Zum Tod von Herbert Blomstedt, dem Ehrendirigenten der Bamberger Symphoniker, veröffentlichen wir die Langversion eines Interviews mit dem Titel „Ich will entweder alles oder nichts“, das zu seinem 80. Geburtstag am 11. Juli 2007 im Fränkischen Tag erschienen ist.

Schwerpunkte Ihrer Arbeit hier sind Bruckner, Brahms, Sibelius und Beethoven. Ist das Zufall?
Herbert Blomstedt: Das ist natürlich kein Zufall, sondern eine Kombination von Wunsch-Stücken des Dirigenten sowie der Gesamtplanung und den Bedürfnissen des Orchesters. Aber ich glaube, es gibt keine Stücke hier, die ich nicht gerne gespielt habe.
Und was spielen Sie lieber nicht?
Ich habe zum Beispiel noch nie einen Ton von Gershwin gespielt. Wenn ich das höre, sagt mir das durchaus zu, aber es ist eben nicht so wichtig für mich. Und warum sollte ich Stücke spielen, die nicht zu mir passen? Man kann sowieso nicht alles spielen, das war noch nie ein Gesichtspunkt für mich. Es gab vielleicht besonders in der Generation vor mir viele Dirigenten, die dachten, sie müssten alles spielen. Und die kamen dann zur Probe mit der Frage „Was spielen wir denn heute?“ Das war nie meine Art. Bevor ich etwas spiele, habe ich mich Wochen, Monate oder sogar Jahre darauf vorbereitet. Ich bin so ungeheuer fanatisch in meiner Begegnung mit der Musik. Ich will entweder alles oder nichts! Und wenn ich nicht die Zeit habe, mich ganz zu vertiefen in ein Stück, dann mache ich es nicht.
Dieses Einteilen, das bewusste Reduzieren: Haben Sie das immer schon so gemacht?
Ja, denn das ist ein Teil meines Naturells. Vielleicht kann ich anknüpfen an den Gedanken von Hans Wollschläger, dass das Leben eigentlich wie ein Sonatensatz ist: Die Themen werden in der Kindheit aufgestellt, dann werden sie in verschiedener Weise durchgeführt – manche sehr dramatisch, einige nur parenthetisch, andere, die am Anfang nicht so auffällig waren, werden zu Hauptthemen.
Mein Vater war ein großer Moralist und für ihn war Zeitverschwendung eine große Sünde. Selbst das Schachspiel zählte für ihn dazu, nicht weil er das Spiel an sich verteufelte, sondern es ging ihm dabei zu viel Zeit verloren. Er hat enorme Anforderungen an sich selbst gestellt – und das hat er seinen Söhnen mitgegeben. Zerstreuung gab es bei uns nicht. Wir mussten üben, üben, üben, und zur Entspannung haben wir gerne Musik gemacht oder botanische Ausflüge in die Natur. Auch in der Entspannung waren wir produktiv.
Verantwortung für die Zeit allein reicht doch nicht. Es muss doch auch Qualität dazukommen?
Das war mir von Anfang an bewusst, und es geht ja immer weiter. Die Anforderungen an mich und an meine Mitspieler sind anders und größer als vor zehn Jahren und noch viel größer als vor fünfzig Jahren. Man wächst einfach, findet neue Facetten des Musizierens, die wichtig sind. Aber schon früh war ich sehr bestimmt, wusste genau, ob ich etwas mochte oder nicht, ob etwas gut war oder nicht.
Das hat allerdings vor allem in jungen Jahren auch zu übertriebenen Idealen und schonungslosen Urteilen geführt! Wenn man schon als Kind Bach für sich entdeckt und die letzten Quartette von Beethoven, dann ist alles, was nicht so viel Tiefgang hat, eine andere Welt und nicht der Rede wert. Für meinen Bruder und mich war zum Beispiel das 1. Klavierkonzert von Liszt ein Brechmittel! Erst später habe ich auch Schönheiten darin entdeckt und die Virtuosität der Pianisten bewundert. Für Typen wie mich ist das ein Teil des Reifungsprozesses, dass man einfach toleranter wird, wenn man nicht nur mit Werken allerhöchsten Ranges zu tun hat. Es gibt eben auf allen Ebenen so viel Schönes.
Und es gibt Musik, von der ich nie genug haben kann: zum Beispiel gregorianische Musik, Renaissance-Motetten, Messen von Palestrina, Madrigale von Lasso, Anthems von Tallys – das alles liegt mir so nahe. Und die Orgelmusik und die Violinsonaten von Bach waren die musikalische Bibel für mich.
Inwieweit hat es Sie beeinflusst, längere Zeit in Amerika gelebt zu haben?
