te ge­ra­de dar­aus eine umso tie­fe­re in­ne­re Span­nung ent­ste­hen. She­n­yang singt die­sen Mo­ment eh­ren­wert, mit schö­ner vo­ka­ler Sub­stanz und kon­trol­lier­ter Li­nie, aber nicht mit je­ner me­ta­phy­si­schen Mü­dig­keit, je­ner schmerz­haf­ten Zärt­lich­keit und je­ner ab­grün­di­gen Selbst­ent­blö­ßung, die die­se Sze­ne braucht. So bleibt sein Wo­tan re­spek­ta­bel, teil­wei­se so­gar schön, aber zu sel­ten notwendig.

3. Akt mit Brünn­hil­de und Wo­tan im Auf­zug nach oben zu Faf­ner – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Wil­helm Schwing­ham­mer gibt dem Hun­ding Ele­ganz und Grö­ße in der Stim­me. Sein Bass be­sitzt Klar­heit, Fun­da­ment und eine kul­ti­vier­te Kraft, die der Fi­gur Wür­de ver­leiht. Zu Be­ginn fehlt ihm al­ler­dings et­was von je­ner un­mit­tel­ba­ren Be­droh­lich­keit, die Hun­ding als häus­li­che, kör­per­li­che, so­zia­le Ge­fahr eta­blie­ren müss­te. Der Klang ist eher no­bel als fins­ter, eher ge­ord­net als ge­fähr­lich. Doch Schwing­ham­mer stei­gert sich rasch in sei­ner In­ten­si­tät. Je stär­ker die Fi­gur in das dra­ma­ti­sche Ge­fü­ge ein­greift, des­to mehr ge­winnt sei­ne Stim­me an Schlag­schat­ten. Er bleibt kein dä­mo­ni­scher Hun­ding, aber ein vo­kal sehr acht­ba­rer, zu­neh­mend prä­sen­ter Gegenspieler.

3. Akt mit dem Feu­er­kreis, der Wo­tan um­schließt – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Die Wal­kü­ren mit Xu Xia­oy­ing als Ger­hil­de, Zhou Fan als Ort­lin­de, Wang Xia­o­xi als Wal­trau­te, Nina Ehr­ström als Schwert­lei­te, Luan Yiti­an als Helm­wi­ge, Wang Bi­hua als Sie­gru­ne, Jia Wen­xu­an als Grim­ger­de und Cao Lin als Ross­wei­ße bil­den eine so­li­de, en­er­ge­ti­sche Grup­pe, die al­ler­dings nicht in je­der Hin­sicht fein aus­ta­riert wirkt. Sprach­lich bleibt man­ches pau­schal, dar­stel­le­risch wird bis­wei­len eher über­zeich­net als durch­drun­gen. Es scheint, als wol­le die­se Grup­pe aus dem be­rühm­ten Mo­ment un­be­dingt ein Ma­xi­mum her­aus­ho­len, und ge­ra­de da­durch ge­rät der Auf­tritt stel­len­wei­se über die Gren­ze des Mu­si­ka­lisch-Dra­ma­ti­schen hinaus.

3. Akt Brünn­hil­de ver­ab­schie­det Wo­tan und Fri­cka – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Das ist nicht ohne Wir­kung. Der Wal­kü­ren­ritt darf und muss ein Aus­nah­me­zu­stand sein. Er ist bei Wag­ner kein ge­pfleg­tes En­sem­ble­ta­bleau, son­dern eine erup­ti­ve Sze­ne zwi­schen Schlacht­feld, Fa­mi­li­en­ri­tu­al und hys­te­ri­scher Kriegs­lo­gis­tik. In Ver­bin­dung mit der or­ches­tral zu­ge­spitz­ten En­er­gie be­kommt die­se Vo­kal­sei­te fast gro­tes­ke Züge. Das kann als Stil­mit­tel ge­le­sen wer­den, zu­mal die In­sze­nie­rung oh­ne­hin mit Über­zeich­nung, Macht­ges­ten und grel­len Kon­tras­ten ar­bei­tet. Den­noch geht es sän­ge­risch ein paar Schrit­te zu weit. Der Ef­fekt do­mi­niert zeit­wei­se die Prä­zi­si­on, die Ges­te die Dif­fe­ren­zie­rung. Als Grup­pe tra­gen die Wal­kü­ren die Sze­ne, aber sie for­men sie nicht im­mer mit der letz­ten vo­ka­len Feinheit.

So bleibt am Ende ein star­ker, aus­ge­wo­ge­ner Cast mit kla­ren Hier­ar­chien. Die Män­ner sind acht­bar, teil­wei­se sehr gut, doch die Frau­en be­stim­men den Abend. Ma­nue­la Uhls Sieg­lin­de wächst in die Tra­gik hin­ein, Anna Ma­ria Chi­uris Fri­cka setzt ei­nen macht­vol­len, über­ra­schend gro­ßen Ak­zent, und Ca­the­ri­ne Fos­ter er­hebt Brünn­hil­de zum ei­gent­li­chen vo­ka­len Er­eig­nis der Auf­füh­rung. Ne­ben ihr wird hör­bar, was gro­ße Wag­ner-In­ter­pre­ta­ti­on im bes­ten Fall sein kann: nicht bloß Be­wäl­ti­gung ei­ner mör­de­ri­schen Par­tie, son­dern Ver­wand­lung von Tech­nik in Schicksal.

 

Tiefenanalyse: Dirigat und Orchester

Schon das Vor­spiel des ers­ten Auf­zugs mach­te deut­lich, wo­hin Xu Zhong woll­te. Die Mu­sik kam nicht als ro­man­ti­sche Wet­ter­land­schaft, son­dern als rhyth­misch hoch ver­dich­te­ter, ge­trie­be­ner Na­tur- und See­len­zu­stand. Das Blech don­ner­te scharf, fast mes­ser­spitz, je­doch nicht un­dif­fe­ren­ziert. In den At­ta­cken lag Här­te, aber auch eine kla­re Vor­stel­lung von Ge­wich­tung: Ak­zent, Nach­druck, Nach­hall, Ge­gen­be­we­gung. Be­son­ders auf­fäl­lig war, wie stark Xu Zhong die rhyth­mi­sche Un­ru­he die­ses An­fangs her­aus­ar­bei­te­te. Die be­rühm­te Sturm­be­we­gung wur­de nicht bloß als dra­ma­ti­sche Ku­lis­se ge­nom­men, son­dern als mu­si­ka­li­scher Mo­tor, als po­chen­de Un­ent­rinn­bar­keit. Das Or­ches­ter muss­te da­bei ex­trem ge­nau re­agie­ren, denn die Span­nung ent­stand nicht al­lein aus Laut­stär­ke, son­dern aus der Ver­zah­nung von pul­sie­ren­den Fi­gu­ren, un­ru­hi­gen Strei­cher­be­we­gun­gen, schnei­den­dem Blech und ei­nem stets vor­wärts­drän­gen­den Grundimpuls.

