„Jeder will diesen Ring haben“

Macht, Frei­heit und Bay­reuths Blick nach Chi­na: Ka­tha­ri­na Wag­ner spricht im In­ter­view mit Mar­ko Cir­ko­vic über ihre Neu­in­sze­nie­rung der „Wal­kü­re“ in Shang­hai (Pre­mie­re am 24. April 2026)

Ka­tha­ri­na Wag­ner in Shang­hai – Foto: © Mar­ko Cirkovic

Shang­hai, 21. April 2026. Am Vor­mit­tag vor der Pro­be tref­fe ich Ka­tha­ri­na Wag­ner in der weit­läu­fi­gen Lob­by ei­nes Ho­tels in Shang­hai, in ei­nem je­ner Über­gangs­räu­me der gro­ßen Welt, die nie­mals bloß Ku­lis­se sind, son­dern selbst schon Er­zäh­lung. Drau­ßen rauscht die Stadt in ih­rer ei­ge­nen, un­ab­läs­si­gen Gram­ma­tik aus Licht, Höhe, Ver­kehr und Er­war­tung da­hin; drin­nen kreu­zen sich Wege, Ter­mi­ne, Spra­chen, An­künf­te und Auf­brü­che. Wäh­rend wir spre­chen, trägt das Per­so­nal ei­nen Tisch erst ent­schlos­sen in die eine Rich­tung, schiebt ihn kurz dar­auf wie­der zu­rück, nur da­mit er we­nig spä­ter noch ein­mal an uns vor­bei­zieht, als hät­te auch er sich noch nicht end­gül­tig für sein Ziel ent­schie­den. Für ei­nen Au­gen­blick wird die­ses Mö­bel­stück zur hei­te­ren Chif­fre des­sen, was Rei­sen im Kern oft sind: kein ge­ra­der Strich, son­dern ein Krei­sen, Kor­ri­gie­ren, Wei­ter­zie­hen, ein stil­les Su­chen nach dem rich­ti­gen Ort im Strom der Be­we­gung. In­mit­ten die­ses ei­gen­tüm­lich le­ben­di­gen Flus­ses be­ginnt ein Ge­spräch über Bay­reuth, Shang­hai und Wag­ners „Wal­kü­re“.

Mar­ko Cir­ko­vic Frau Wag­ner, zu­nächst ein­mal herz­li­chen Dank, dass Sie sich Zeit für die­ses Ge­spräch nehmen.
Ka­tha­ri­na Wag­ner Sehr gern.

Mar­ko Cir­ko­vic Das Pro­jekt „Bay­reuth in Shang­hai“: Wor­in be­steht sein prä­zi­ser An­spruch? Han­delt es sich um eine Gast­spiel­rei­he, um kul­tu­rel­le Prä­senz, um eine län­ger­fris­ti­ge Partnerschaft?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Vor al­lem um Kul­tur­ver­mitt­lung. Ich hal­te Kul­tur­ver­mitt­lung grund­sätz­lich für au­ßer­or­dent­lich wich­tig. Wir wa­ren zu­vor bei­spiels­wei­se in To­kio, wo un­se­re Kin­der­oper je­des Jahr im Rah­men des Spring Fes­ti­vals auf­ge­führt wird. Und ich fin­de: Wenn an­de­re Län­der den kul­tu­rel­len Aus­tausch su­chen, dann soll­te man un­be­dingt ver­su­chen, ihn zu ermöglichen.

Mar­ko Cir­ko­vic Wenn man von „Bay­reuth in Shang­hai“ spricht: Was soll im Kern von Bay­reuth wei­ter­ge­ge­ben wer­den? Ein be­stimm­ter Klang, eine Ar­beits­wei­se, eine spe­zi­fi­sche Form des Musiktheaters?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Sie wis­sen ja, dass Din­ge oft pau­scha­li­siert wer­den. Das ist, glau­be ich, auch hier der Fall. Zu­nächst muss man sa­gen, dass es tat­säch­lich zwei Pro­duk­tio­nen gibt, die be­reits in Bay­reuth ge­lau­fen sind. Der „Tris­tan“ im ver­gan­ge­nen Jahr war eine sol­che Pro­duk­ti­on, und im nächs­ten Jahr wird es der „Tann­häu­ser“ sein. Die­se Ar­bei­ten stam­men also un­mit­tel­bar aus Bay­reuth. „Die Wal­kü­re“ hier hin­ge­gen ist eine Neu­pro­duk­ti­on. Zu­gleich wir­ken Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker aus un­se­rem Fest­spiel­or­ches­ter mit. In­so­fern hof­fe ich tat­säch­lich, dass sich auf die­se Wei­se auch eine be­stimm­te Ar­beits­wei­se, wie sie in Bay­reuth ge­pflegt wird, vermittelt.