Das muss ich modifizieren. Ich habe im Erwachsenenalter nie richtig in Amerika gelebt. Ich habe dort zehn Jahre als Chef in San Francisco sehr viel gearbeitet, bin aber immer wieder zurück zu meiner Familie in Schweden. Das hängt zusammen mit einer Protesthaltung, die aus meiner eigenen Kindheit herrührt. Meine Kindheit war sehr schön, aber mein Vater war selten zuhause, denn er ist als Prediger sehr viel gereist. Zwei drei Jahre in einer Stadt, dann wieder weiter. Und ich musste öfter die Schule wechseln. Das hat mir zwar nie richtig wehgetan, aber dem wollte ich meine Kinder nicht aussetzen. Also ist die Familie in einem Vorort von Stockholm geblieben und ich kam nach Hause, so oft ich konnte.
Wieder so eine Wurzel, die in der Kindheit gelegt wurde. Und wie wurde Ihre Musikalität gefördert? Wann haben Sie gemerkt, dass Sie auf Musik besonders reagieren?
Durch meine Mutter. Sie war Pianistin. Ich vergesse nie, wie sie uns mit Chopin, Schumann und Beethoven-Sonaten in den Schlaf gespielt hat und wie wir mit ihr noch anspruchsvolle Klaviertrio-Literatur aufgeführt haben, als ihre Arthritis schon sehr fortgeschritten war. Damit sind wir aufgewachsen, das hat uns natürlich geprägt.
Und der Sprung aufs Pult? Wann kam der – und warum?
Meine Wunschträume waren eher anderer Art: Streichquartett spielen oder als Kantor jeden Sonntag eine Bachkantate aufführen. Eine schönere Zukunft als das konnte ich mir nicht denken! Das Dirigieren hat sich erst an der Musikhochschule so ergeben, bei einem Pflichtlehrgang für Chorsingen und Chorleiter. Das erste Mal, als ich bei diesem Pflichtsemester in den Chor kam, wurde die Bachmotette „Singet dem Herrn“ gesungen. Und das hat mich total gefesselt. Als Geiger kannte ich ja die Tonsprache Bachs genau. Es war aber etwas Neues für mich, dass das auch im Singen ohne viel Tremolo und Vibrato funktionieren konnte. Man hörte in diesem Gesang, anders als bei Opern, plötzlich genau, welche Noten da waren, welche Rhythmen – und nicht nur dieses Gejaule. Das hat mich als Instrumentalist sofort fasziniert.
Als Chorleiter habe ich schnell gemerkt, dass mir das Dirigieren Spaß macht. Und vor allem haben es andere gemerkt und mich bestärkt, da weiter zu machen. Und so bekam ich zu meiner Verwunderung, auch wenn ich gar nicht in der Dirigentenklasse war, den Auftrag, im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes für ein Mitglied der königlichen Familie die ersten beiden Sätze von „Ein deutsches Requiem“ zu dirigieren. Das hat mich erst richtig auf den Geschmack gebracht. Eine Zukunft als Solist, als Instrumentalist habe ich mir nie gedacht. Dazu war ich zu schüchtern.
Und für die Führungsposition waren Sie nicht zu schüchtern?
Das ist etwas anderes: Ich spiele ja nicht selber, ich produziere keinen Ton. Und ich wende dem Publikum den Rücken zu und bin mit Musiker-Kollegen zusammen, die vor mir sind.
Wie haben sich in 25 Jahren Zusammenarbeit die Bamberger Symphoniker verändert?
Das Orchester hat sich in vielerlei Hinsicht nicht verändert, sondern ist sehr musizierfreudig, spontan und warm geblieben. Aber es hat sich sehr verfeinert. Und die Verfeinerung kann noch weiter gehen. So lange wir leben, hoffen wir doch, etwas noch besser machen zu können. Das ist auch der Grund, das ist die Antriebskraft, warum wir nie aufhören.
Welchen Stellenwert haben Platten und CDs für Sie?
Als Dokument finde ich sie sehr wertvoll, aber nur zu gewissen Zeiten oder in gewissen Situationen. Ich höre praktisch nie meine eigenen Aufnahmen, und einige sind, glaube ich, auch recht ordentlich. Aber letztlich sind sie immer nur Vorbereitungen für eine noch andere und bessere Interpretation, die man hofft, machen zu können.
Was empfehlen Sie dem Publikum, um sich musikalisch weiter zu bilden?
So viel wie möglich zu hören. Und zu vergleichen! Dafür sind die Platten ein gutes Mittel, besonders, wenn man unter Anleitung von Menschen vergleichen kann, die die Unterschiede auch hören. Das ist ja nicht allen gegeben. Für manche klingt das eine so schön wie das andere. Aber ein Kommentator, ein Kritiker, ein Mitspieler, jeder mit anderen Ohren, kann auf neue Aspekte hinweisen, kann das Bewusstsein für musikalische Details stimulieren und schärfen. Und das bildet die Sensibilität weiter. In Japan wird das übrigens auch bewusst und konsequent im Fernsehen praktiziert.
Welche Stücke möchten Sie noch in Bamberg spielen?