Wal­kü­ren­ritt auf der Büh­ne, Xu Zhong und das Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra im Gra­ben – Foto: © Shang­hai Grand Theatre

Da­bei war Xu Zhongs Zu­griff kei­nes­wegs ein­di­men­sio­nal schnell. Im Ge­gen­teil: Ge­ra­de im ers­ten Auf­zug zeig­te sich eine star­ke Nei­gung zum Kon­trast. Auf Pha­sen ex­tre­men Tem­pos folg­ten wie­der lang­sa­me­re Bö­gen, in de­nen die mu­si­ka­li­schen Li­ni­en aus­ge­kos­tet wur­den. Die­se Ago­gik wirk­te nicht be­lie­big, son­dern ent­sprang ei­ner kla­ren Vor­stel­lung da­von, dass Wag­ner sei­ne Span­nung aus Deh­nung und Ver­dich­tung zu­gleich ge­winnt. Die Mu­sik durf­te at­men, ohne an Be­droh­lich­keit zu ver­lie­ren. Xu Zhong gab den Vo­kal­par­tien in­ner­halb die­ses ers­ten Auf­zugs viel Raum, hielt den Or­ches­ter­klang zu­rück, wo er sich nicht auf­drän­gen durf­te, und bau­te den­noch be­stän­dig jene dunk­le Klang­ge­walt auf, die sich an den ent­schei­den­den Stel­len mit gro­ßer Wir­kung entlud.

Ge­ra­de dar­in lag eine der Stär­ken, aber auch eine der Ge­fah­ren die­ses Di­ri­gats. Xu Zhong ver­lang­te viel von sei­nem Or­ches­ter: schnel­le Um­schal­tun­gen, schar­fe Kon­tu­ren, ab­rup­te dy­na­mi­sche Zu­spit­zun­gen, weit ge­spann­te Phra­sen, plötz­lich zu­rück­ge­nom­me­ne Bin­nen­räu­me. Nicht je­der Über­gang hat­te im ers­ten Auf­zug be­reits jene ab­so­lu­te Selbst­ver­ständ­lich­keit, die spä­ter er­reicht wur­de. Hier und da schien die sonst be­mer­kens­wert hohe Prä­zi­si­on mi­ni­mal zu ent­glei­ten, als müs­se sich der Ap­pa­rat noch ganz in die­se ex­tre­me Les­art hin­ein­fin­den. Doch das wa­ren kei­ne sub­stan­ti­el­len Schwä­chen, son­dern eher die Rei­bungs­fun­ken ei­nes An­sat­zes, der nicht auf Si­cher­heit, son­dern auf Aus­druck zielte.

Zum Ende des ers­ten Auf­zugs ver­dich­te­te sich die mu­si­ka­li­sche Spra­che dann zu­neh­mend. Was zu­vor noch an ein­zel­nen Stel­len un­ter Span­nung stand, wur­de nun zur gro­ßen, ge­schlos­se­nen Li­nie. Xu Zhong ließ die Mu­sik mo­nu­men­tal wer­den, ohne ihre Ly­rik preis­zu­ge­ben. Das ist bei Wag­ner ent­schei­dend: Mo­nu­men­ta­li­tät darf hier nicht bloß Mas­se be­deu­ten, son­dern muss aus mo­ti­vi­scher Ver­dich­tung, har­mo­ni­schem Druck und at­men­der Phra­sie­rung ent­ste­hen. Ge­nau das ge­lang zu­neh­mend. Die Blä­ser fan­den zu ei­ner Prä­zi­si­on, die nicht nur klang­li­che Bril­lanz mein­te, son­dern struk­tu­rel­le Klar­heit. Das Or­ches­ter wur­de dich­ter, schwe­rer, grö­ßer, ohne un­durch­sich­tig zu wer­den. Der ers­te Auf­zug en­de­te da­mit nicht nur kraft­voll, son­dern mit dem Ein­druck, dass sich der mu­si­ka­li­sche Or­ga­nis­mus die­ses Abends ge­ra­de erst voll­stän­dig ent­zün­det hatte.

Im zwei­ten Auf­zug war die­se Ent­zün­dung dann da. Hier er­reich­te Xu Zhong eine an­de­re Ebe­ne. Das Vor­spiel kam ex­trem, flott, groß, mit har­ten Ak­zen­ten und ei­ner fast her­aus­for­dern­den Ent­schlos­sen­heit. Wenn sich das Wal­kü­ren-The­ma öff­ne­te und der Vor­hang den Blick auf das Mo­nu­men­ta­le frei­gab, ver­band sich die sze­ni­sche Wucht mit ei­ner or­ches­tra­len Zu­spit­zung, die un­mit­tel­bar Gän­se­haut er­zeug­te. Ent­schei­dend war da­bei nicht bloß das Vo­lu­men, son­dern die Art, wie Xu Zhong die Par­ti­tur las: nicht als brei­ten Klang­strom, son­dern als viel­fach ge­schich­te­te Dra­ma­tur­gie aus Rhyth­mus, Mo­tiv, Re­gis­ter­far­be und Span­nungs­kur­ve. Die Tem­pi blie­ben aben­teu­er­lich, zu­wei­len sport­lich bis ex­trem, aber sie ver­lo­ren nicht die Li­nie. Das war das Er­staun­li­che. Die­ses Di­ri­gat rann­te nicht ein­fach. Es jag­te, bog ab, hielt inne, schnell­te vor, nahm zu­rück, spann­te neu an.

Ge­ra­de die Tem­po­wech­sel wa­ren for­dernd. Xu Zhong in­ter­pre­tier­te Wag­ner nicht aus ei­ner be­que­men, mitt­le­ren Si­cher­heits­zo­ne her­aus, son­dern aus der Idee des dra­ma­ti­schen Ri­si­kos. Die Mu­sik durf­te nicht schrei­ten; sie muss­te Schub auf­neh­men, kip­pen, sich fan­gen, er­neut vor­wärts­drän­gen. Und doch wur­de sie nicht be­lie­big be­schleu­nigt. In den bes­ten Mo­men­ten ent­stand der Ein­druck ei­ner in­tel­li­gent ge­führ­ten Ur­ge­walt: ein or­ches­tra­ler Strom, der ge­nau im rich­ti­gen Au­gen­blick zu­rück­weicht, da­mit die nächs­te Wel­le umso ge­wal­ti­ger auf­stei­gen kann. Dar­in lag die in­ne­re Lo­gik die­ses zwei­ten Auf­zugs. Xu Zhong dach­te die Par­ti­tur in Kon­tras­ten, aber nicht in Brü­chen. Er setz­te auf Di­ver­si­fi­ka­ti­on des Aus­drucks, auf hel­le Schär­fe und dunk­le Grun­die­rung, auf har­te rhyth­mi­sche Zeich­nung und plötz­lich fein aus­ge­spar­te Transparenz.

Be­son­ders ein­drucks­voll ge­lang der gro­ße Dia­log­kom­plex in der Mit­te die­ses Auf­zugs. Die or­ches­tra­le Be­glei­tung wur­de hier zu ei­nem Kam­mer­spiel von un­ge­heu­rer in­ne­rer Span­nung. Aus dem dunk­len Re­gis­ter schwoll der Klang im­mer wie­der auf, mit teils har­ten, ge­ra­de­zu tek­to­ni­schen Ak­zen­ten im Blech. Doch trotz die­ser Grö­ße blieb die Mu­sik kon­trol­liert, ja in ih­ren bes­ten Mo­men­ten von tief­grei­fen­der Schön­heit. Xu Zhong mo­del­lier­te nicht bloß Stim­mun­gen, son­dern Macht­ver­hält­nis­se in Klang. Das tie­fe Re­gis­ter wur­de zur psy­cho­lo­gi­schen Gra­vi­ta­ti­on; das Blech setz­te Ein­schnit­te, die we­ni­ger de­ko­ra­ti­ve Dra­ma­tik als dra­ma­ti­sche Er­kennt­nis be­deu­te­ten. Die Rhyth­mik war gran­di­os ge­le­sen, die Ak­zen­te sa­ßen nicht als äu­ßer­li­che Ef­fek­te, son­dern als struk­tu­rel­le Si­gna­le. Hier wur­de hör­bar, wie sehr Wag­ner sei­ne Kon­flik­te aus mu­si­ka­li­schen Span­nungs­fel­dern baut: aus wie­der­keh­ren­den Mo­ti­ven, har­mo­ni­schen Ver­schie­bun­gen, ver­dun­kel­ten Klang­räu­men und je­nen lan­gen Stei­ge­run­gen, die nicht so­fort ex­plo­die­ren, son­dern erst den Druck im In­ne­ren erhöhen.