Mar­ko Cir­ko­vic Sie ha­ben eben den Be­griff der Kul­tur­ver­mitt­lung ver­wen­det. Was kann ein sol­ches Pro­jekt dar­über hin­aus leisten?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Beim „Tris­tan“ habe ich ge­merkt, wie groß hier die Neu­gier ist, und zwar bei ei­nem teils sehr jun­gen Pu­bli­kum. Man spür­te deut­lich, dass das In­ter­es­se nicht nur der Mu­sik galt, son­dern auch der Fra­ge, wie in Bay­reuth in­sze­niert wird. Da war eine gro­ße Neu­gier auf die Art, wie dort ge­ar­bei­tet wird, und es war schön zu se­hen, mit wel­cher Freu­de das hier auf­ge­nom­men wurde.

Mar­ko Cir­ko­vic Wird in Deutsch­land an­ders dar­über ge­spro­chen? Skep­ti­scher, stär­ker in­tel­lek­tua­li­siert, konfliktreicher?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ich glau­be, dass hier ge­nau­so dis­ku­tiert wird wie in Deutsch­land. Aber die Neu­gier ist ein­deu­tig da. Es war auch so­fort aus­ver­kauft. Das heißt: Es gibt hier ganz of­fen­sicht­lich die Be­reit­schaft, sich auch auf Din­ge ein­zu­las­sen, von de­nen man viel­leicht noch gar nicht ge­nau weiß, was ei­nen er­war­tet. Das fin­de ich be­mer­kens­wert. Al­ler­dings muss man sa­gen: Die­se Neu­gier gibt es in Deutsch­land eben­falls. Auch in Bay­reuth sind un­se­re Auf­füh­run­gen schnell aus­ver­kauft ge­we­sen. In­so­fern ist es ein­fach schön zu er­le­ben, dass die­se Of­fen­heit auch hier vor­han­den ist. Denn dann scheint das Pro­jekt ja tat­säch­lich zu funktionieren.

Mar­ko Cir­ko­vic Wie hat es sich an­ge­fühlt, mit die­ser „Wal­kü­re“ in Shang­hai an­zu­kom­men? Wie be­gann die­ser Pro­zess, und seit wann sind Sie hier?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Wir sind jetzt seit etwa drei Wo­chen hier. Die Pro­ben­zeit war aus­ge­spro­chen sport­lich, das muss man sa­gen. Sie war von An­fang an dar­auf an­ge­legt, dass man es schaf­fen kann, aber eben un­ter sehr kom­pak­ten Be­din­gun­gen. Ge­ra­de für die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger ist das eine enor­me Be­las­tung, weil zwi­schen den Pro­ben­pha­sen kaum Er­ho­lungs­zeit liegt. Bei die­sen Par­tien ist das na­tür­lich be­son­ders fordernd.

Mar­ko Cir­ko­vic Gab es in den Pro­ben hier in Shang­hai ei­nen Mo­ment, in dem Sie ge­spürt ha­ben, dass Sie sich nicht nur in ei­nem an­de­ren Opern­haus, son­dern in ei­nem ganz an­de­ren kul­tu­rel­len Kon­text bewegen?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Sol­che Mo­men­te gibt es oft. Schon au­ßer­halb Deutsch­lands merkt man schnell, dass an­de­re Re­geln gel­ten, ge­ra­de was Si­cher­heits­vor­schrif­ten be­trifft. Dass man etwa in der Höhe ar­bei­tet, ohne die Si­che­run­gen, die bei uns selbst­ver­ständ­lich und vor­ge­schrie­ben wä­ren, das sind wir so nicht ge­wohnt. Aber es funk­tio­niert hier ge­nau­so gut. An­ders heißt ja nicht schlech­ter. Wir sind in Deutsch­land schlicht an­de­re deut­lich stren­ge­re Vor­schrif­ten ge­wohnt. Je­des Land hat sein ei­ge­nes System.

