„Die Walküre“ in Shanghai

Ka­tha­ri­na Wag­ner hat am Shang­hai Grand Theat­re im Büh­nen­bild von un­se­rem Mit­glied Karl­heinz Beer „Die Wal­kü­re“ in­sze­niert.  Hier fin­den Sie Links zum Schluss­ap­plaus-Vi­deo der Pre­mie­re vom 24. April 2026 und zur Be­richt­erstat­tung von Mar­ko Cir­ko­vic mit In­ter­views und ei­ner aus­führ­li­chen Kri­tik, zu wei­te­ren Be­rich­ten und Re­zen­sio­nen, dar­un­ter wei­ter un­ten eine, die ei­gens für uns aus dem Chi­ne­si­schen über­tra­ge­nen wurde.

Schluss­ap­plaus-Vi­deo auf Instagram

In­ter­view mit Re­gis­seu­rin Ka­tha­ri­na Wagner

In­ter­view mit Di­ri­gent Xu Zhong

Kri­tik der „Walküre“-Neuinszenierung von Mar­ko Cirkovic

Eng­lisch­spra­chi­ge Kri­tik von Han­ju Yang

Eng­lisch­spra­chi­ger Be­richt in Chi­na Daily

In­ter­view mit Ma­nue­la Uhl (Sieg­lin­de) auf klas​sik​-be​geis​tert​.de

Chi­ne­sisch­spra­che Kri­tik von Xi­uyu Ai in deut­scher Übertragung:
Die neue „Wal­kü­re“ im Jahr 2026 – eine Ant­wort auf eine noch fer­ne­re Zukunft
Yang­ch­eng Evening News, 27. April 2026, Text: Xi­uyu Ai

Als ei­nes der Meis­ter­wer­ke Ri­chard Wag­ners nimmt „Die Wal­kü­re“ mit ih­rer groß­ar­ti­gen, streng durch­kom­po­nier­ten mu­si­ka­li­schen Ar­chi­tek­tur, ih­rer un­mit­tel­bar emo­tio­nal wir­ken­den dra­ma­ti­schen Span­nung und ih­rem tief­grün­dig hu­ma­nis­ti­schen Ge­halt ei­nen fes­ten Platz als Mei­len­stein in der Opern­ge­schich­te des Wes­tens ein.

2026, an­läss­lich des 150-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­ums der Ur­auf­füh­rung des „Ring des Ni­be­lun­gen“ so­wie des 170. Jah­res­ta­ges der Pre­mie­re der „Wal­kü­re“ und im zwei­ten Jahr des drei­jäh­ri­gen Opern­pro­jekts „Bay­reuth in Shang­hai“, in­sze­nier­te Ka­tha­ri­na Wag­ner, Ur­en­ke­lin Ri­chard Wag­ners und künst­le­ri­sche Lei­te­rin der Bay­reu­ther Fest­spie­le, erst­mals selbst eine Büh­nen­pro­duk­ti­on der „Wal­kü­re“. Am 24. und 26. April fei­er­te sie da­mit ihr per­sön­li­ches „Ring“-Debüt im Shang­hai Grand Theatre.

Nach der Pre­mie­re stand die­se Neu­in­sze­nie­rung im Mit­tel­punkt von Dis­kus­sio­nen und Kon­tro­ver­sen des Pu­bli­kums, lös­te im In­ter­net und in Fach­krei­sen ein gro­ßes Echo aus und führ­te zu ei­ner in Chi­na und im Aus­land sel­ten an­zu­tref­fen­den brei­ten De­bat­te über die Oper.

Be­vor man dar­über dis­ku­tiert, ob Ka­tha­ri­na Wag­ners „Walküre“-Interpretation nun „In­no­va­ti­on“ oder „Ab­kehr von der Kon­ven­ti­on“ ist, muss ei­nes klar ge­stellt sein: Ri­chard Wag­ner, der Schöp­fer der „Wal­kü­re“, war selbst ein re­vo­lu­tio­nä­rer Künst­ler und ei­ner der größ­ten Re­for­mer der Opern­ge­schich­te. Er er­fand die end­lo­se Me­lo­die und das Leit­mo­tiv­sys­tem, spreng­te tra­di­tio­nel­le Opern­struk­tu­ren und de­fi­nier­te das Ver­hält­nis von Ge­sangs­stim­me und Or­ches­ter neu.

