E.T.A. Hoffmann als Stofflieferant für Richard Wagner

An­stel­le ei­ner Zu­sam­men­fas­sung sei­nes Vor­trags zu E.T.A. Hoff­mann im VHS-Saal hat un­ser Re­fe­rent Frank Piontek uns fol­gen­den Text zur Ver­fü­gung ge­stellt. Hier sein Gast­bei­trag mit dem Wag­ner zi­tie­ren­den Ti­tel „… durch eine Er­zäh­lung Hoffmann’s ken­nen gelernt“.

E.T.A. Hoff­mann: Selbst­bild­nis, Büs­te en face in Le­bens­grö­ße –Vor­la­ge:  Staats­bi­blio­thek Bam­berg. Si­gna­tur L.g.o.391-e

Es sind gleich meh­re­re Mo­men­te, die E.T.A. Hoff­mann für Ri­chard Wag­ner wich­tig mach­ten: als Quell des li­te­ra­ri­schen Ver­gnü­gens (auch wenn man­che Er­zäh­lung des Dich­ters spä­ter als li­te­ra­risch wert­los ab­ge­tan wur­de), als sti­lis­ti­scher In­spi­ra­tor, der für den Au­tor der Pa­ri­ser No­vel­len wich­tig sein wird, als Mu­sik- und Opern­äs­the­ti­ker, nicht zu­letzt als Quel­le für ei­ge­ne Opern. Viel­leicht hät­ten auch sei­ne mu­sik­dra­ma­ti­schen Wer­ke eine an­de­re Ge­stalt be­kom­men, hät­te Hoff­mann mit sei­nen Opern und Schrif­ten nicht der wag­ner­schen Äs­the­tik den Un­ter­bau verpasst.

Die Feen

Die Wer­ke ei­nes Car­lo Goz­zi zum Stoff für eine wahr­haft ro­man­ti­sche Oper zu ma­chen, dies war der Ge­dan­ke, den Hoff­mann schon im mu­sik­äs­the­ti­schen Dia­log Der Dich­ter und der Kom­po­nist ge­äu­ßert hat­te. Wag­ner folg­te ihm, als er sei­ne Feen „zu­gleich schrieb und setz­te“, wie Jean Paul ge­sagt hät­te. Was die Be­ru­fung auf Goz­zi be­trifft, den Hoff­mann als Stoff­lie­fe­rant emp­fiehlt, als er in Der Dich­ter und der Kom­po­nist ein Sze­na­ri­um zum 1804 von Wag­ners On­kel Adolf Wag­ner über­setz­ten Ra­ben (Il cor­vo) des ve­ne­zia­ni­schen Mär­chen­stück­dich­ters vor­legt, so könn­te man be­mer­ken, dass Ri­chard Wag­ners Die Feen zwar nach Goz­zis La Don­na ser­pen­te ge­ar­bei­tet wur­den[1], der Jung­mu­sik­dra­ma­ti­ker aber den Stoff der­art gra­vie­rend ver­än­der­te, dass zwar ei­ner­seits von ei­ner „ro­man­ti­schen Oper“ in ir­gend­ei­nem Sin­ne „nach Goz­zi“ ge­spro­chen wer­den kann. Zu­min­dest mischt sich, so wie in der fol­gen­den Oper Das Lie­bes­ver­bot nach Shake­speares Maß für Maß, das Ko­mi­sche mit dem Tra­gi­schen mehr oder we­ni­ger