Mar­ko Cir­ko­vic Ha­ben Sie des­halb be­stimm­te kon­zep­tio­nel­le Ideen ent­schärft oder angepasst?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Nein, gar nicht. Wir ha­ben lan­ge über­legt, ob wir die­se Form ei­ner ein­zel­nen „Wal­kü­re“ ma­chen soll­ten und ob das dra­ma­tur­gisch und in­halt­lich für uns Sinn er­gibt. Aber wir sind dann sehr schnell zu ei­ner Lö­sung ge­kom­men, die uns über­zeugt hat.

Mar­ko Cir­ko­vic Hat Shang­hai die Pro­duk­ti­on in ir­gend­ei­ner Wei­se ver­scho­ben, ver­dich­tet oder zu­ge­spitzt? Gab es et­was, das Sie hier vor Ort auf­ge­nom­men und dann noch in die In­sze­nie­rung hin­ein­ge­nom­men haben?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Kon­zep­tio­nell nein. Was sich ver­än­dert hat, das hing eher mit der In­di­vi­dua­li­tät ein­zel­ner Sän­ge­rin­nen und Sän­ger zu­sam­men. Da ha­ben sich na­tür­lich Ak­zen­te ge­schärft. Aber das be­trifft nicht das Kon­zept selbst. Ei­ni­ge Sän­ger kann­ten wir sehr gut, etwa Ca­the­ri­ne Fos­ter, mit der ich ge­nau weiß, wie ihr Be­we­gungs­duk­tus ist und wie sie ar­bei­tet. Das­sel­be gilt für an­de­re Mit­wir­ken­de, die wir be­reits kann­ten. Bei den­je­ni­gen, mit de­nen wir noch nicht ge­ar­bei­tet hat­ten, er­ga­ben sich na­tür­lich An­pas­sun­gen. Aber kon­zep­tio­nell hat sich nichts verschoben.

Ka­tha­ri­na Wag­ner bei der Pres­se­kon­fe­renz zur „Walküre“-Neuinszenierung in Shang­hai – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Mar­ko Cir­ko­vic Wie wür­den Sie Ihre ei­ge­ne Pro­ben­ar­beit be­schrei­ben? Eher ana­ly­tisch, at­mo­sphä­risch, prä­zi­se, intuitiv?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Das hängt im­mer auch von der Zu­sam­men­set­zung der Be­tei­lig­ten ab. Die Stim­mung ei­ner Pro­ben­ar­beit ent­steht nie los­ge­löst von den Men­schen, die an ihr be­tei­ligt sind. Hier kann man aber wirk­lich sa­gen, dass wir eine aus­ge­spro­chen gute, sehr har­mo­ni­sche Grup­pe sind. Vie­le von uns ken­nen sich seit lan­gem, schät­zen ein­an­der, mö­gen ein­an­der und wis­sen, was sie an­ein­an­der ha­ben. Ich selbst bin si­cher eher ein sehr vor­be­rei­te­ter Typ. Ich glau­be, das ist et­was, was man an un­se­rer Ar­beit schät­zen kann: dass wir vor­be­rei­tet in Pro­ben ge­hen und nicht erst dort an­fan­gen zu su­chen. Das ver­ste­hen wir als un­se­re Auf­ga­be. Gleich­wohl ha­ben wir trotz der kur­zen Pro­ben­zeit, ge­ra­de mit Ca­the­ri­ne Fos­ter, Anna Ma­ria Chi­uri, Wil­li Schwing­ham­mer, Vin­cent Wolf­stei­ner und Ma­nue­la Uhl, noch sehr viel ent­wi­ckeln kön­nen. Das war groß­ar­tig. Ca­the­ri­ne Fos­ter etwa wirft sich mit ei­ner un­ge­heu­ren In­ten­si­tät in die Ar­beit hin­ein. Sie ist nicht nur eine her­aus­ra­gen­de Sän­ge­rin, son­dern auch eine groß­ar­ti­ge Darstellerin.

