„Kunst darf nicht erst auf Erlaubnis warten“

Der in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­te chi­ne­si­sche Di­ri­gent Xu Zhong ist un­ter an­de­rem Prä­si­dent des Shang­hai Ope­ra House und Chef­di­ri­gent des Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra. Zur Neu­pro­duk­ti­on der „Wal­kü­re“ in Shang­hai (Pre­mie­re am 24. April 2026) hat ihn Mar­ko Cir­ko­civ interviewt.

Ma­es­tro Xu Zhong, Di­ri­gent der „Walküre“-Neuproduktion – Foto: © Shu Xiaoning

Shang­hai, 22. April 2026. In der ers­ten Pau­se der Ge­ne­ral­pro­be, noch ehe sich die Luft des Saa­les ganz von Wag­ners elek­tri­scher Span­nung ge­löst hat, er­gibt sich im Shang­hai Grand Theat­re jene sel­te­ne Form der Stil­le, die kein Schwei­gen ist, son­dern ein In­ne­hal­ten un­ter Hoch­druck. Hin­ter der Büh­ne ar­bei­tet die Auf­füh­rung wei­ter, selbst wenn der Vor­hang für we­ni­ge Mi­nu­ten ruht: in Kor­ri­do­ren, in Bli­cken, in den kon­zen­trier­ten Ges­ten ei­nes Hau­ses, das weiß, dass es auf eine Pre­mie­re zu­geht. Hier tref­fe ich den Di­ri­gen­ten Xu Zhong, der die­se neue, von Ka­tha­ri­na Wag­ner in­sze­nier­te Shang­hai­er „Wal­kü­re“ lei­tet. Im Gra­ben steht das Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra, er­gänzt durch Gäs­te aus dem Bay­reu­ther Fest­spiel­or­ches­ter. Was eben noch als or­ches­tra­ler Strom durch den Raum ging, muss nun in Wor­te über­führt wer­den, ohne dass es sei­ne in­ne­re Glut verliert.
Xu Zhong spricht nicht wie je­mand, der Mu­sik kom­men­tie­ren möch­te, son­dern wie ei­ner, der sie von in­nen her denkt: vom Atem der Sän­ger aus, von der Last der Wor­te, von den Span­nun­gen zwi­schen Li­nie und Ar­chi­tek­tur, zwi­schen Aus­druck und Stil. Ge­ra­de in ei­ner Oper wie „Die Wal­kü­re“, de­ren Welt zu­gleich my­thisch und mensch­lich, erup­tiv und ge­baut ist, wird rasch deut­lich, dass er Wag­ner nicht als Mo­nu­ment be­han­delt, son­dern als le­ben­di­ge dra­ma­ti­sche Sub­stanz. Das fol­gen­de Ge­spräch fand in eben je­nem Schwe­be­zu­stand statt: zwi­schen Pro­be und Auf­füh­rung, zwi­schen Kon­trol­le und Ri­si­ko, zwi­schen dem, was be­reits ge­lun­gen ist, und dem, was sich erst im Au­gen­blick der Pre­mie­re voll­endet. Das In­ter­view wur­de in eng­li­scher Spra­che ge­führt und für die vor­lie­gen­de Ver­öf­fent­li­chung ins Deut­sche übertragen.

Mar­ko Cir­ko­vic Herr Xu, zu­nächst ganz herz­li­chen Dank für Ihre Zeit und Ihre Fle­xi­bi­li­tät. Wie füh­len Sie sich heu­te, in die­ser Generalprobe?
Xu Zhong Es ist heu­te bes­ser. Die Sän­ger sind si­che­rer ge­wor­den, und auch das Or­ches­ter spielt bes­ser. Na­tür­lich gibt es noch klei­ne Feh­ler, aber bei ei­nem Werk wie die­sem ist das kaum über­ra­schend. Für ein chi­ne­si­sches Or­ches­ter ist das ein au­ßer­or­dent­lich an­spruchs­vol­les Stück. Ge­ra­de des­halb freue ich mich sehr über das Ni­veau, das wir be­reits er­reicht ha­ben, zu­mal mit der Un­ter­stüt­zung der Stimm­füh­rer aus Bay­reuth und der gro­ßen Hin­ga­be al­ler Beteiligten.