Ei­nes der feins­ten or­ches­tra­len Mo­men­te des Abends ent­stand spä­ter dort, wo die Mu­sik be­hut­sam aus der Sub­ti­li­tät her­aus­wächst. Xu Zhong führ­te die­se Pas­sa­ge nicht sen­ti­men­tal, son­dern kon­zen­triert. Die In­ten­si­tät kam ge­ra­de aus der Zu­rück­nah­me. Die Cel­li heul­ten in die­sem Mo­ment mit ei­ner Schön­heit auf, die nicht glatt war, son­dern wund, at­mend, dun­kel glü­hend. Hier be­wies das Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra eine Sen­si­bi­li­tät, die über blo­ße Prä­zi­si­on hin­aus­ging. Die Li­ni­en wur­den nicht nur rich­tig ge­spielt, son­dern mit Be­deu­tung ge­la­den. Dann aber stei­ger­te sich der gan­ze Ap­pa­rat wie­der in das gro­ße Dra­ma hin­ein. Das Tem­po blieb sport­lich, stel­len­wei­se ex­trem, und doch wur­de es ex­pres­siv, nicht ge­hetzt. Zum Fi­na­le des zwei­ten Auf­zugs hin schärf­te Xu Zhong den Aus­druck noch ein­mal er­heb­lich. Die Mu­sik be­kam Kan­ten, Druck, Feu­er. Das Ende wur­de zur über­wäl­ti­gen­den sym­pho­ni­schen Ent­la­dung, zu ei­nem Klang­er­eig­nis, das den Gra­ben nicht als Be­glei­tung, son­dern als ei­gent­li­ches dra­ma­ti­sches Zen­trum er­schei­nen ließ.

Der drit­te Auf­zug be­stä­tig­te end­gül­tig, dass die mu­si­ka­li­sche Ent­wick­lung die­ses Abends von Auf­zug zu Auf­zug stär­ker wur­de. Der Zu­griff des Di­ri­gen­ten wur­de kla­rer, die Kon­tras­te schärf­ten sich zu ei­ner schlüs­si­gen Ge­samt­li­nie. Der Wal­kü­ren­ritt war da­bei der ris­kan­tes­te Mo­ment des Abends. Xu Zhong nahm ihn in ei­ner Ex­tre­mi­tät, die hart am Draht­seil ent­lang­führ­te. Das Über­zeich­ne­te, fast grell Aus­ge­stell­te die­ser Mu­sik wur­de nicht ge­glät­tet, son­dern zu­ge­spitzt. Or­ches­tral wur­de die­se Ex­zen­trik na­he­zu kom­plet­tiert: schar­fe rhyth­mi­sche Kon­tu­ren, vor­wärts­peit­schen­de Be­we­gung, ein Blech, das nicht bloß glänz­te, son­dern schnitt. Das war kein de­ko­ra­ti­ver Pa­ra­de­ritt, son­dern ein mu­si­ka­li­scher Aus­nah­me­zu­stand. Ge­ra­de dar­in lag die Ge­fahr, aber auch die Grö­ße die­ses Mo­ments. Die Mu­sik droh­te bei­na­he ins Ka­ri­ka­ti­ve zu kip­pen und wur­de doch durch die or­ches­tra­le Dis­zi­plin zusammengehalten.

Dann der Um­schlag. Bei Sieg­lin­des Weg in die Frei­heit stei­ger­te sich das Or­ches­ter von Zart­heit in Ra­se­rei. Xu Zhong ließ den Aus­druck nicht vor­sich­tig an­wach­sen, son­dern in dra­ma­ti­schen Schü­ben ex­pan­die­ren. Der fol­gen­de Auf­tritt aus dem dunk­len Macht­zen­trum der Par­ti­tur kann­te kaum Gren­zen. Das war mu­tig und ge­lang im Aus­druck, weil das Or­ches­ter eine Ge­schlos­sen­heit er­reicht hat­te. Die rhyth­mi­schen Fi­gu­ren sa­ßen, die Ak­zen­te wirk­ten zwin­gen­der, die Re­gis­ter wa­ren kla­rer ge­gen­ein­an­der pro­fi­liert. Man hör­te nun nicht mehr nur die An­stren­gung ei­ner gro­ßen Wag­ner-Be­wäl­ti­gung, son­dern ihr Gelingen.

Am deut­lichs­ten wur­de im drit­ten Auf­zug die Li­nie des Di­ri­gen­ten. Xu Zhong ar­bei­te­te mit Kon­tras­ten, aber die­se Kon­tras­te wur­den nun nicht mehr nur ne­ben­ein­an­der­ge­stellt, son­dern in­ner­lich ver­bun­den. Spit­ze und Wei­te, Här­te und Zart­heit, ra­sen­des Tem­po und ge­dehn­te Ab­schieds­ges­te fan­den in eine gro­ße dra­ma­tur­gi­sche Ord­nung. Der Ab­tritt der Wal­kü­ren stei­ger­te sich zu ei­nem Mo­nu­ment: nicht als blo­ßer Klang­block, son­dern als ar­chi­tek­to­nisch ge­bau­ter Hö­he­punkt. Da­nach aber ge­lang Xu Zhong ei­ner der stärks­ten Um­schlä­ge des Abends. Plötz­lich wur­de es fast un­er­träg­lich zart. Das Or­ches­ter nahm sich zu­rück, als wür­de nach der Über­macht des Kol­lek­tivs ein ein­zel­ner Nerv frei­ge­legt. Die­se Zart­heit war nicht weich­ge­spült, son­dern ge­fähr­det; sie hat­te jene fra­gi­le In­ten­si­tät, in der Wag­ner am stärks­ten ist.

Im Ab­schied bün­del­te Xu Zhong schließ­lich noch ein­mal sei­ne ge­sam­te or­ches­tra­le Idee. Zu Be­ginn war da ein an­spruchs­vol­les, fast rau­schen­des Tem­po, das die Mu­sik nicht in er­starr­te Fei­er­lich­keit zwang. Es blieb Be­we­gung, es blieb in­ne­rer Puls. Doch dann be­gann der Di­ri­gent, das Tem­po un­wei­ger­lich zu wei­ten, zu sen­ken, zu ver­lang­sa­men, ohne den Bo­gen zu ver­lie­ren. Ge­ra­de die­ses all­mäh­li­che Zu­rück­neh­men des Tem­pos, die­ses Ein­sin­ken in eine lang­sa­me­re, schwe­re­re Zeit, gab der Schluss­ge­stal­tung ihre Grö­ße. Das Or­ches­ter folg­te ihm mit ei­ner Kon­zen­tra­ti­on, die den lan­gen Atem die­ser Sze­ne trug. Die Li­ni­en wur­den aus­ge­sun­gen, die har­mo­ni­schen Span­nun­gen nicht über­deckt, die mo­ti­vi­schen Er­in­ne­run­gen nicht aus­ge­stellt, son­dern or­ga­nisch ineinandergeführt.