am Ran­de. An­de­rer­seits aber be­ginnt sich die­ses viel­be­schwo­re­ne Ro­man­ti­sche in je­nem Mo­ment auf­zu­lö­sen, in dem wir be­mer­ken, dass Wag­ners Feen­welt von der (von Wag­ner kri­tisch ge­se­he­nen) Ge­gen­wart der Re­stau­ra­ti­ons­epo­che der­art in­fi­ziert wur­de, dass sich das so­ge­nann­te Wun­der­ba­re schnell in die De­pres­si­on, den tem­po­rä­ren Wahn­sinn und die Ka­ta­stro­phe, schließ­lich in ein lie­to fine auf­löst, das – der wahr­lich „schö­nen“ Fi­nal­mu­sik zum Trotz – den Kon­flikt zwi­schen Men­schen- und Geis­ter­welt nur noch mit Hil­fe der Kon­ven­ti­on und der Uto­pie ei­ner Ver­söh­nung der ver­schie­de­nen Sphä­ren ge­walt­sam zu kit­ten weiß.[2] Wag­ner und Goz­zi geht es glei­cher­ma­ßen um die „dia­lek­ti­sche Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur, den nach­denk­li­chen Atem zwi­schen Ge­füh­len von Frei­heit und Not­wen­dig­keit so­wie das Stre­ben nach der ver­lo­re­nen Un­schuld.“[3] Glei­ches wäre von Tann­häu­ser, von Lo­hen­grin und dem Ring zu sa­gen: das Mär­chen, die Sage, der My­thos und ihre fan­tas­ti­schen Ge­stal­ten sind die pure Ca­mou­fla­ge ei­ner schreck­li­chen Ge­gen­wart, die auf den Opern­büh­nen des 19. Jahr­hun­derts an­ders dar­zu­stel­len und zu kri­ti­sie­ren kaum mög­lich war. In die­sem Sin­ne wur­de die Ro­man­tik tat­säch­lich zur Gru­sel­ro­man­tik: weil das Wun­der­ba­re sich längst aus der Ge­gen­wart, aber auch von der Büh­ne ver­flüch­tigt hat: so wie Lo­hen­grin wie­der fort­zieht, und so wie Ve­nus und ihre Geis­ter in den Tie­fen des Ber­ges wie­der ver­schwin­den. Sei­ne Fi­gu­ren fin­den am Ende nicht mehr zu­ein­an­der, er­lei­den un­ver­söhn­ba­re Schick­sa­le. „Nun ist’s mit uns­rer Freu­de aus“, sagt Un­di­ne zum Rit­ter, nach­dem er sie ver­flucht hat. Dies ent­spricht je­nem „Weh, nun ist all un­ser Glück da­hin“ des tief­trau­ri­gen Lo­hen­grin, nach­dem Elsa das Fra­ge­ver­bot ge­bro­chen hat. Na­tür­lich kann man dies als „ro­man­tisch“ be­zeich­nen, da die ro­man­ti­sche Welt aus Sehn­sucht und Ver­zicht be­steht, aber Wag­ner hat die Ro­man­tik der­art auf die Spit­ze ge­trie­ben, dass sie als zer­stör­te zurückblieb.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg

Es sei da­hin­ge­stellt, ob der Stu­dent An­sel­mus aus dem von Wag­ner so ge­schätz­ten Gold­nen Topf in der Fi­gur des Gral­rit­ters Lo­hen­grin – gleich ihm eine zu­min­dest zeit­wei­li­ge so­zia­le Aus­sen­sei­ter­exis­tenz, die sich nach dem bür­ger­li­chen Le­ben sehnt – wie­der­kehrt.[4] Falls dem so wäre – beim Viel­le­ser und -ver­ar­bei­ter Wag­ner weiß man ja nie – , hät­ten wir es mit ei­ner Va­ri­an­te der Künst­ler­pro­ble­ma­tik zu tun, die in ei­nem an­de­ren Quel­len­fall of­fen­sicht­lich ist. Der Wart­burg­krieg, also der Sän­ger­krieg auf Wart­burg, eine im 13. Jahr­hun­dert er­fun­de­ne Ge­schich­te, war ur­sprüng­lich kein Teil der Tann­häu­ser-Sage, und auch in E.T.A. Hoff­manns Der Kampf der Sän­ger tritt nicht der be­rühm­te mit­tel­al­ter­li­che Dich­ter, son­dern die er­fun­de­ne Ge­stalt des Hein­rich von Of­ter­din­gen auf, die wie­der­um durch den Ro­man des Fried­rich von Har­den­berg ali­as No­va­lis welt­li­te­ra­ri­sche Gel­tung er­lang­te. Wag­ner be­merk­te, dass er das „dich­te­ri­sche Mo­ment“ des Sän­ger­kriegs schon vor sei­nem in­ten­si­ven Quel­len­stu­di­um zum Tann­häu­ser „durch eine Er­zäh­lung Hoffmann’s ken­nen ge­lernt habe“: eben den Kampf der Sän­ger, aber, so Wag­ner wei­ter, „ge­ra­de wie die Tieck’sche vom Tann­häu­ser, hat­te sie mich ganz ohne An­re­gung zu dra­ma­ti­scher Ge­stal­tung ge­las­sen“. Tat­sa­che ist, dass Wag­ner Hoff­manns Be­ar­bei­tung der Sage zwar, wie er in Mein Le­ben schrieb, für „ent­stellt“ hielt (Glei­ches hat er über Wolf­rams von Eschen­bach Fas­sung der Par­si­fal-Ge­schich­te be­haup­tet), doch zu­gleich we­sent­li­che Hand­lungs­zü­ge von Hoff­mann über­nahm und den Ve­nus­berg­stoff des Tann­häu­ser mit Hoff­manns Of­ter­din­gen-Er­zäh­lung ver­band. Als Wag­ner Tann­häu­ser „Hein­rich“ nen­nen ließ, brach­te er ei­nen deut­li­chen Hin­weis auf sei­ne neu­deut­sche Quel­le un­ter. Schon bei Hoff­mann tref­fen sich sechs Meis­ter, die wir mit­samt dem um­ge­tauf­ten Of­ter­din­gen, alle aus dem Tann­häu­ser ken­nen (Walt­her von der Vo­gel­wei­de, Rein­mar von Zwe­ter, Hein­rich Schrei­ber, Jo­han­nes Bit­te­rolf, Hein­rich von Of­ter­din­gen und Wolf­ramb von Eschin­bach), ein­ge­la­den vom Land­gra­fen, ei­nem „eif­ri­gen Freund, rüs­ti­gen Be­schüt­zer der hold­se­li­gen Sän­ger­kunst“, zum Sän­ger­krieg auf der Wart­burg. Aus der Nich­te des Land­gra­fen na­mens Mat­hil­de, der Ge­lieb­ten Hein­richs von Of­ter­din­gen, wur­de, aus nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den, Eli­sa­beth. An­ders als bei Hoff­mann ver­bin­det Wolf­ram und Tann­häu­ser eine we­ni­ger in­ni­ge Freund­schaft als jene, die zwi­schen Wolf­ramb von Eschin­bach und Of­ter­din­gen be­steht, doch führt auch von Hoff­manns ro­man­ti­scher Freund­schafts­auf­fas­sung zu Tann­häu­sers Be­zie­hung zu Wolf­ram – „Bist du denn nicht mein Freund?“, ruft er ein­mal er­schro­cken – ein Weg. Bei Wag­ner fiel al­ler­dings die be­deu­ten­de und hand­lungs­be­stim­men­de Fi­gur des Meis­ter Klings­ohr fort; Jah­re spä­ter wird sie, in ei­ner wei­te­ren Er­schei­nung sei­ner li­te­ra­risch viel­fäl­ti­gen Zau­ber­ge­stalt, im Par­si­fal ih­ren Auf­tritt be­kom­men. Was Hoff­mann und Wag­ner nun jen­seits al­ler Hand­lungs­un­ter­schie­de und den völ­lig ver­schie­de­nen Schlüs­sen ver­bin­det – bei Hoff­mann ein Hap­py End, bei Wag­ner eine Tra­gö­die –, ist, im Zei­chen ei­nes ar­tis­ti­schen Wett­streits, der zu­gleich ein ero­ti­scher Kampf ist[5], die Künst­ler- und Kunst­pro­ble­ma­tik, also das The­ma, das auch im theo­re­ti­schen Dis­kurs von Hoff­mann und sei­nem Le­ser Wag­ner er­ör­tert wor­den ist. Im Kampf der Sän­ger ste­hen am Hof des Land­gra­fen eine „in­tui­ti­ve, ro­man­ti­sche Kunst­auf­fas­sung und eine strik­te Re­gel­kunst“[6] so ge­gen­über wie im Tann­häu­ser und noch in den Meis­ter­sin­gern von Nürn­berg. Es ist dies kein Zu­fall, hat­te Wag­ner doch die Ko­mö­die als „Sa­tyr­spiel“ zum Tann­häu­ser ge­plant und be­zeich­net. Dass (ge­nia­le) In­spi­ra­ti­on und Aus­bil­dung, In­tui­ti­on und das „Ver­neh­men der höchs­ten Meis­ter“, wie Klings­ohr sagt, Ve­nus­min­ne und wah­re Kunst, ech­te Sinn­lich­keit und ori­gi­nel­le Kunst­schöp­fung, Na­tur­sehn­sucht und Krea­ti­vi­tät zu­sam­men­ge­hö­ren, wird 40 Jah­re spä­ter auch die Haupt­the­se der Meis­ter­sin­ger sein.