Mar­ko Cir­ko­vic Sie sind in Ih­rer Lauf­bahn zu­nächst als Pia­nist her­vor­ge­tre­ten. Was hat Ih­nen das Kla­vier für das Di­ri­gie­ren beigebracht?
Xu Zhong Das Kla­vier und das Di­ri­gie­ren sind für mich im Grun­de zwei ver­schie­de­ne Be­ru­fe. Das Kla­vier hat mir vor al­lem ein Ge­fühl für Zeit, für Tem­po, für in­ne­re Pro­por­tio­nen ge­ge­ben. Zu­gleich hat es mei­ne Sen­si­bi­li­tät für Klang­far­be ge­schärft. Aber der ent­schei­den­de Un­ter­schied ist na­tür­lich: Am Kla­vier er­zeugt man den Ton un­mit­tel­bar selbst, als Di­ri­gent formt man ihn auf an­de­re Wei­se, durch Ver­mitt­lung, durch Vor­stel­lung, durch Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ich habe die­se bei­den Tä­tig­kei­ten im­mer ge­trennt ge­hal­ten, und doch sind sie in­ner­lich mit­ein­an­der ver­bun­den. Ge­ra­de bei Wag­ner ist Kon­struk­ti­on von enor­mer Be­deu­tung. Man muss die­se Mu­sik Schritt für Schritt bau­en, fast wie ein gro­ßes ar­chi­tek­to­ni­sches Gefüge.

Mar­ko Cir­ko­vic Wenn wir auf „Die Wal­kü­re“ selbst zu spre­chen kom­men: Was war Ihr ers­ter Zu­gang zu die­sem Werk? Die Par­ti­tur, das Dra­ma, die Far­ben, die ver­bor­ge­nen Linien?
Xu Zhong Ich glau­be, mein Zu­gang war zu­nächst ein mu­si­ka­lisch-thea­tra­li­scher. Ich bin Wag­ner nicht fremd, ich habe be­reits den „Flie­gen­den Hol­län­der“ di­ri­giert, und da­her fühl­te ich mich die­ser Spra­che nicht un­vor­be­rei­tet ge­gen­über. Was mich an der „Wal­kü­re“ be­son­ders fas­zi­niert, ist die Ma­gie der Leit­mo­ti­ve, die­ser the­ma­ti­schen Welt, in der Lie­be, Fluch, Macht, Schmerz und Schick­sal in mu­si­ka­li­schen Zei­chen Ge­stalt an­neh­men. Aber Wag­ner ist nicht nur Or­ches­ter. Wag­ner ist Thea­ter im tiefs­ten Sinn. Man muss sehr ge­nau wis­sen, was man will, wo die Gren­zen lie­gen, wie weit man ge­hen kann. Und vor al­lem: die Stim­me, das Wort, die deut­sche Spra­che sind von größ­ter Be­deu­tung. Je­des Wort trägt Ge­wicht, Rich­tung, In­ten­ti­on. Man muss ihm sei­nen Druck, sei­ne Far­be und sei­nen Mo­ment geben.

Mar­ko Cir­ko­vic Gibt es ei­nen Mo­ment in die­ser Oper, der Ih­nen per­sön­lich be­son­ders nahegeht?
Xu Zhong Ja, durch­aus. Be­son­ders be­wegt mich der drit­te Auf­zug, und dort vor al­lem Wo­tan in sei­nem Lei­den. Nicht nur das ei­gent­li­che Ende, son­dern die­se gan­ze Zone, in der er so viel Schmerz in sich trägt, aus Lie­be, aus Ver­lust, aus in­ne­rem Wi­der­spruch. Das ist mu­si­ka­lisch wie mensch­lich von gro­ßer Schön­heit. Und dann gibt es auch am Ende des ers­ten Auf­zugs die­sen Mo­ment des Auf­bruchs, des Lichts, des in­ne­ren Öff­nens. Das zieht mich sehr an. Über­haupt sind die lan­gen Wagner’schen Re­zi­ta­ti­ve von im­menser Be­deu­tung. Sie sind schwie­rig, ge­ra­de weil sie so or­ga­nisch sein müs­sen. Für Sän­ger, die nicht mit die­ser Sprach­kul­tur auf­ge­wach­sen sind, ist das eine be­son­de­re Her­aus­for­de­rung. Mir ist wich­tig, dass die Wor­te klar blei­ben, aber nie me­cha­nisch wir­ken. Al­les muss flie­ßen, or­ga­nisch, atmend.