So ge­lang Xu Zhong mit dem Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra eine Wag­ner-Deu­tung von sel­te­ner Kühn­heit. Sie war nicht ma­kel­los, be­son­ders im ers­ten Auf­zug nicht. Aber sie be­saß et­was, das im Mu­sik­thea­ter kost­ba­rer ist als ste­ri­le Per­fek­ti­on: ei­nen Wil­len zur Form, zum Ri­si­ko, zur gro­ßen Ges­te, zur dra­ma­ti­schen Wahr­heit des Klangs. Was im ers­ten Auf­zug noch ge­le­gent­lich an die Gren­ze der Kon­trol­le stieß, wur­de im zwei­ten und drit­ten Auf­zug zu ei­ner im­mer zwin­gen­de­ren mu­si­ka­li­schen Ar­chi­tek­tur. Am Ende stand der Ein­druck ei­ner Auf­füh­rung, die sich nicht klein mach­te vor Wag­ner, son­dern ihn mit of­fe­nem Vi­sier an­nahm: scharf, prä­zi­se, stel­len­wei­se ex­trem, in den bes­ten Mo­men­ten überwältigend.

Team, So­lis­ten und Sta­tis­ten beim Schluss­ap­plaus – Foto: © Mo­ni­ka Beer
Tiefenanalyse: Regie

Schon der ers­te Blick auf die Shang­hai­er „Wal­kü­re“ macht un­miss­ver­ständ­lich klar, dass Ka­tha­ri­na Wag­ner hier kei­nen ehr­fürch­ti­gen Vi­tri­nen-Wag­ner, kein mu­se­al ge­schnie­gelt auf­recht­ge­stell­tes My­then­ge­rip­pe zei­gen will. Die Pro­duk­ti­on, als neue In­sze­nie­rung für das Shang­hai Grand Theat­re in­ner­halb des Pro­jekts „Bay­reuth in Shang­hai“ ge­schaf­fen, ist aus­drück­lich un­ter das Zei­chen des Spiels ge­stellt worden.

Die­se „Wal­kü­re“ ist ein Draht­seil­akt auf mes­ser­schar­fer Klin­ge. Sie ba­lan­ciert so schmal, so ris­kant, so nah am Ab­sturz ent­lang, dass sie in je­dem Mo­ment nach der ei­nen oder der an­de­ren Sei­te kip­pen kann: hier in die scha­le Ef­fekt­ha­sche­rei, dort in eine wirk­lich schar­fe, bild­mäch­ti­ge Les­art des Stücks. Ge­ra­de das macht sie so un­er­quick­lich span­nend. Sie legt es nicht dar­auf an, ge­liebt zu wer­den. Sie ver­langt viel­mehr, dass man ihr folgt, ob­wohl sie ei­nem im­mer wie­der Grün­de lie­fert, ge­nau das nicht zu tun. Es wäre also ein Leich­tes, die­sen Abend mit schnei­den­dem Re­flex ab­zu­tun, ihn un­ter Über­deut­lich­keit, Re­gie­ei­tel­keit oder de­mons­tra­ti­ver Zu­spit­zung ab­zu­bu­chen. Ver­ein­zel­te Buh­ru­fe im Pu­bli­kum deu­te­ten ge­nau in die­se Rich­tung. Und doch wäre ein sol­ches Ur­teil zu schnell, zu be­quem, zu billig.

Denn bei al­ler Rei­bung ist die­se In­sze­nie­rung eben nicht be­lie­big, nicht leer, nicht bloß auf Pro­vo­ka­ti­on ge­eicht. Ka­tha­ri­na Wag­ner ar­bei­tet hier sicht­bar an ei­ner Idee, und sie führt sie mit ei­ner Kon­se­quenz durch, die Re­spekt er­zwingt, selbst dort, wo sie Wi­der­spruch her­vor­ruft. Ge­nau des­halb ist der Abend so hei­kel. Er geht ein ho­hes Ri­si­ko, weil er sich nie in die schüt­zen­de Mit­te zu­rück­zieht. Er sucht we­der die ge­fäl­li­ge Werk­treue noch den ge­fäl­li­gen Skan­dal, son­dern be­wegt sich auf je­nem ge­fähr­lich schma­len Grat da­zwi­schen, auf dem Re­gie ent­we­der wirk­lich Thea­ter wird oder un­er­quick­lich ab­stürzt. Die­se „Wal­kü­re“ ist oft nur ei­nen Schritt da­von ent­fernt, auf der fal­schen Sei­te zu lan­den. Aber eben nur oft, nicht stän­dig. Und ge­ra­de weil sie so schmal ge­führt ist, ge­win­nen ihre star­ken Mo­men­te ein umso grö­ße­res Gewicht.

Das ent­hebt sie frei­lich nicht der Kri­tik. Es gab in die­sem Abend durch­aus Mo­men­te, in de­nen die Ba­lan­ce ins Wan­ken ge­riet und der Draht­seil­akt eher wie eine un­nö­ti­ge Er­schwer­nis wirk­te. Das Knar­zen der Puz­zle­wand etwa be­saß nicht jene pro­duk­ti­ve Stör­kraft, die ein Bild ver­tie­fen könn­te, son­dern wirk­te mit­un­ter schlicht grob. Noch deut­li­cher zeig­te sich das im drit­ten Auf­zug, wenn der Auf­zug aus­ge­rech­net im Be­reich von Wo­tans, be­zie­hungs­wei­se in die­ser Les­art fast schon Brünn­hil­des Ab­schied ei­nen boh­ren­den Dau­er­ton mit­führ­te, der sich wie ein akus­ti­scher Schat­ten über die Sze­ne leg­te. Sol­che De­tails sind nicht be­lang­los. Sie neh­men dem Abend dort Kon­zen­tra­ti­on, wo er Ver­dich­tung bräuch­te. Und den­noch kippt er auch dann nicht voll­ends. Er bleibt auf die­sem schma­len, ge­fähr­li­chen Grat, auf dem eine In­sze­nie­rung ent­we­der un­er­quick­lich selbst­ge­fäl­lig wird oder zu et­was Ei­ge­nem fin­det. Die­se Shang­hai­er „Wal­kü­re“ ge­rät nicht im­mer si­cher über die­se Schnei­de, aber oft ge­nug, um ernst ge­nom­men zu werden.

Und tat­säch­lich: Die­se Re­gie spielt. Aber sie spielt nicht nied­lich. Sie spielt hart, kalt, grell und mit ei­ner Lust an der Ent­zau­be­rung, die sich den al­ten Wag­ner­ne­bel nicht mehr ge­fal­len lässt. Was hier auf der Büh­ne ver­han­delt wird, ist nicht die ro­man­tisch be­schla­ge­ne „Götterdämmerungs“-Vorhalle, son­dern ein Sys­tem. Ein Spiel­sys­tem. Eine Welt aus Re­geln, Zü­gen, Fal­len, In­stru­men­ta­li­sie­run­gen, Ob­jek­ten, Re­qui­si­ten der Macht. Ein Kos­mos, in dem die Men­schen und Göt­ter nicht in ers­ter Li­nie in Schick­sa­len le­ben, son­dern in Me­cha­ni­ken. Das ist zu­nächst ein bru­ta­ler Zu­griff, aber ein in­tel­li­gen­ter. Denn Wo­tans Welt ist bei Wag­ner tat­säch­lich längst kein or­ga­nisch hei­li­ges Uni­ver­sum mehr, son­dern ein über­kon­stru­ier­tes Herr­schafts­la­bor, das un­ter dem Ge­wicht sei­ner ei­ge­nen Tricks ächzt.