Mar­ko Cir­ko­vic Was ist für Sie das ei­gent­li­che Herz der „Wal­kü­re“?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Wenn Sie das all­ge­mein mei­nen, ist das nicht ganz leicht zu be­ant­wor­ten. Aber für un­se­re In­sze­nie­rung lässt sich das re­la­tiv klar sa­gen. Ob­wohl wir ein Ein­zel­werk in­sze­niert ha­ben, ha­ben wir nie aus­ge­blen­det, dass es Teil ei­nes grö­ße­ren Zu­sam­men­hangs ist. Für uns ist das Herz die­ses Werks, wie des ge­sam­ten „Ring“, der Ring, den je­der ha­ben will. Das ist der Kern. Die­ser Ring und die da­mit ver­bun­de­ne Macht ist im gan­zen Stück prä­sent und bei uns ist sie es sehr deutlich.

Mar­ko Cir­ko­vic Und wie äu­ßert sich das in Ih­rer Inszenierung?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Wir ha­ben Faf­ner tat­säch­lich auch op­tisch auf der Büh­ne prä­sent, ge­wis­ser­ma­ßen als eine schwe­ben­de In­stanz, die den Ring bei sich trägt. Auf die­sen Ring rich­tet sich das Be­geh­ren al­ler Be­tei­lig­ten. Ge­nau dar­in liegt ja auch in­halt­lich der Kern des Stü­ckes: dass je­der die­sen Ring ha­ben möchte.

Mar­ko Cir­ko­vic Wel­che räum­li­che Grund­fi­gur ha­ben Sie ins Zen­trum ge­stellt? Ist die In­sze­nie­rung stark zwi­schen den Auf­zü­gen dif­fe­ren­ziert, oder ha­ben Sie sich auf ei­nen zen­tra­len Raum konzentriert?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Nein, wir ha­ben sehr un­ter­schied­li­che Orte. Das Büh­nen­bild ist groß und durch­aus auf­wen­dig. Es be­wegt sich auch viel. Man durch­wan­dert mit den Dar­stel­lern ge­wis­ser­ma­ßen ver­schie­de­ne Sta­tio­nen und Räume.

Mar­ko Cir­ko­vic Gibt es in der „Wal­kü­re“ et­was, das Ih­nen per­sön­li­cher nä­her­steht als in an­de­ren Tei­len des Zyklus?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Mu­si­ka­lisch ist mir die „Göt­ter­däm­me­rung“ wohl nä­her, aber das ist rein subjektiv.

Mar­ko Cir­ko­vic Wel­che Fi­gur ist für Sie in der „Wal­kü­re“ die schwierigste?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Das ist si­cher Wo­tan, ge­ra­de in die­ser Pro­duk­ti­on. Die Par­tie ist au­ßer­or­dent­lich kom­plex, und wenn je­mand dar­in de­bü­tiert, merkt man na­tür­lich, dass sie noch nicht voll­stän­dig durch­drun­gen sein kann. Das ist gar kein Vor­wurf, son­dern liegt in der Na­tur ei­ner sol­chen Auf­ga­be. She­n­yang ist stimm­lich sehr stark, eine groß­ar­ti­ge Stim­me. Aber man merkt eben auch, dass je­mand wie Ca­the­ri­ne Fos­ter und an­de­re ihre Par­tien schon oft ge­sun­gen ha­ben und des­halb sehr schnell in der Lage sind, Din­ge zu ad­ap­tie­ren und in­halt­lich zu fül­len. Bei ei­ner so kom­ple­xen De­büt­par­tie ist das na­tur­ge­mäß schwe­rer. Das ist nie­man­des Schuld, son­dern schlicht eine Fra­ge der Erfahrung.