Wenn Ri­chard Wag­ner Zeit und Raum über­win­den und mit uns heu­te spre­chen könn­te, mag man sich gut vor­stel­len, dass die­ses 1813 ge­bo­re­ne künst­le­ri­sche Ge­nie, das sein Le­ben lang kei­ne Kom­pro­mis­se mit der Tra­di­ti­on ein­ge­gan­gen ist, an­ge­sichts ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on von Künst­lern, die mehr als zwei­hun­dert Jah­re nach sei­ner Ge­burt vor ihm stün­de, mit fun­keln­den Au­gen fra­gen wür­de: „Wel­che neu­en Ant­wor­ten bringt ihr mir im Jahr 2026?”

Sei­ne di­rek­te Nach­fah­rin Ka­tha­ri­na Wag­ner hat die­se Fra­ge jetzt ge­mein­sam mit dem Di­ri­gen­ten Zhong Xu so­wie in­ter­na­tio­na­len und chi­ne­si­schen Künst­lern wie Ca­the­ri­ne Fos­ter, Yang Shen, Vin­cent Wolf­stei­ner und Wil­helm Schwing­ham­mer mit ei­ner neu­en „Walküre“-Produktion in Chi­na beantwortet.

Äu­ßer­lich be­trach­tet nutzt Ka­tha­ri­na Wag­ners In­sze­nie­rung ei­nen hoch­kom­ple­xen Büh­nen­raum: Er ent­hält Ele­men­te ei­nes „Spie­gel­raums“, zu­gleich Me­ta­phern wie den „Ei­sen­raum, den „Exit-Es­cape-Room“ und in­te­griert sym­bo­li­sche Ele­men­te wie gol­de­ne Äp­fel, ein Puz­zle und das trans­pa­ren­te, mit Bäl­len ge­füll­te Plansch­be­cken für die drei Rheintöchter.

Hand­lun­gen wie das Hin und Her in dem Gar­de­ro­ben- und Re­qui­si­ten­raum, das Rei­ni­gen der Räum­lich­kei­ten, das Ber­gen von Lei­chen oder das Be­stei­gen von Trep­pen – ver­trau­te oder frem­de Tä­tig­kei­ten der mo­der­nen Welt – wie­der­ho­len sich in ei­ner ge­fähr­lich va­ria­blen Raum­struk­tur und be­ein­flus­sen sich ge­gen­sei­tig. Sie zwin­gen – wie in ei­nem Com­pu­ter­spiel – die Fi­gu­ren in Si­tua­tio­nen, im­mer wie­der Ent­schei­dun­gen zu tref­fen und sich da­durch neu zu definieren.

Cha­os, Span­nung, hef­ti­ge Kon­flik­te und Kol­li­sio­nen ent­ste­hen per­ma­nent auf der Büh­ne, doch hebt  dies den my­thi­schen und ro­man­ti­schen Cha­rak­ter des Wagner’schen Mu­sik­thea­ters kei­nes­wegs auf. Viel­mehr ent­steht in die­sen ex­tre­men Ge­gen­sät­zen der Ein­druck der „All­ge­gen­wär­tig­keit“ von gött­li­chen Me­ta­phern und Wen­dun­gen des Schicksals.

Durch die Kol­li­si­on von fer­ner My­tho­lo­gie mit all­täg­li­chen Frag­men­ten der Ge­gen­wart wird das klas­si­sche Werk dem heu­ti­gen Pu­bli­kum nä­her ge­bracht und er­wei­tert zu­gleich sei­ne nar­ra­ti­ve Di­men­si­on. In die­sem Sin­ne ist die­se „Wal­kü­re“ we­ni­ger Sub­ver­si­on als viel­mehr eine lie­be­vol­le Rück­schau – eine kon­se­quen­te­re und geis­tig ge­halts­vol­le­re In­ter­pre­ta­ti­on und Be­wah­rung von Wag­ners Idee des „Ge­samt­kunst­werks“. Wag­ner selbst lehn­te die tra­di­tio­nel­le Oper ab, in der Mu­sik Zweck und Dra­ma Mit­tel ist, und be­stand dar­auf, dass ein Werk „ein wah­res Mu­sik­dra­ma“ sei: Mu­sik, Dich­tung, Dar­stel­lung, Tanz, Skulp­tur und Ar­chi­tek­tur gleich­be­rech­tigt und mit­ein­an­der ei­nem gro­ßen dra­ma­ti­schen Ziel die­nend als „Kunst­werk der Zukunft“.