Dass ein­gangs als rie­si­ge Über­schrift auf blau­em Well­blech in Groß­buch­sta­ben „The Ring Game“ prangt, ist des­halb viel mehr als eine mo­di­sche Vol­te. Es ist die Re­gie­be­haup­tung des Abends. Die­se „Wal­kü­re“ will den Ring nicht als Mys­te­ri­um vor­füh­ren, son­dern als Ap­pa­rat. Nicht als Sage, son­dern als Spiel­an­ord­nung. Nicht als ge­schlos­se­ne me­ta­phy­si­sche Sphä­re, son­dern als ein Sys­tem, in dem je­der ver­sucht, durch­zu­kom­men, zu ge­win­nen, sich durch­zu­lis­ten, zu über­le­ben, den nächs­ten Zug zu set­zen. Man kann das als gro­be Mo­der­ni­sie­rung ab­tun. Man kann aber auch er­ken­nen, dass dar­in ein er­staun­lich prä­zi­ser Kern des Wer­kes liegt. Wo­tan selbst ist ja nichts an­de­res als der gro­ße, über­for­der­te Sys­tem­spie­ler, der ei­nen „frei­en Hel­den“ er­zeu­gen möch­te, ohne auf die Mit­tel der Ma­ni­pu­la­ti­on zu ver­zich­ten. Fri­cka ist die un­be­stech­li­che Re­gel­in­stanz. Brünn­hil­de ist am Ende die Fi­gur, die das Spiel ge­ra­de da­durch sprengt, dass sie nicht mehr nur nach Re­gel, son­dern nach Mit­leid han­delt. Ka­tha­ri­na Wag­ner nimmt die­sen Ge­dan­ken und zieht ihn mit fast un­er­quick­li­cher Kon­se­quenz durch.

Der ers­te Auf­zug ist da­bei viel­leicht am kühns­ten, weil er die he­roi­sche Fas­sa­de des Stücks ge­zielt de­mon­tiert. Die­se In­sze­nie­rung glaubt of­fen­kun­dig nicht an Sieg­mund als na­tur­haft strah­len­den Er­lö­sungs­hel­den. Sie zeigt ihn als ei­nen, der tas­tet, stol­pert, aus­pro­biert, schei­tert, sich ver­rennt, Tü­ren nicht ver­steht, Zei­chen nicht le­sen kann, mit der Wut ei­nes über­for­der­ten Kin­des durch den Raum fährt und ge­ra­de da­durch tief ent­my­tho­lo­gi­siert wird. Das ist ris­kant. Es wi­der­spricht zu­min­dest je­nem em­pha­ti­schen Bild des Wäl­sun­gen, das noch im­mer in vie­len Köp­fen her­um­steht wie eine rus­ti­ka­le Hel­den­sta­tue mit Schwert und Schick­sals­blick. Aber ge­ra­de in die­ser Ent­zau­be­rung liegt eine ei­gen­tüm­li­che Wahr­heit. Wo­tans Pro­jekt ist eben miss­lun­gen, noch be­vor es ganz be­gon­nen hat. Sein „frei­er Held“ ist kein ma­kel­lo­ser Ret­ter, son­dern ein halb fer­ti­ges We­sen, ein Su­chen­der, ei­ner, der ge­ra­de an der Welt kle­ben bleibt.

Man kann die­se Ent­schei­dung ab­leh­nen, und ganz falsch wäre ein Ein­wand nicht. Denn der ers­te Auf­zug lebt bei Wag­ner ge­ra­de auch von der Grö­ße des Auf­bre­chens, von der un­ge­heu­ren ero­ti­schen und exis­ten­zi­el­len Auf­la­dung die­ser Be­geg­nung zwi­schen Sieg­mund und Sieg­lin­de. Wird Sieg­mund all­zu sehr in­fan­ti­li­siert, ver­liert die Sze­ne et­was von ih­rer ge­fähr­li­chen Glut. Dann wird aus tra­gi­scher Ver­lo­ren­heit leicht blo­ßes Un­ge­schick. Und doch hat Ka­tha­ri­na Wag­ner das Ge­spür, ihre Über­spit­zun­gen nie ganz in Kla­mauk ent­glei­ten zu las­sen. Sie sucht nicht den bil­li­gen La­cher. Sie sucht die De­mon­ta­ge des männ­li­chen Erlösermythos.

Pro­ble­ma­ti­scher ge­rät in die­sem Zu­sam­men­hang die Ver­viel­fa­chung der Schwer­ter. Plötz­lich gibt es nicht mehr das eine, sin­gu­lä­re, schick­sals­haft ge­setz­te Not­hung, son­dern eine gan­ze Rei­he von Waf­fen, von Ver­su­chen, von Zu­grif­fen, von Fehl­grif­fen. Sieg­mund sam­melt, pro­biert, schei­tert; selbst Sieg­lin­de zieht Schwer­ter. Das mag auf den ers­ten Blick als klu­ge Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung er­schei­nen, weil es den Hel­den vom sou­ve­rä­nen Aus­er­wähl­ten zum tas­ten­den, über­for­der­ten Spie­ler her­ab­stuft und zu­gleich die Frau­en stär­ker als ord­nen­de, er­mög­li­chen­de Kräf­te des Ge­sche­hens pro­fi­liert. Doch ge­ra­de dar­in liegt auch ein er­heb­li­cher Ver­lust. Denn Wag­ner braucht hier die Ein­zig­keit Not­hungs, sei­ne iso­lier­te, bei­na­he nu­mi­no­se Set­zung im Raum, da­mit der Mo­ment des Her­aus­zie­hens mehr ist als blo­ßer Er­folg un­ter meh­re­ren Op­tio­nen. Er ist Be­ru­fung, Er­ken­nen, Schick­sals­voll­zug. Wenn die­ses eine Schwert in eine Viel­zahl mög­li­cher Schwer­ter zer­streut wird, ver­liert die Sze­ne ihre sym­bo­li­sche Kon­zen­tra­ti­on und da­mit ei­nen Teil ih­rer my­thi­schen Wucht. Aus der Not­wen­dig­keit wird Ver­suchs­an­ord­nung, aus dem Zei­chen ein Re­qui­si­ten­feld. Das passt zwar zur Spiel- und Le­vel-Lo­gik der In­sze­nie­rung, nimmt dem Stück aber jene exis­ten­ti­el­le Ein­deu­tig­keit, die ge­ra­de die­sen Au­gen­blick zu ei­nem der gro­ßen Selbst­of­fen­ba­rungs­mo­men­te der Oper macht.

Ge­ra­de Sieg­lin­de ge­winnt da­durch ein an­de­res Ge­wicht. Sie ist hier nicht nur die ge­quäl­te, sehn­süch­ti­ge Frau im Hun­ding-Kä­fig, nicht bloß das Ob­jekt von Be­sitz und Be­geh­ren, son­dern die ei­gent­li­che ope­ra­ti­ve In­tel­li­genz des ers­ten Auf­zugs. Sie durch­schaut mehr, sie lenkt mehr, sie reicht letzt­lich, im ent­schei­den­den Au­gen­blick, die Mög­lich­keit des Auf­bruchs. Das ist, ge­mes­sen am Stoff, kei­ne Will­kür. Schon bei Wag­ner ist Sieg­lin­de kei­nes­wegs nur die pas­si­ve Emp­fan­gen­de; sie er­kennt, sie er­in­nert, sie in­iti­iert. Ka­tha­ri­na Wag­ner treibt die­ses Po­ten­ti­al wei­ter und macht dar­aus ein star­kes, fast heim­li­ches Ma­tri­ar­chat in­ner­halb ei­ner Welt, die sich äu­ßer­lich noch männ­lich gebärdet.