Mar­ko Cir­ko­vic Und Brünnhilde?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Brünn­hil­de ist hier schon sehr weit ent­wi­ckelt, ge­ra­de weil Ca­the­ri­ne Fos­ter die­se Fi­gur wirk­lich kom­plett durch­dringt. Ich habe sie schon oft ge­hört, und das Tol­le an ihr ist, dass sie sich in je­dem neu­en Kon­zept wei­ter­ent­wi­ckeln, ja neu er­fin­den kann. Ca­the­ri­ne ist nie­mals lang­wei­lig. Sie nimmt jede In­sze­nie­rung ernst und ent­wi­ckelt für je­den Re­gis­seur oder jede Re­gis­seu­rin eine ei­ge­ne Brünn­hil­de, mit gro­ßer Ernst­haf­tig­keit und mit al­ler Kraft.

Mar­ko Cir­ko­vic Sie sag­ten, das Zen­trum der „Wal­kü­re“ und des ge­sam­ten „Ring“ sei der Ring und die da­mit ver­bun­de­ne Macht. Was ist dann das ei­gent­li­che Tabu in Ih­rer „Wal­kü­re“? Der In­zest, die Macht selbst, der Ge­hor­sam, das Freiheitsbegehren?
Ka­tha­ri­na Wag­ner In die­ser Kon­zep­ti­on ist es vor al­lem das Be­geh­ren nach Frei­heit, al­ler­dings in dem Sinn, dass man sich aus Ver­stri­ckun­gen wie­der be­frei­en möch­te und dass das oft eben ge­ra­de nicht ein­fach ist. Wir zei­gen, glau­be ich, sehr deut­lich, dass es ge­fähr­lich ist, sich auf Macht oder schon auf die Su­che nach Macht ein­zu­las­sen. Das ist kein harm­lo­ser Vor­gang. Man ge­rät in et­was hin­ein, wird dar­in gefangen.

Mar­ko Cir­ko­vic Wenn wir schon bei der Ge­fahr sind: Wie ver­mei­den Sie, dass der „Wal­kü­ren­ritt“ zur pop­kul­tu­rel­len Iko­ne wird, die den gan­zen Abend ver­schlingt und das Pu­bli­kum nur noch auf die­sen Mo­ment war­ten lässt?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ver­bie­ten kann ich den Leu­ten na­tür­lich nicht, wor­auf sie hin­fie­bern. Es gibt ganz si­cher auch Be­su­cher, die vor al­lem we­gen des drit­ten Ak­tes kom­men. Ich selbst mag die­se Sze­ne sehr. Un­se­re Wal­kü­ren-Sze­ne ist, wür­de ich sa­gen, zu­gleich sehr ver­traut und doch sehr an­ders. Ge­ra­de die­se Gleich­zei­tig­keit macht sie für mich reiz­voll. Na­tür­lich gibt es tote Hel­den, na­tür­lich gibt es star­ke Bil­der, aber wir ha­ben die Sze­ne so in­sze­niert, dass sie in­ter­es­sant, viel­leicht auch amü­sant sein kann, ohne in blo­ße Er­war­tungs­hal­tung zu kip­pen. Au­ßer­dem hat die­ses Stück so vie­le gro­ße mu­si­ka­li­sche Mo­men­te. Der gan­ze ers­te Akt ist vol­ler sol­cher Hö­he­punk­te, dann die To­des­ver­kün­di­gung im zwei­ten Akt, und vie­les mehr. Für mich ist der „Wal­kü­ren­ritt“ ein Teil des Gan­zen, nicht der Sinn des Ganzen.

Mar­ko Cir­ko­vic Was ist Ihr mu­si­ka­li­scher Her­zens­mo­ment in der „Wal­kü­re“?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Für mich ist der drit­te Akt ab Brünn­hil­de und Wo­tan bis zum Schluss mu­si­ka­lisch be­son­ders stark. Da ist al­les ent­hal­ten: gro­ße Aus­brü­che, Pia­nostel­len, Dra­ma­tik, Emo­tio­na­li­tät. Das ist ein­fach über­wäl­ti­gen­de Musik.