Die Meistersinger von Nürnberg

Schon im Kampf der Sän­ger und wohl zu­erst an die­ser Stel­le er­fuhr der jun­ge Wag­ner von ei­nem Buch, das Jahr­zehn­te spä­ter zu ei­ner Haupt­quel­le für die Meis­ter­sin­ger wer­den soll­te: „Zur Zeit, wenn Früh­ling und Win­ter am Schei­den stehn, in der Nacht des Äqui­nok­ti­ums, saß ei­ner im ein­sa­men Ge­mach und hat­te Jo­hann Chris­toph Wa­gen­seils Buch Von der Meis­ter­sin­ger hold­se­li­ger Kunst vor sich auf­ge­schla­gen.“ Aus Wa­gen­seils Chro­nik ist die Theo­rie der „al­ten Meis­ter“ in den Text der Meis­ter­sin­ger ein­ge­wan­dert. Hier konn­te Wag­ner er­fah­ren, was es mit den Tö­nen und Rei­men, den Meis­ter­lie­dern und dem Wie­sen­plan auf sich hat­te. Auch Hoff­mann kann­te das Buch von 1697, als er 1819 die Er­zäh­lung Meis­ter Mar­tin der Küf­ner und sei­ne Ge­sel­len schrieb: wie­der eine Er­zäh­lung über die Kunst. Der Ver­gleich zwi­schen Hoff­manns Er­zäh­lung und Wag­ners Oper drängt sich ge­ra­de­zu auf, auch wenn wei­te­re dra­ma­ti­sche Ge­stal­tun­gen der Fi­gur des Hans Sachs bei der Aus­ar­bei­tung des Opern­texts Pate stan­den: Hier wie dort ist es ein rei­cher und ge­sell­schaft­lich an­er­kann­ter Va­ter, der den Wunsch hat, dass sei­ne Toch­ter nur den hei­ra­ten soll, der ein Meis­ter­stück vor­legt. Hier also der Gold­schmied Veit Po­gner, dort der Bütt­ner­meis­ter To­bi­as Mar­tin. Buh­len bei Wag­ner zwei Män­ner um das be­gehr­te Gut, Rosa, des Meis­ters Töch­ter­lein, so bei Hoff­mann drei. Im zwei­ten und drit­ten Pro­sa­ent­wurf der Meis­ter­sin­ger trägt der spä­te­re Sie­ger so­gar noch den Na­men „Kon­rad von Stolz­ing“, wäh­rend es sich bei den bei­den Kon­tra­hen­ten nach dem Aus­schei­den des wil­den Kon­rad aus Meis­ter Mar­tins Werk­statt um Fried­rich und Rein­hold han­delt: der eine, Rein­hold, ein Ma­ler, der den Ita­lie­nern nach­strebt, der an­de­re, Fried­rich, ein Erz­gie­ßer, der ein Meis­ter wie Ben­ven­uto Cel­li­ni oder Pe­ter Vi­scher wer­den möch­te. Her­mann De­chant, der lan­ge in der Hoff­mann-Stadt Bam­berg wirk­te, hat die Ähn­lich­kei­ten zwi­schen den Hand­lungs­mo­ti­ven her­aus­ge­ar­bei­tet, auch die Un­ter­schie­de, die auf wei­te­re Quel­len zu­rück­ge­hen.[7] So ver­dankt sich die Fi­gur des Mer­kers wohl auch Hoff­manns Si­gnor For­mi­ca, in dem Pas­qua­le Ca­puz­zi, ein aus­ge­mach­ter Geck, eine Se­re­na­ta singt, bei der er sich selbst auf der Gi­tar­re be­glei­tet und von sei­nen Geg­nern ver­prü­gelt wird. Doch „oh­ner­ach­tet ihm Schul­tern und Rü­cken von den er­hal­te­nen Prü­geln nicht we­nig schmerz­ten“, bleibt auch Beck­mes­ser bei sei­nem Plan, im Wett­streit auf­zu­tre­ten. Für Wag­ner we­sent­lich blieb ne­ben all den an­de­ren Hand­lungs­mo­ti­ven aus den di­ver­sen Bü­chern und Stü­cken und ei­ni­gen De­tails aus dem Meis­ter Mar­tin ein hand­lungs­aus­lö­sen­des Mo­tiv: „Dass aber ein Va­ter für die Hand sei­ner ein Meis­ter­stück sei­ner Zunft for­dert, ist Hoff­manns ur­ei­ge­ne Idee ge­we­sen, wo­mit er den Hand­lungs­kern von R. Wag­ners Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg vor­be­stimmt hat.“[8]