Über­haupt ge­hört zu den in­ter­es­san­tes­ten Leis­tun­gen die­ser Re­gie, dass sie ein sehr kraft­vol­les Bild weib­li­cher Do­mi­nanz ent­wirft, ohne dar­aus plat­te Pro­gram­ma­tik zu ma­chen. Das ist das Ent­schei­den­de. Die­se Frau­en tre­ten nicht mit Pa­ro­len auf. Sie re­gie­ren durch Hand­lung. Sie sind die ei­gent­li­chen Voll­zugs­or­ga­ne des Abends. Sie ord­nen die Räu­me, sie hal­ten die Män­ner in Gang, sie be­en­den ihre Il­lu­sio­nen, sie rei­chen ih­nen ihre Werk­zeu­ge, sie füh­ren sie buch­stäb­lich an der Hand, sie räu­men hin­ter ih­nen auf, sie las­sen sie fal­len. Das ist nicht agi­ta­to­risch, son­dern thea­tra­lisch. Und ge­ra­de des­halb wirkt es.

Im zwei­ten Auf­zug fin­det die­se Kon­stel­la­ti­on ihre prä­zi­ses­te Form. Wo­tan, der gro­ße Wel­ten­len­ker, steht vor ei­nem Puz­zle. Das ist ein eben­so simp­les wie glän­zen­des Bild. Denn nichts an­de­res tut die­se Fi­gur bei Wag­ner: Sie ver­sucht ver­zwei­felt, ein von ihr selbst zer­bro­che­nes Welt­rät­sel noch ein­mal zu­sam­men­zu­set­zen. Sie glaubt, Züge vor­aus­den­ken zu kön­nen, bis plötz­lich Fri­cka er­scheint und ihm mit küh­ler Grau­sam­keit er­klärt, dass das Spiel längst vor­bei ist, je­den­falls das Spiel zu sei­nen Guns­ten. Dass am Ende Fri­cka und Brünn­hil­de die­ses Puz­zle lö­sen oder viel­mehr über­neh­men, ist eine der stärks­ten Set­zun­gen der In­sze­nie­rung. Die Män­ner ent­wer­fen Sys­te­me; die Frau­en durch­schau­en sie und füh­ren sie zu Ende.

Wenn Brünn­hil­de das bei­na­he voll­ende­te Wal­hall-Puz­zle zer­schlägt, wird das zu­gleich zur Vor­weg­nah­me des spä­te­ren Welt­stur­zes und zur bild­haf­ten Zu­sam­men­fas­sung des Abends. Wal­hall ist hier kein fern leuch­ten­des Ide­al mehr, son­dern ein pre­kär zu­sam­men­ge­setz­tes Ge­bil­de, das je­der­zeit in Stü­cke ge­hen kann. Es ist Ar­chi­tek­tur aus Be­haup­tung, nicht aus Wahr­heit. Und Brünn­hil­de ist die­je­ni­ge, die die­sen Un­ter­schied erkennt.

Die gol­de­nen Äp­fel, über­all im Über­maß ver­füg­bar, über­all be­gehrt, über­all ge­hor­tet, bil­den die zwei­te gro­ße Bild­ach­se der Re­gie. Sie sind ein star­kes Sym­bol, viel­leicht das stärks­te des Abends, auch wenn es dra­ma­tur­gisch mit­un­ter fast zu stark wird. Als Zei­chen der gött­li­chen Selbst­er­hal­tung, der pa­ni­schen Ju­gend­ver­wal­tung, des nie ge­sät­tig­ten Fort­exis­tie­ren­wol­lens sind die­se Äp­fel aus­ge­zeich­net ge­wählt. Alle sam­meln sie. Alle gie­ren nach ih­nen. Alle schei­nen zu wis­sen, dass in die­ser Welt nicht Lie­be, nicht Wahr­heit, nicht Ein­sicht die letz­te Wäh­rung ist, son­dern Ver­län­ge­rung. Noch ein Zug. Noch ein Auf­schub. Noch eine ge­spei­cher­te Zu­kunft. In die­ser stän­di­gen Ap­fel­öko­no­mie zeigt die Re­gie den „Ring“-Kosmos als Sucht­ap­pa­rat. Das ist von ei­ner un­freund­li­chen, aber hel­len Logik.

Frei­lich liegt ge­ra­de dar­in auch eine Schwä­che. Denn die Äp­fel er­klä­ren mit der Zeit fast zu viel. Sie dro­hen, alle Kon­flik­te in die­sel­be Sym­bol­spra­che zu­rück zu zwin­gen. Wo Wag­ner Dif­fe­ren­zen auf­macht, see­li­sche Schich­ten, mo­ra­li­sche Rei­bun­gen, in­ti­me Ka­ta­stro­phen, da ni­vel­liert die Re­gie mit­un­ter al­les zu ei­ner Öko­no­mie der Gier. Das ist nie un­in­ter­es­sant, aber ge­le­gent­lich zu mo­no­li­thisch. Man spürt dann das Sys­tem stär­ker als die See­le. Das ist auf­schluss­reich, aber nicht im­mer beglückend.

We­ni­ger über­zeu­gend ge­rät da­ge­gen der Um­gang mit Faf­ner, der ab dem zwei­ten Auf­zug als rie­si­ger, über dem Ge­sche­hen la­gern­der Dra­che per­ma­nent prä­sent ist. Ge­wiss, als Bild be­sitzt die­se Set­zung zu­nächst er­heb­li­che Wucht: Über al­lem ruht hier eine dump­fe, mas­si­ge, se­di­men­tier­te Macht, die nicht mehr kämp­fen muss, weil ihr Schat­ten den Raum längst be­setzt hält. Ge­ra­de dar­in läge eine in­ter­es­san­te Deu­tung von Herr­schaft, nicht als erup­ti­ve Ge­walt, son­dern als trä­ge ge­wor­de­ne, schein­bar schla­fen­de Über­macht, die das Ge­sche­hen von oben her ver­dun­kelt. Doch die In­sze­nie­rung macht dar­aus letzt­lich zu we­nig. Faf­ner wirkt wie ein zen­tra­les Sym­bol, das fort­wäh­rend Be­deu­tung be­haup­tet, ohne sie im Ver­lauf des Abends wirk­lich ein­zu­lö­sen. Er be­wegt sich, aber zu sel­ten; er droht, aber zu un­be­stimmt; er bleibt sicht­bar, ohne dra­ma­tur­gisch pro­duk­tiv zu wer­den. So ent­steht der Ein­druck ei­nes ge­wal­ti­gen Bil­des, das sich selbst nicht ganz trägt: mo­nu­men­ta­ler Kom­men­tar statt tat­säch­lich wirk­sa­mer Kraft im in­ne­ren Ge­fü­ge der Inszenierung.

Auch der spä­te Ver­such, Brünn­hil­de mit dem Fahr­stuhl zu Faf­ner hin­auf­fah­ren zu las­sen, um den Ring an sich zu brin­gen, ver­mag die­se Schwä­che nicht mehr wirk­lich auf­zu­fan­gen. Zwar ist er­kenn­bar, was das Bild be­haup­ten möch­te: dass sich die Lo­gik von Gier, Zu­griff und Macht bis in den Schluss hin­ein fort­setzt, dass selbst Brünn­hil­de noch ein­mal in die Ver­ti­ka­le die­ser über ihr la­gern­den Ge­walt hin­ein­ge­zo­gen wird. Doch thea­tra­lisch bleibt die­ser Vor­gang er­staun­lich blass. Er be­sitzt we­der die zwin­gen­de Sym­bol­kraft noch die in­ne­re Not­wen­dig­keit, die man ei­nem so zen­tral ge­setz­ten Mo­tiv wün­schen wür­de. Statt den über dem Abend schwe­ben­den Faf­ner-Me­ta­phern­bo­gen zu­zu­spit­zen, wirkt die­ser Zu­griff eher nach­ge­reicht, bei­na­he wie ein spä­ter Ein­fall, der dem Bild noch nach­träg­lich Be­deu­tung ver­schaf­fen soll. Ge­ra­de da­durch of­fen­bart sich umso deut­li­cher, dass Faf­ner zwar als mo­nu­men­ta­les Zei­chen ein­ge­führt wird, im ei­gent­li­chen Ver­lauf der In­sze­nie­rung aber nie jene ge­dank­li­che oder dra­ma­ti­sche Durch­schlags­kraft ge­winnt, die sei­ne be­herr­schen­de Prä­senz verspricht.