Noch mehr Brahms, Bruckner, Sibelius und Nielsen, auch mehr Frühklassik. Es gibt nichts, was das Orchesterspiel im feinsten Sinn des Wortes so fördert wie Haydn. Alles liegt hier klar und bar auf der Hand, man kann nichts verbergen, nichts durch Enthusiasmus überbrücken, so wie man beim Klavier aufs Pedal drückt, wenn es zu schwierig wird. Das geht nicht bei Haydn. Da ist alles glockenklar. Man muss wissen, wie man das artikulieren will und dann muss man das auch tun.
Haydn soll ja im Alter gesagt haben, als man ihn über seine Jugend und seine Einstellung zum Leben befragte: „Ich war sehr fleißig.“ Das sagt einiges. Wenn man fleißig ist, aber kein Talent hat, bringt das nicht besonders viel. Und viele, die großes Talent haben, glauben, dass es auch ohne Fleiß geht. Aber nur wenn Fleiß und Talent zusammen kommen und vielleicht noch etwas Höheres dazu, dann wird daraus etwas Wunderbares. So ist das bei Haydn.
Und bei Ihnen? Sind Sie auch fleißig?
Ja, ich bin im Kopf fleißig, das ist meine Natur.
Gibt es einen privaten Herbert Blomstedt, der gegen die Prinzipien seines Vaters auch mal Zeit verschwendet?
Nein, denn wenn ich nicht arbeite, tue ich etwas anderes. Zum Beispiel in der Natur wandern, Bücher lesen, Bilder anschauen, mit Menschen sprechen, mit der Familie umgehen, einen Artikel oder Tagebuch schreiben.
Sie schreiben auch Tagebuch?
Ja, seit meine Frau vor vier Jahren gestorben ist. Ich habe ihr das ganze Leben lang jeder Tag eine Postkarte geschrieben, wenn wir nicht zusammen sein konnten. Sie blieb ja zuhause bei den Kindern, und diesen mangelnden täglichen Kontakt musste ich überbrücken, sonst hätte ich das Gefühl bekommen, ich würde sie verlassen. Also habe ich jeden Tag eine Postkarte geschrieben, gern mit schönen Briefmarken drauf, die auch eine Botschaft enthalten haben. Es gibt mehrere Schuhkartons voll davon.
Als meine Frau starb, war ich gerade in Japan und konnte nicht sofort nach Hause fahren. Ich habe dann – ich kann nicht erklären warum – einfach weiter geschrieben, habe Postkarten an sie adressiert und abgeschickt. Ich wusste natürlich, dass sie das nie lesen würde. Ich bin nicht der, der denkt, dass sie noch weiter lebt – im Himmel oder in der Hölle oder irgendwo. Ich hoffe, sie eines Tages wiederzusehen in der Auferstehung, aber sie ist gestorben. Ich habe trotzdem an sie die Karten geschrieben, weil es mir ein Bedürfnis war, mich mitzuteilen. Das ging fast ein Jahr lang so, bis ich plötzlich das Gefühl hatte, es wäre besser, wenn ich meinen vier Töchtern schreibe, in ein Tagebuch.
Sie haben vier Töchter, keine Söhne?
Nein, das kommt erst in der nächsten Generation. Es sind sieben Enkel. Denken Sie jetzt bloß nicht, dass dieser verrückte Arbeitomane nichts anderes macht!
Ja, Sie haben mir schon über lange Spaziergänge erzählt, in den Wäldern…
Was die Zerstreuung betrifft, bin ich ziemlich unverändert geblieben. Ich finde, es ist Zeitverschwendung – und deswegen auch meine Abneigung von jeder Form der Unterhaltung. Ich verstehe, dass leichte Unterhaltung ein Bedürfnis ist, aber wenn Unterhaltung auch etwas Produktives, etwas Wertvolles bringen kann, ist das bestimmt besser. Denn ich glaube, was wir in unseren Zeiten brauchen, ist Konzentration. Zerstreuung haben wir doch genug! Es gibt tausend Stimmen, die sagen: „Hör auf mich, kauf mich, ich bin da für dich!“ Wir werden damit bombardiert. Zerstreuung ist eine teuflische Methode, um uns von uns selbst und von den wichtigen Dingen abzulenken. Zerstreuung brauchen wir nicht. Wir brauchen Konzentration.
Gehen Sie öfter in die Kirche?
Ich gehe jede Woche in die Kirche, zu einer Adventgemeinde. Das tue ich nicht, um Gott zu gefallen. Aber ich glaube, er hat nichts dagegen. Das ist für mich eine Art, mich für andere zu öffnen – und einmal nicht an mich selbst zu denken, denn das tue ich doch Tag und Nacht, weil ich als Künstler immer an mir arbeite. Nicht alles, was ich in der Kirche höre, gefällt mir, aber das ist auch nicht Sinn der Sache. Ich gehen da nicht hin, um unterhalten zu werden. Ich gehe eher hin, um einen Beitrag zu leisten, um anderen Menschen zu helfen.
Erstveröffentlichung der Langversion auf infranken.de