Mar­ko Cir­ko­vic Er­in­nern Sie sich an Ihre ers­te Be­geg­nung mit Wag­ner? War das früh in Ih­rem Leben?
Xu Zhong Ja, ziem­lich früh. Mei­ne ers­te Be­geg­nung mit Wag­ner war das Sieg­fried-Idyll. Das war für mich ein sehr be­son­de­rer Zu­gang, weil die­ses Werk in kon­zen­trier­ter Form be­reits so viel von Wag­ners Klang­welt, sei­ner In­nig­keit und sei­ner or­ches­tra­len Vor­stel­lungs­kraft in sich trägt. Spä­ter bin ich dann auf an­de­re Wer­ke zu­ge­gan­gen, auf den „Flie­gen­den Hol­län­der“ etwa, der in ge­wis­ser Wei­se un­mit­tel­ba­rer zu­gäng­lich ist. Aber auch Aus­schnit­te aus den „Meis­ter­sin­gern“ und an­de­re Wag­ner-Par­tien ha­ben mich im­mer wie­der be­schäf­tigt. Die­se Mu­sik be­sitzt eine sol­che Kraft, dass sie, wenn sie gut vor­be­rei­tet ist, von selbst spricht. Man­che in Eu­ro­pa mö­gen den­ken, Wag­ner sei für chi­ne­si­sche Mu­si­ker oder für ein chi­ne­si­sches Pu­bli­kum schwer zu­gäng­lich. Aber mei­ne Er­fah­rung ist: Wenn man ernst­haft an ihr ar­bei­tet, ent­fal­tet die Mu­sik selbst ihre Überzeugungskraft.

Mar­ko Cir­ko­vic Den­ken Sie manch­mal, dass das chi­ne­si­sche Pu­bli­kum für Wag­ner viel­leicht noch nicht ganz be­reit sei?
Xu Zhong Ob es be­reit ist oder nicht, ist letzt­lich nicht mei­ne ers­te Fra­ge. Mei­ne Auf­ga­be ist die Mu­sik. Wenn wir sie über­zeu­gend dar­bie­ten, wenn wir sie ernst neh­men und auf ho­hem Ni­veau vor­be­rei­ten, dann ent­steht auch Ver­bin­dung. Kunst darf nicht erst auf Er­laub­nis war­ten. Sie muss mit Wahr­haf­tig­keit kom­men, dann fin­det sie ih­ren Weg.

Mar­ko Cir­ko­vic Wir er­le­ben nun mit „Bay­reuth in Shang­hai“ drei gro­ße Pro­duk­tio­nen. Wün­schen Sie sich, dass dar­aus noch mehr entsteht?
Xu Zhong Na­tür­lich wün­sche ich mir das. Aber zu­nächst le­ben wir in die­sem Mo­ment, in die­ser kon­kre­ten künst­le­ri­schen Si­tua­ti­on. Al­les Wei­te­re wird sich zei­gen. Ich glau­be, Ka­tha­ri­na Wag­ner hat ein ech­tes In­ter­es­se an der chi­ne­si­schen Kul­tur, be­son­ders auch an der Pe­king-Oper. Ge­ra­de dar­aus könn­ten sich in Zu­kunft neue Ideen ent­wi­ckeln. Sol­che Be­geg­nun­gen sind künst­le­risch sehr fruchtbar.

Mar­ko Cir­ko­vic Wer ist Ihr per­sön­li­cher Wag­ner-Held? Ein Di­ri­gent, ein Sän­ger, viel­leicht eine Figur?
Xu Zhong Ich wür­de das gar nicht auf eine ein­zel­ne Per­son zu­spit­zen wol­len. Als Opern­di­ri­gent muss man in ge­wis­ser Wei­se in alle Rich­tun­gen hö­ren, ge­wis­ser­ma­ßen drei­hun­dert­sech­zig Grad. Man muss den Men­schen um sich her­um Raum ge­ben, Mög­lich­kei­ten er­öff­nen, sie gleich­zei­tig füh­ren und in­spi­rie­ren. Das Hel­di­sche liegt für mich in der ge­mein­sa­men Leis­tung. Nicht ei­ner al­lein trägt die­se Welt, son­dern alle zusammen.

Mar­ko Cir­ko­vic Also ist das He­roi­sche hier das Ganze?
Xu Zhong Ja, un­be­dingt. Je­der bringt sich auf höchs­tem Ni­veau ein. Ge­ra­de das macht Oper aus.