Be­son­ders hei­kel wird der Abend dort, wo er die Ge­wich­te der Ge­walt­ak­te deut­lich ver­schiebt und da­mit auch Ver­ant­wor­tung neu ver­teilt. Fri­cka bleibt hier nicht nur die gro­ße An­klä­ge­rin, son­dern rückt sicht­bar in die Rol­le der kör­per­li­chen Exe­ku­to­rin auf: Sie führt Wo­tan den Speer, mit dem Sieg­mund ge­trof­fen wird, und sie ist es spä­ter auch, die Hun­ding in ei­nem er­bit­ter­ten Kampf tö­tet. Dar­in liegt zwei­fel­los er­heb­li­che thea­tra­li­sche Wucht, weil Fri­cka plötz­lich nicht mehr nur als In­stanz des Rechts er­scheint, son­dern als des­sen voll­zie­hen­de, un­er­bitt­li­che Ge­walt. Ge­ra­de die­se Zu­spit­zung ver­leiht der Sze­ne Schär­fe, weil aus mo­ra­li­scher Au­to­ri­tät kon­kre­te Ver­nich­tung wird. Zu­gleich ist die­se Ver­schie­bung pro­ble­ma­tisch. Denn die ei­gent­li­che Grau­sam­keit der „Wal­kü­re“ liegt bei Wag­ner ge­ra­de dar­in, dass Wo­tan selbst den ent­schei­den­den Ver­nich­tungs­akt an sei­ner ei­ge­nen Hoff­nung voll­zieht, in­dem er Sieg­munds Schwert zer­trüm­mert und da­mit den Un­ter­gang des Soh­nes er­mög­licht. Er zer­stört nicht nur eine Fi­gur, son­dern die von ihm selbst ent­wor­fe­ne Ret­tung. Wo Fri­cka nun die Tö­tung Sieg­munds mit­voll­zieht und Hun­ding so­gar selbst tö­tet, wird Wo­tan ein Teil je­ner ab­grün­di­gen Selbst­schuld ge­nom­men, die sei­ne Tra­gik im Kern aus­macht. Die Sze­ne ge­winnt da­durch an äu­ße­rer Här­te und kla­rer Kon­tur, ver­liert aber an je­ner in­ne­ren, me­ta­phy­si­schen Tie­fe, die Wag­ners Kon­zep­ti­on so un­er­bitt­lich macht.

Den­noch ist auch hier die Grund­in­tui­ti­on der Re­gie be­mer­kens­wert klar. Fri­cka ist eben nicht die läs­ti­ge Ehe­göt­tin aus der Opern­ka­ri­ka­tur, nicht die pe­dan­ti­sche Spaß­ver­der­be­rin mit gött­li­chem Trau­schein in der Hand. Sie ist hier eine Macht­fi­gur ers­ten Ran­ges. Sie rich­tet die Din­ge für die Män­ner, im buch­stäb­lichs­ten Sinn. Sie bringt Wo­tan in Stel­lung, sie zwingt ihn in die Form, sie macht aus sei­ner in­ne­ren Ohn­macht eine äu­ße­re Kon­se­quenz. Dass man in die­sem Abend die Frau­en als jene Kräf­te er­lebt, die den männ­li­chen Macht­de­li­ri­en Struk­tur ge­ben, Ord­nung ge­ben, manch­mal so­gar erst Rea­li­tät ge­ben, ge­hört zu sei­nen stärks­ten in­ter­pre­ta­to­ri­schen Einsätzen.

Im drit­ten Auf­zug wird aus die­ser Lo­gik schließ­lich Thea­ter mit Stahl­kan­ten. Die Wal­kü­ren als Putz­frau­en, als Rei­ni­gungs­kom­man­do der Ge­walt, sind ein her­vor­ra­gen­der Ein­fall. Der be­rühm­te „Ritt“ ver­liert da­durch nichts an Wucht, ge­winnt aber ei­nen bit­te­ren Un­ter­ton. Aus den he­roi­schen To­des­mäg­den wer­den Lo­gis­ti­ke­rin­nen des Ge­met­zels, Dienst­leis­te­rin­nen der Ver­wüs­tung, Frau­en, die nicht ver­herr­li­chen, son­dern be­sei­ti­gen. Sie räu­men die Op­fer weg, die Män­ner pro­du­ziert ha­ben. Das ist von ei­ner Klar­heit, die weh tut. Und es ist ge­ra­de des­halb so wir­kungs­voll, weil es das He­roi­sche nicht ein­fach ver­spot­tet, son­dern es auf sei­ne häss­li­che Rück­sei­te umdreht.

Hin­rei­ßend un­er­quick­lich ist dann das Bild des von Fri­cka an der Hand ge­führ­ten Wo­tan. Das ist ris­kant, weil es die Fi­gur lä­cher­lich ma­chen könn­te. Doch der Abend fin­det meist das rich­ti­ge Maß. Wo­tan wird nicht zum Clown, son­dern zum ent­thron­ten Rie­sen­kna­ben, zum Herr­scher, des­sen Pa­thos in Ab­hän­gig­keit um­ge­schla­gen ist. Sei­ne Grö­ße ist nicht ganz ver­schwun­den, aber sie ist ent­blößt. Ge­ra­de das macht den Ab­schied so schmerz­haft. Die Re­gie ver­höhnt Wo­tan nicht ein­fach. Sie zieht ihm nur die Rüs­tung aus.

Der Las­ten­auf­zug, der von gol­de­nen Äp­feln an­ge­trie­ben wird, ge­hört zu je­nen Bil­dern, die auf dem Pa­pier fast zu pla­ka­tiv klin­gen und auf der Büh­ne ge­ra­de des­halb funk­tio­nie­ren, weil sie eine tie­fe Ge­mein­heit in sich tra­gen. Wo­tans Welt fährt nur noch mit Nach­schub. Sei­ne Tran­szen­denz ist zur Me­cha­nik der Zu­füh­rung ge­wor­den. Er muss stop­fen, ein­füh­ren, be­die­nen, han­tie­ren, schei­tern, nach­la­den, und am Ende ist es Brünn­hil­de selbst, die ihm da­bei hel­fen muss. Sel­ten wur­de die wech­sel­sei­ti­ge Ver­stri­ckung die­ser bei­den Fi­gu­ren so deut­lich sicht­bar. Selbst im Akt der Ver­ban­nung bleibt sie die­je­ni­ge, die sei­ne Welt noch mitträgt.

Dass Brünn­hil­de Fri­cka tö­tet, ist in­des ein Punkt, an dem der Abend für mei­nen Ge­schmack die in­ne­re Raf­fi­nes­se des Stücks zu sehr dem Ef­fekt op­fert. Man ver­steht die Ver­su­chung. In die­ser Bild­welt, die an Über­le­bens­spie­le, Le­vel-Lo­gik und End­run­den er­in­nert, liegt der Ge­dan­ke nahe, die Ge­set­zes­macht phy­sisch zu eli­mi­nie­ren. Doch ge­ra­de hier ist Wag­ner sub­ti­ler. Fri­cka muss nicht ster­ben, um über­wun­den zu wer­den. Ihre Wahr­heit ist ja ge­ra­de die Un­er­bitt­lich­keit des Ge­set­zes, nicht sei­ne blu­ti­ge End­geg­ner­po­se. Wenn Brünn­hil­de sie tö­tet, kippt der Abend für ei­nen Mo­ment zu weit in die Dra­ma­tur­gie des Aus­schal­tens. Das ist pa­ckend, aber grö­ber als die Oper.