Wenn schließ­lich Fried­rich den Preis er­ringt, ob­wohl er ge­gen die von Meis­ter Mar­tin falsch ge­deu­te­te Pro­phe­zei­ung nicht beim Küf­ner­hand­werk blei­ben will und weil sich die Pro­phe­zei­ung denn doch als rich­tig er­wies, trägt ihm Meis­ter Mar­tin am Ende auf, sein Küf­ner­meis­ter­stück doch noch zu Ende zu ma­chen, be­vor er sich sei­ner ei­gent­li­chen Kunst, in Nach­fol­ge Pe­ter Vi­schers und Ben­ven­uto Cel­li­nis, wid­men wird. Die wah­re Kunst bleibt denn doch für den Sie­ger die Gold­schmie­de­kunst, die frei­lich vom Hand­werk nicht zu tren­nen ist. Das Kunst­e­thos, das in Bei­dem steckt: in Meis­ter Mar­tins Fass für den Bam­ber­ger Bi­schof wie in Fried­richs Zau­ber­po­kal, macht je­doch vor dem Ma­te­ria­lis­mus Halt, dem Meis­ter Mar­tins Kunst un­ter­liegt, weil er eben kein Mä­zen vom Schla­ge des kunst­lie­ben­den Gold­schmieds Veit Po­gner ist. So ist es der Kunst (Fried­richs) über­las­sen, die Lö­sung des Kon­flikts her­bei­zu­füh­ren – wor­an man sieht, dass auch hier das Le­ben (Fried­richs Lie­be zur Toch­ter des Hand­wer­kers) als Vor­be­rei­tung zur Kunst zu die­nen hat. Was Wag­ner au­ßer­dem noch von Hoff­mann er­fah­ren konn­te, war ein ro­man­ti­sches Nürn­berg-Bild[9]: die Stadt als „Sym­bol für die noch le­bens­kräf­ti­ge, fest­ge­füg­te Welt mit­tel­al­ter­li­cher Stadt­ord­nung“, ba­sie­rend auf ei­nem „Ge­sell­schafts­bild von der Har­mo­nie der Klas­sen“[10] – ein Traum­bild, so wie das, das Fried­rich und Wal­ter von Stolz­ing zur Kunst animiert.

Auch Wag­ners Sze­na­ri­um Die Berg­wer­ke zu Fa­lun mag, am Ende der Pa­ri­ser Zeit und kurz vor Wag­ners Vor­bei­fahrt am Hör­sel­berg, als (gleich­nis­haf­te) ro­man­ti­sche Künst­ler­oper kon­zi­piert wor­den sein, doch hat Wag­ner den Stoff nach Hoff­manns gleich­na­mi­ger Er­zäh­lung nie kom­po­niert.[11] Statt­des­sen gin­gen ei­ni­ge Fi­gu­ren und Mo­ti­ve in den Tann­häu­ser ein: das Oben der Ober­welt und das Un­ten des Un­ter­reichs, die ve­nus­glei­che Fi­gur der Berg­kö­ni­gin, die den jun­gen Elis in die Tie­fe lockt, das gute Mäd­chen Ulla als christ­li­che Ge­gen­welt und der Berg­mann Joens als Vor­schein von Wolf­ram. Wag­ner reiz­te der Stoff, doch fand er in sei­nem Text­ent­wurf nicht zu je­ner Lö­sung, die für fast alle Opern und Mu­sik­dra­men Wag­ners ty­pisch ist: den Er­lö­sungs­schluss. Der kom­po­nier­te Tann­häu­ser er­le­dig­te schließ­lich den Plan, eine Oper di­rekt nach Hoff­manns Vor­la­ge zu schreiben.