Da­her er­hal­ten auch schein­bar stö­ren­de Ge­räu­sche auf der Büh­ne wie das Wer­fen der gol­de­nen Äp­fel, das tief­fre­quen­te Sum­men ei­nes Auf­zugs oder die ru­he­lo­sen Schrit­te und Atem­ge­räu­sche der Dar­stel­ler ih­ren le­gi­ti­men äs­the­ti­schen Wert. Sie ver­schmel­zen mit Or­ches­ter und Ge­sang zu ei­nem ein­zig­ar­ti­gen Klang­sys­tem die­ser „Wal­kü­re“.

Be­mer­kens­wert ist, dass vie­le Zu­schau­er die In­sze­nie­rung als „avant­gar­dis­tisch“ emp­fin­den, ob­wohl vie­le ih­rer Büh­nen­mit­tel – Ver­schie­be­wän­de, La­by­rin­the, Rah­men­struk­tu­ren, Trep­pen, Kä­fig und „Ei­sen­raum“ – in der zeit­ge­nös­si­schen Thea­ter­kunst längst eta­bliert sind. Die eu­ro­päi­schen und ame­ri­ka­ni­schen Meis­ter wie Krys­ti­an Lupa, Ro­bert Wil­son oder Krzy­sz­tof War­li­kow­ski ha­ben die­se Art von Bild­spra­che über ei­nen lan­gen Zeit­raum hin­weg im­mer wie­der ver­wen­det und in­ter­pre­tiert, so­dass sich längst ein aus­ge­reif­tes thea­tra­li­sches Vo­ka­bu­lar her­aus­ge­bil­det hat.

Auf die­ser Grund­la­ge ge­lingt der „Walküre“-Neuinszenierung je­doch auch dra­ma­tur­gisch eine durch­gän­gi­ge „Spiel“-Erzählung, die sich eng mit der au­then­ti­schen mu­si­ka­li­schen In­ter­pre­ta­ti­on von Di­ri­gent Zhong Xu und sei­nem Or­ches­ter ver­bin­det. Bild und Mu­sik stüt­zen sich ge­gen­sei­tig und wer­den schließ­lich zu ei­ner Ein­heit: Aus dem Auf­ein­an­der­tref­fen und der Ver­schmel­zung chi­ne­si­scher und aus­län­di­scher künst­le­ri­scher Denk­wei­sen ist ein weit­rei­chen­des krea­ti­ves Spek­trum entstanden.

Un­ter­stützt durch das in­no­va­ti­ve Büh­nen­bild und die kon­zep­tio­nell an­spruchs­vol­le In­sze­nie­rung ge­lingt die­ser „Walküre“-Produktion eine be­ein­dru­cken­de künst­le­ri­sche Rück­be­sin­nung auf Wag­ners Thea­ter­idee: Sie be­wahrt mu­si­ka­li­sche Ex­zel­lenz und hebt zu­gleich die Qua­li­tät der sze­ni­schen Dar­stel­lung auf ein neu­es Niveau.

Vor 150 Jah­ren re­vo­lu­tio­nier­te Wag­ner mit sei­nem „Ring des Ni­be­lun­gen“ die tra­di­tio­nel­le Oper; 170 Jah­re nach der „Walküre“-Premiere hat sei­ne di­rek­te Nach­fah­rin ge­mein­sam mit ei­ner Viel­zahl chi­ne­si­scher und in­ter­na­tio­na­ler Mit­wir­ken­den mit künst­le­ri­scher Un­vor­ein­ge­nom­men­heit und krea­ti­ver Kühn­heit er­neut un­ter Be­weis ge­stellt, wie man Wag­ner in den Tie­fen sei­ner Welt in­ter­pre­tie­rend wei­ter ent­wi­ckeln kann.