Mar­ko Cir­ko­vic Gab es in der Re­gie­ar­beit ei­nen Punkt, an dem Sie ei­nen Kno­ten lö­sen muss­ten? Ei­nen Mo­ment des Wi­der­stands, der Kor­rek­tur, des dra­ma­tur­gi­schen Umdenkens?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Wir ha­ben den Fo­kus et­was stär­ker auf Brünn­hil­de ver­la­gert, auch weil Wo­tan hier de­bü­tiert. Das war kein Wi­der­stand, son­dern eher eine Re­ak­ti­on auf das, was sich in den Pro­ben als or­ga­nisch rich­tig er­wies. Wenn man eine Sän­ge­rin wie Ca­the­ri­ne Fos­ter hat, die al­les an­bie­tet und sich in ei­ner sol­chen In­ten­si­tät in die Ar­beit stürzt, dann ist das ein Ge­schenk. Das­sel­be gilt auch für an­de­re. Aber ech­te dra­ma­tur­gi­sche Kri­sen, also Mo­men­te, in de­nen wir hät­ten sa­gen müs­sen: Hier ist ein Loch, hier stimmt et­was nicht, das ver­steht das Pu­bli­kum nicht, die hat­ten wir in die­ser Pro­duk­ti­on er­staun­li­cher­wei­se nicht. Sol­che Mo­men­te ha­ben wir in an­de­ren In­sze­nie­run­gen durch­aus schon er­lebt. Hier aber kam vie­les tat­säch­lich so zu­sam­men, wie wir es uns ge­dacht hatten.

Mar­ko Cir­ko­vic Sie ar­bei­ten mit in­ter­na­tio­na­len Sän­ge­rin­nen und Sän­gern. Sind un­ter den Wal­kü­ren auch asia­ti­sche Sängerinnen?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ja, die Wal­kü­ren sind fast alle chi­ne­si­sche Sän­ge­rin­nen, bis auf eine. Und sie ma­chen das großartig.

Mar­ko Cir­ko­vic Wel­che Re­gie­an­wei­sun­gen wer­den in­ter­na­tio­nal so­fort ver­stan­den, und wo muss man nach­jus­tie­ren? Ar­bei­tet man mit Über­set­zern, mit Eng­lisch, mit Han­dy, mit Improvisation?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Mit den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern ging das er­staun­lich gut. Auch bei den Wal­kü­ren war das sehr hilf­reich, weil eine der Sän­ge­rin­nen Deutsch spricht und vie­les über­setzt hat. Ei­ni­ge an­de­re spre­chen Eng­lisch. Ges­tern muss­ten wir noch ein­mal nach­jus­tie­ren, weil zum ers­ten Mal alle Sta­tis­tin­nen und Sta­tis­ten an­we­send wa­ren. Da­bei war es wirk­lich sehr schön zu er­le­ben, wie selbst­ver­ständ­lich eine der Da­men so­fort die Rol­le der Über­set­ze­rin über­nom­men hat. Das ist nicht ihr Job, aber sie tat es mit gro­ßer Selbst­ver­ständ­lich­keit und Freund­lich­keit. Für die Tech­nik hat­ten wir eine ei­ge­ne Über­set­ze­rin, was auch un­be­dingt nö­tig ist. Ge­ra­de in Kos­tüm, Mas­ke und Tech­nik braucht man die­se Ver­mitt­lung, wenn die Eng­lisch­kennt­nis­se nicht aus­rei­chen. Das Thea­ter hat­te das aber im Vor­feld schon sehr gut organisiert.

Mar­ko Cir­ko­vic Was hat die­se Pro­ben­ar­beit mit Ih­nen selbst ge­macht? Was neh­men Sie aus den letz­ten Ta­gen vor der Pre­mie­re mit?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Vor al­lem rie­si­gen Re­spekt. Etwa vor Ca­the­ri­ne Fos­ter, die un­glaub­lich viel zu sin­gen hat und den­noch eine Ge­duld, Pro­fes­sio­na­li­tät und Ein­satz­be­reit­schaft zeigt, die ich in die­ser Form sel­ten er­lebt habe. Ge­ra­de ges­tern, als wir mit al­len Sta­tis­ten und Sta­tis­tin­nen erst­mals vie­les neu jus­tie­ren muss­ten, war klar, dass das Zeit kos­ten wür­de. Und trotz­dem gab es nie ein un­ge­dul­di­ges Wort, nie ein Drän­gen, Pro­ben zu ver­kür­zen oder schnel­ler durch­zu­ge­hen. Das gilt auch für an­de­re. Die­se Be­reit­schaft, sich bis zur letz­ten Se­kun­de voll­kom­men ein­zu­set­zen, ob­wohl der Pro­ben­plan sehr dicht ist und wir so et­was in Deutsch­land wohl so nicht dis­po­nie­ren wür­den, nö­tigt mir größ­ten Re­spekt ab.