[1] Jean-Fran­çois Can­do­ni: Le Rôle de Car­lo Goz­zi dans la con­sti­tu­ti­on de la dra­ma­tur­gie wag­né­ri­en­ne. In: Pro­ble­mi di Cri­ti­ca Gol­do­nia­na 13 (2006), S. 329–342 ( Ka­the­ri­ne R. Syer: Wag­ner und das Erbe Car­lo Goz­zis. In: wag­ner­spec­trum 6 (2010), 1, S. 51–79.
[2] „Das In­di­vi­du­um als ohn­mäch­ti­ges Op­fer der un­durch­schau­ten be­stehen­den Macht­ver­hält­nis­se…“ Mi­cha­el von So­den in: Ri­chard Wag­ner: Die Feen. Hrg. von dems. und An­dre­as Loesch. Frank­furt am Main 1983, S. 284.
[3] „Ri­chard Wag­ner si is­pi­ra allo stes­so Goz­zi per la cos­ti­tu­zi­o­ne del­la ‘gran­de ope­ra ro­man­ti­ca’ te­de­s­ca. In di­ver­se pro­du­zi­o­ni del vasto re­per­to­rio goz­zia­no, sia per quan­to con­cer­ne l’aspetto de­co­ra­tivo e sceni­co che nella rappre­sen­ta­zio­ne vera e pro­pria si tro­va una va­li­da de­scri­zio­ne del­la poe­sia ro­man­ti­ca, pog­gi­an­do su ele­men­ti ca­rat­teristi­ci di quest’ultimo come, l’elaborazione pro­gres­si­va di una re­la­zio­ne di­al­et­ti­ca uomo-na­tu­ra, il res­pi­ro rifles­si­vo ent­ro sen­ti­men­ti di li­ber­tà e ne­ces­si­tà e una ten­sio­ne alla ri­cer­ca dell’innocenza per­du­ta.“ (https://​www​.ital​i​ne​mo​.it/​f​a​s​c​i​c​o​l​o​/​p​r​o​b​l​e​m​i​-​d​i​-​c​r​i​t​i​c​a​-​g​o​l​d​o​n​i​a​n​a​-​2​0​0​6​-​n​-​13/)
[4] Ca­ro­lin Wag­ner: Auf Spu­ren­su­che. Die Be­deu­tung der li­te­ra­ri­schen Tex­te E. T. A. Hoff­manns für Ri­chard Wag­ner. In: E.T.A.-Hoffmann-Jahrbuch 22 (2014), S. 114-130, hier S. 115-122.
[5] Pe­ter Wapnew­s­ki: Ri­chard Wag­ner er­in­nert an E. T. A. Hoff­mann. Die ro­man­ti­sche Oper Tann­häu­ser und ihre Vor­ge­schich­te. In: Ders.: Zu­schrei­bun­gen. Ge­sam­mel­te Schrif­ten. Hil­des­heim / Zü­rich 1994, S. 376-396, hier: S. 389.
[6] Ebd., S. 129.
[7] Her­mann De­chant: Der Ein­fluß auf Ri­chard Wag­ners Oper Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg. In: Meis­ter Mar­tin der Küf­ner und sei­ne Ge­sel­len. 2 Bän­de. Bd. 2: Kom­men­tar mit dem Text des Erst­drucks, Les­ar­ten und Er­läu­te­run­gen. Hrg. von der Staats­bi­blio­thek Bam­berg. 1984, S. 111-117.
[8] Ebd., S. 117.
[9] Bern­hard Schem­mel: Das Nürn­berg-Bild. In: Ebd., S. 105-109.
[10] Meis­ter Mar­tin der Küf­ner und sei­ne Ge­sel­len. Nach­wort von Fritz Bött­ger. Ha­nau o.J. (zu­erst Ber­lin 1979), S. 126.
[11] Bernd Ze­go­witz: Ri­chard Wag­ners un­ver­ton­te Opern. Frank­furt am Main 2000, S. 143-175.

© Dr. Frank Piontek