Und den­noch, trotz sol­cher Ein­wän­de, bleibt der Ge­samt­ein­druck stark, ja im­po­nie­rend. Denn Ka­tha­ri­na Wag­ner hat Hand­werk. Das ist viel­leicht das Ent­schei­den­de. Sie weiß, wie man ei­nen Abend baut, wie man Bil­der setzt, wie man eine Li­nie durch­hält, wie man Räu­me er­zählt, wie man Fi­gu­ren führt, ohne sie nur ab­zu­ha­ken. Die­se „Wal­kü­re“ ist kei­ne Samm­lung hüb­scher Ein­fäl­le, son­dern eine wirk­li­che Re­gie­ar­beit mit in­ne­rer Dis­zi­plin. Sie ist ge­dacht, ge­baut, ge­tak­tet. Sie un­ter­hält nicht trotz ih­rer Ideen, son­dern durch sie.

Vor al­lem aber ver­steht Ka­tha­ri­na Wag­ner, dass Un­ter­hal­tung im Opern­haus nichts Min­der­wer­ti­ges ist. Die­ser Abend will nicht in Theo­rie ba­den. Er will grei­fen. Er will sicht­bar sein. Er will zu­spit­zen. Er will dem Pu­bli­kum star­ke Bil­der, grel­le Kol­li­sio­nen, ko­mi­sche Be­schä­mun­gen, schmerz­haf­te Ver­schie­bun­gen, erup­ti­ve Thea­tra­lik ge­ben. Das ist kein klei­ner Vor­zug. Es ist ge­ra­de in Wag­ner, wo so vie­les im Be­deu­tungs­dunst ver­si­ckern kann, eine emi­nen­te Tugend.

So ent­steht ein Abend, der in sei­nen bes­ten Mo­men­ten von fast bos­haf­ter Klar­heit ist. Die Män­ner die­ser „Wal­kü­re“ wir­ken wie Fi­gu­ren, die an ih­ren Selbst­bil­dern zu­grun­de ge­hen. Sie sind Ge­trie­be­ne, Spie­ler, Schei­tern­de, Über­schätz­te, emo­tio­nal und prak­tisch über­for­der­te Kon­struk­teu­re ih­res ei­ge­nen Un­ter­gangs. Die Frau­en da­ge­gen do­mi­nie­ren. Sie räu­men auf, sie or­ga­ni­sie­ren, sie voll­stre­cken, sie hel­fen, sie wi­der­ste­hen, sie zer­stö­ren, sie tra­gen, sie über­le­ben. Das ist das viel­leicht prä­gnan­tes­te Re­sul­tat die­ser In­sze­nie­rung: Nicht die Män­ner ma­chen hier Welt, son­dern die Frau­en ma­chen aus der Män­ner­welt über­haupt erst ein sicht­ba­res, funk­tio­nie­ren­des, am Ende ver­nich­ten­des System.

Dass Wo­tan schließ­lich gleich­sam sei­ne vor­ge­zo­ge­ne Göt­ter­däm­me­rung er­lebt, im Feu­er­ring ge­fan­gen, vom ei­ge­nen Kos­mos über­rollt, von der Re­gie nicht ge­schont, viel­leicht so­gar be­wusst er­nied­rigt, ist dann nur fol­ge­rich­tig. Man kann dar­über strei­ten, ob da­mit Brünn­hil­des Zu­kunft nicht et­was zu sehr in den Hin­ter­grund rückt. Man kann ein­wen­den, dass der Feu­er­zau­ber da­mit stär­ker zum Ge­fäng­nis des Va­ters als zur Schwel­le der Toch­ter wird. Aber als Bild ei­ner er­schöpf­ten Macht, die an ih­ren ei­ge­nen Ap­pa­ra­ten hän­gen­bleibt, hat das eine er­heb­li­che Schlagkraft.

Der Vor­hang mit­ten im Feu­er­zau­ber schließt, fast als Cliff­han­ger, ist schließ­lich ein star­ker Schluss­reiz. Nicht ganz fein, viel­leicht. Aber wirk­sam. Auch hier wie­der: Das ist kei­ne Re­gie der sub­ku­ta­nen An­deu­tung, son­dern eine der Set­zung. Sie lässt die Din­ge ste­hen. Sie kappt, wo an­de­re aus­ma­len wür­den. Sie en­det nicht in wei­he­vol­ler Auf­lö­sung, son­dern in Spannung.

So bleibt die Shang­hai­er „Wal­kü­re“ ein Abend von be­trächt­li­cher Kraft. Kein per­fek­ter Abend. Kein Abend ohne gro­be Züge. Kein Abend, der in je­der Ver­la­ge­rung dem in­ners­ten Wag­ner ge­recht wür­de. Aber ein Abend, der et­was viel Sel­te­ne­res leis­tet als ste­ri­le Werk­treue: Er hat ein Pro­fil. Er hat Ner­ven. Er hat Mut zur Über­zeich­nung. Er hat Lust am Thea­ter. Und er be­sitzt jene un­er­setz­li­che Qua­li­tät, die man in der Oper nicht oft ge­nug lo­ben kann: Er ist stark ge­baut, in­tel­li­gent ge­führt, kri­tisch im Zu­griff und da­bei von An­fang bis Ende unterhaltsam.

Nach der Pre­mie­re von links Ma­nue­la Uhl Ka­tha­ri­na Wag­ner, Ca­the­ri­ne Fos­ter, Pe­ter Younes und Karl­heinz Beer – Fo­tos: © Shang­hai Grand Theatre/​Monika Beer

 

Mar­ko Cir­ko­vic (*1993) be­wegt sich zwi­schen Zah­len, Bil­dern und Klän­gen: be­ruf­lich bei der L-Bank, da­ne­ben als Au­tor, Fo­to­graf und Kom­po­nist. Sei­ne Nähe zur Oper ist nicht aka­de­misch ent­stan­den, son­dern im Zu­schau­er­raum: aus rund 2000 be­such­ten Opern- und Kon­zert­aben­den, aus lan­gen Näch­ten im Par­kett, aus Stim­men, die blei­ben, und In­sze­nie­run­gen, die wei­ter­den­ken las­sen. Da­bei ver­bin­det sich die un­mit­tel­ba­re Be­geis­te­rung für den Au­gen­blick mit ei­nem tie­fen In­ter­es­se an Werk, Par­ti­tur und mu­si­ka­li­scher Struk­tur. Ihn be­schäf­tigt nicht nur, wie eine Auf­füh­rung wirkt, son­dern auch, wor­aus die­se Wir­kung ent­steht: aus Kom­po­si­ti­on, Deu­tung, Klang, Sze­ne, Stim­me und je­nem schwer greif­ba­ren Ver­hält­nis zwi­schen Werk und Ge­gen­wart. Was ihn in­ter­es­siert, ist der Mo­ment, in dem Kunst mehr wird als Auf­füh­rung: eine Er­fah­rung, die den Raum ver­lässt, aber im Den­ken wei­ter­klingt. Sei­ne Tex­te er­schei­nen un­ter an­de­rem auf Wo​chen​blatt​-Re​por​ter​.de; zu­letzt be­glei­te­te er Ka­tha­ri­na Wag­ners neue „Wal­kü­re“ am Shang­hai Grand Theat­re journalistisch.

Mar­ko Cir­ko­vic – Foto: © Shang­hai Grand Theatre