Mar­ko Cir­ko­vic Wer­den Sie das in Deutsch­land vermissen?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ich wür­de das gar nicht na­tio­nal zu­schrei­ben. Das hat we­ni­ger mit Deutsch­land oder ir­gend­ei­nem an­de­ren Land zu tun als mit die­ser ganz be­son­de­ren Kon­stel­la­ti­on von Sän­ge­rin­nen und Sän­gern hier. So et­was ha­ben wir in Deutsch­land durch­aus auch schon er­lebt. Aber in die­ser Form, mit die­ser Kon­se­quenz und die­ser Selbst­ver­ständ­lich­keit, ist es be­mer­kens­wert. Es ist wirk­lich beeindruckend.

Mar­ko Cir­ko­vic Ich grei­fe jetzt eine äl­te­re Äu­ße­rung von Ih­nen auf. Sie ha­ben 2013 ein­mal ge­sagt, Sie wür­den Ri­chard Wag­ner gern fra­gen, war­um er das Fest­spiel­haus ohne Sei­ten­büh­nen ge­baut hat. Wie se­hen Sie das heute?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Das sehe ich im­mer noch so. Im Bay­reu­ther Fest­spiel­haus kommt nun ein­mal sehr viel von oben, von un­ten und von hin­ten. Sei­ten­büh­nen wür­den Um­bau­ten tech­nisch enorm er­leich­tern. Hier nut­zen wir die Sei­ten­büh­nen sehr stark. Na­tür­lich fin­det man in Bay­reuth an­de­re Lö­sun­gen, weil die Tech­nik dort ge­nau um die­se be­son­de­re Ar­chi­tek­tur weiß. Aber hier merkt man, ge­ra­de im ers­ten Akt, wie sehr Sei­ten­büh­nen Pro­zes­se ver­ein­fa­chen kön­nen. In­so­fern gilt die­ser Satz für mich weiterhin.

Mar­ko Cir­ko­vic Wie groß ist das Shang­hai Grand Theat­re? Ist das eine sehr gro­ße Bühne?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ja, es ist eine gro­ße Büh­ne, aber wir ar­bei­ten häu­fig auf gro­ßen Büh­nen. Man muss eine sol­che Büh­ne na­tür­lich ent­spre­chend fül­len. Wenn man von der Pro­be­büh­ne auf die ei­gent­li­che Büh­ne geht, muss man Be­we­gun­gen im­mer an­pas­sen, je nach­dem, wie groß der Raum ist. Hier muss man eher groß spie­len, da­mit es trägt.

Mar­ko Cir­ko­vic Ist die Tech­nik auf in­ter­na­tio­na­lem Standard?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ver­al­tet ist sie ganz si­cher nicht. Der tech­ni­sche Stan­dard ent­spricht im We­sent­li­chen dem, was man aus in­ter­na­tio­na­len Häu­sern kennt. An­ders sind eher die Aus­füh­run­gen und die Si­cher­heits­ab­läu­fe. Bei uns gäbe es Ab­sper­run­gen, op­ti­sche Si­gna­le, akus­ti­sche Si­gna­le, wenn sich et­was be­wegt. Hier lie­fen wir ges­tern über die Büh­ne, und plötz­lich fuhr ein Po­di­um hoch. So et­was wäre bei uns in die­ser Form kaum vor­stell­bar. Dar­an muss man sich erst ge­wöh­nen. Aber grund­sätz­lich ist die Tech­nik da, und sie funk­tio­niert. Auch vom Licht her hieß es, dass al­les vor­han­den sei, was ge­braucht wird.