Mar­ko Cir­ko­vic Was hat sich zwi­schen Ih­rem ers­ten Wag­ner-Bild, viel­leicht noch zur Zeit des „Flie­gen­den Hol­län­ders“, und Ih­rem heu­ti­gen Ver­ständ­nis verändert?
Xu Zhong Sehr vie­les, weil ich wei­ter ge­lernt habe. Ich ver­su­che bis heu­te, tie­fer in die­se Welt ein­zu­drin­gen, be­son­ders über die Spra­che. Ich ar­bei­te stän­dig wei­ter an den Wor­ten, am Ver­ständ­nis der deut­schen Dik­ti­on, auch mit Hil­fe ei­nes Deutsch­leh­rers. Je mehr man von der Spra­che ver­steht, des­to tie­fer wird auch das mu­si­ka­li­sche Erfassen.

Mar­ko Cir­ko­vic Was ist für Sie das ei­gent­lich Ein­zig­ar­ti­ge an der „Wal­kü­re“?
Xu Zhong Für mich sind es vor al­lem die Be­zie­hun­gen zwi­schen den Fi­gu­ren. Ich mei­ne da­mit nicht et­was Ober­fläch­li­ches, son­dern die Wei­se, wie Men­schen ein­an­der prä­gen, ver­let­zen, bin­den, ver­än­dern. Die­se Be­zie­hun­gen wan­deln sich im Ver­lauf der Zeit, und mit ih­nen wan­deln sich die Far­ben, die Aus­drucks­wer­te, die mu­si­ka­li­schen Ge­sich­ter. Dar­in liegt sehr viel Wahr­heit. Wag­ner kom­po­niert nicht nur Hand­lung, son­dern Beziehungszustände.

Mar­ko Cir­ko­vic Als ich Sie ges­tern und heu­te in der Pro­be hör­te, fiel mir auf, wie stark Sie auf Vi­ta­li­tät und zu­gleich auf Kon­tras­te set­zen, auf Span­nun­gen, auf Deh­nun­gen, auf star­ke in­ne­re Be­we­gun­gen. Wie se­hen Sie das selbst?
Xu Zhong Die Kon­tras­te ste­hen be­reits in der Par­ti­tur. Sie sind nicht et­was, das man künst­lich hin­zu­fü­gen müss­te. Ent­schei­dend ist, dass man ih­nen im Rah­men des Stils ge­recht wird. Na­tür­lich muss man zu­gleich auf die Stim­me ach­ten, auf das At­men der Sän­ger, auf die Ba­lan­ce. Aber mein Aus­gangs­punkt bleibt im­mer der Re­spekt vor der Mu­sik, vor dem, was tat­säch­lich ge­schrie­ben ist.

Mar­ko Cir­ko­vic Sie ha­ben es in der Pres­se­kon­fe­renz schon an­ge­deu­tet, aber ich möch­te es noch ein­mal zu­spit­zen: Wenn Wag­ner heu­te im Saal säße, was wür­de er Ih­rer Mei­nung nach über die­se Auf­füh­rung sagen?
Xu Zhong Viel­leicht wür­de er man­ches kri­ti­sie­ren, wer weiß. Aber ich hof­fe, am Ende wür­de er sa­gen: Es ist gut geworden.

Mar­ko Cir­ko­vic Herr Xu, ganz herz­li­chen Dank für die­ses Ge­spräch. Ich bin sehr froh, dass wir es in die­ser kur­zen Pau­se noch füh­ren konnten.
Xu Zhong Es war mir eine Freu­de. Vie­len Dank.

Wäh­rend Xu Zhong in den Büh­nen­be­trieb zu­rück­kehrt, en­det auch die­ses kur­ze Ge­spräch in je­nem Schwe­be­zu­stand, den nur eine Ge­ne­ral­pro­be kennt: noch ist nichts end­gül­tig, und doch ist be­reits al­les auf Ent­schei­dung ge­stellt. Gleich wird Wag­ners Mu­sik den Raum wie­der in Be­sitz neh­men, mit ih­rer Wucht, ih­rer Prä­zi­si­on, ih­rer in­ne­ren Glut. Dass Ri­chard Wag­ners „Wal­kü­re“ in Shang­hai nicht als fer­nes Mo­nu­ment er­scheint, son­dern als ge­gen­wär­ti­ges, ernst­haft er­ar­bei­te­tes Mu­sik­thea­ter, ist auch ei­nem Di­ri­gen­ten zu ver­dan­ken, der die­se Par­ti­tur nicht ver­wal­tet, son­dern at­men lässt. Die Pre­mie­re wird zei­gen, wie weit die­se Span­nung trägt.

Xu Zhong und das Suz­hou Sym­pho­ny Or­ches­tra im „Walküre“-Schlussakt – Foto: © Shang­hai Grand Theatre