In ge­wis­ser Hin­sicht stellt die­se Pro­duk­ti­on ei­nen wei­te­ren wich­ti­gen Ein­schnitt in der Auf­füh­rungs­ge­schich­te der „Wal­kü­re“ dar und ver­dient es, als denk­wür­dig in der Ge­schich­te der Wag­ner-In­sze­nie­run­gen er­in­nert zu wer­den. Dar­aus lässt sich auch fol­gern, dass tra­di­tio­nel­les, sta­ti­sches Ram­pen­sin­gen Wag­ners Idee des Ge­samt­kunst­werks nur un­zu­rei­chend umsetzt.

Schließ­lich lässt sich die­se „Walküre“-Neuinszenierung aus Sicht der Markt- und Pu­bli­kums­be­dürf­nis­se auch als eine hoch­ka­rä­ti­ge künst­le­ri­sche Vor­weg­nah­me der künf­ti­gen Ent­wick­lun­gen der Opern­kunst durch schöp­fe­ri­sche Köp­fe betrachten.

Be­reits 2025 hat das „Tris­tan und Isolde“-Gastspiel im Rah­men des Pro­jekts „Bay­reuth in Shang­hai“ Opern­lieb­ha­ber aus al­ler Welt nach Shang­hai ge­lockt; die Vor­stel­lun­gen wa­ren rest­los aus­ver­kauft. Auch die Pre­mie­re der neu­en „Wal­kü­re“ am 24. April war, ob­wohl sie an ei­nem  Wo­chen­tag statt­fand, aus­ver­kauft, und die Vor­stel­lung am 26. April war früh­zei­tig voll­stän­dig aus­ge­bucht, so dass Zu­satz­plät­ze ge­schaf­fen wer­den mussten.

Di­ri­gent Zhong Xu, der die Shang­hai Ope­ra seit zehn Jah­ren da­bei be­glei­tet, die chi­ne­si­sche Opern­sze­ne zu prä­gen, pro­gnos­ti­zier­te be­reits An­fang 2026 und jetzt bei der „Walküre“-Pressekonferenz, dass die jähr­li­chen Opern­be­su­che in Shang­hai bis 2030 die Mar­ke von zwei Mil­lio­nen über­schrei­ten würden.

Die­se zwei Mil­lio­nen Be­su­cher soll­ten je­doch nur als Keim­zel­le und Spie­gel­bild die­nen. Ge­stützt auf eine rie­si­ge Be­völ­ke­rungs­ba­sis, ei­nen gro­ßen An­teil an Men­schen mit Hoch­schul­bil­dung und eine ste­tig wach­sen­de Wirt­schaft wird Chi­na in Zu­kunft zwei­fel­los das welt­weit größ­te Opern­pu­bli­kum ha­ben. Bis da­hin wer­den die An­sprü­che des Opern­pu­bli­kums an die Viel­falt des Re­per­toires und an die Ver­schie­den­ar­tig­keit der Dar­stel­lungs­for­men zwangs­läu­fig ex­po­nen­ti­ell steigen.

Die „Walküre“-Neuinszenierung re­agiert be­reits heu­te auf die­se Ent­wick­lung. Mit die­sem Werk si­gna­li­sie­ren die Künst­ler dem ste­tig wach­sen­den Opern­pu­bli­kum: Wir sind be­reit für die viel­ge­stal­ti­ge­ren und an­spruchs­vol­le­ren krea­ti­ven Auf­ga­ben, die die Zu­kunft für uns bereithält!

Die Zeit schrei­tet un­auf­halt­sam vor­an, und die Kunst als sinn­li­cher Aus­druck mensch­li­cher Ge­füh­le und Ge­dan­ken ent­wi­ckelt sich glei­cher­ma­ßen wei­ter. Das Pu­bli­kum wird – ge­führt von vi­sio­nä­ren Künst­lern – ein neu­es, er­wei­ter­tes und zu­kunfts­ori­en­tier­tes Wag­ner-Uni­ver­sum ent­de­cken. Jetzt schon, be­vor mor­gen be­ginnt, stellt die­se „Walküre“-Produktion ihre Fra­ge: Die Zu­kunft ist da – bist du be­reit, die­sen Weg mit uns zu gehen?

Wir dan­ken Hanyi Du, Sti­pen­dia­tin des RWV Bam­berg 2021, die die­sen chi­ne­si­schen Text mit Hil­fe von ChatGPT und DeepL für uns ins Deut­sche über­tra­gen hat.