Mar­ko Cir­ko­vic In die­sem Pro­jekt „Bay­reuth in Shang­hai“ sind drei Opern ge­plant. Gibt es Über­le­gun­gen, das zu verlängern?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Ge­sprä­che dazu gibt es jetzt. Wenn kul­tu­rel­ler Aus­tausch ge­wünscht ist, bin ich im­mer be­reit, dar­über nach­zu­den­ken, ihn fort­zu­füh­ren. In To­kio ma­chen wir die­sen Aus­tausch ja auch schon seit Jah­ren, und ich bin sehr dank­bar da­für, dass wir dort zu ei­nem fes­ten Be­stand­teil des Fes­ti­vals ge­wor­den sind. Ich fin­de es wun­der­bar, wenn sich ein Pu­bli­kum dar­auf freut, dass man wie­der­kommt, und wenn dar­aus ein nach­hal­ti­ger kul­tu­rel­ler Dia­log ent­steht. Un­se­re Er­fah­run­gen in Ja­pan sind in die­ser Hin­sicht aus­ge­spro­chen po­si­tiv. Im Üb­ri­gen gab es den kul­tu­rel­len Aus­tausch mit Ja­pan schon zu Zei­ten mei­nes Va­ters. Ende der 1980er und An­fang der 1990er Jah­re gin­gen be­reits Pro­duk­tio­nen der Bay­reu­ther Fest­spie­le nach To­kio. Das darf man nicht ver­ges­sen. Da­mals war das al­les or­ga­ni­sa­to­risch noch viel kom­pli­zier­ter als heu­te. Heu­te kön­nen wir vie­les per Zoom klä­ren, was frü­her mit Rei­sen, Fa­xen und gro­ßem Auf­wand ver­bun­den war. In­so­fern ha­ben sich die Be­din­gun­gen zum Gu­ten ver­än­dert, auch weil Kul­tur­aus­tausch da­durch fi­nan­zi­ell und or­ga­ni­sa­to­risch leich­ter mög­lich wird.

Mar­ko Cir­ko­vic Stel­len wir uns vor, heu­te ist Pre­mie­re. Die Pre­mie­re ist vor­bei. Mit wel­chem Ge­dan­ken wür­den Sie am liebs­ten aus die­sem Pro­jekt herausgehen?
Ka­tha­ri­na Wag­ner Als Re­gis­seu­rin wün­sche ich mir na­tür­lich, dass die Men­schen ei­nen an­re­gen­den, un­ter­halt­sa­men, in­tel­lek­tu­ell sti­mu­lie­ren­den Abend hat­ten, dass sie dis­ku­tie­ren, wie sie das Ge­se­he­ne fan­den, dass sie ein ech­tes Thea­ter­er­leb­nis hat­ten. Das ist für mich das Wich­tigs­te. Und was uns an die­ser Pro­duk­ti­on, glau­be ich, alle be­son­ders freut, ist die au­ßer­or­dent­li­che Wei­se, in der die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger das al­les mit­tra­gen, mit­ent­wi­ckeln, sich hin­ein­wer­fen. Eine Re­gie ist im­mer nur so gut wie die Men­schen, die sie auf der Büh­ne ver­kör­pern. Eine noch so klug ge­dach­te In­sze­nie­rung kann an der Büh­ne schei­tern, wenn sie dort nicht auf­ge­nom­men wird. Hier aber spürt man, dass alle das­sel­be wol­len: dem Pu­bli­kum ei­nen span­nen­den Abend zu ge­ben. Und das ist kei­ne blo­ße Pflicht­er­fül­lung, son­dern ech­ter Ein­satz. Das macht die­se Pro­duk­ti­on für uns besonders.

Mar­ko Cir­ko­vic Wun­der­bar. Das sind schö­ne Schluss­wor­te. Vie­len Dank für das Gespräch.

Das „Walküre“-Team bei der Pres­se­kon­fe­renz mit Re­gis­seu­rin Ka­tha­ri­na Wag­ner, Di­ri­gent Xu Zhong, Büh­nen­bild­ner Karl­heinz Beer, wei­te­ren Ver­ant­wort­li­chen und den So­lis­tin­nen und So­lis­ten – Foto: © Mo­ni­ka Beer