Eine Sternstunde mit Verdi

Am Main­fran­ken­thea­ter über­zeugt ein sze­nisch und mu­si­ka­lisch mit­rei­ßen­der  „Ri­go­let­to“. Die ers­te Zu­sam­men­ar­beit von In­ten­dant Mar­kus Tra­busch und Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor En­ri­co Cales­so lässt auf wei­te­re Glanz­ta­ten hof­fen.

Je­dem ein­zel­nen So­lis­ten und Chor­sän­ger sieht man die Ge­nau­ig­keit der Per­so­nen­re­gie an: Sze­ne aus dem ers­ten Akt „Ri­go­let­to“ mit Fe­der­i­co Longhi (links) in der Ti­tel­rol­le und Kos­ma Ra­nu­er als Mon­te­ro­ne. Alle Sze­nen­fo­tos: © Nik Schölzel/​Mainfranken Thea­ter Würz­burg

Giu­sep­pe Ver­dis „Ri­go­let­to“ hat jede Men­ge Ohr­wür­mer, ist aber mit­nich­ten ein Selbst­läu­fer. Denn eine vom Va­ter weg­ge­sperr­te Toch­ter, die nur in die Kir­che darf und sonst nir­gend­wo­hin, war anno 1851 viel­leicht nor­mal. Aber wie kön­nen die Fi­gu­ren die­ser Oper heu­te noch glaub­wür­dig sein? Am Main­fran­ken­thea­ter wird dar­auf sze­nisch und mu­si­ka­lisch eine atem­be­rau­ben­de Ant­wort ge­ge­ben.

Wen soll man zu­erst her­vor­he­ben? Den be­herzt und klug Re­gie füh­ren­den In­ten­dan­ten Mar­kus Tra­busch und sein Team, den sän­ger­freund­lich und fu­ri­os di­ri­gie­ren­den Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor En­ri­co Cales­so, die So­lis­ten, von de­nen ei­ni­ge bra­vou­rös her­aus­ra­gen oder den bril­lan­ten Chor? Bei der Pre­mie­re am Sams­tag war der Ju­bel für alle groß: lang an­dau­ern­de ste­hen­de Ova­tio­nen.

Die In­sze­nie­rung in der schlüs­sig-ein­fa­chen Aus­stat­tung von Su­san­ne Hil­ler schafft die Grat­wan­de­rung, die mit ei­nem über­kom­me­nen Ge­sell­schafts-, Män­ner- und Frau­en­bild be­frach­te­te Hand­lung in eine heu­ti­ge Le­bens­welt zu über­set­zen. Schon die Vor­la­ge von Ver­dis „Ri­go­let­to“ – das Dra­ma „Le roi s’amuse“ von Vic­tor Hugo –  ver­deut­licht die ge­ge­be­nen Herr­schafts­ver­hält­nis­se und die Do­mi­nanz von Män­nern.

Dass auch in die­ser In­ter­pre­ta­ti­on der Her­zog sich nimmt, was er krie­gen kann, steht auf ei­nem et­was an­de­ren Blatt. Gleich zu Be­ginn sieht man, dass ers­tens sein Amü­se­ment längst der Lan­ge­wei­le ge­wi­chen und zwei­tens die Grä­fin von Ce­pra­no nicht blo­ßes Me­Too-Op­fer ist. Gil­da, die Toch­ter Ri­go­let­tos, ist für ihn auch des­halb reiz­voll, weil sie an­ders ist als die ent­hemm­ten Par­ty­da­men.

Fe­der­i­co Longhi (Ri­go­let­to) und Aki­ho Tsu­jii (Gil­da)

Dass Gil­da von ei­ner ja­pa­ni­schen So­pra­nis­tin ver­kör­pert wird, nutzt die In­sze­nie­rung in­halt­lich: Ihre drän­gen­den Fra­gen nach der un­be­kann­ten Mut­ter be­kom­men ei­nen zu­sätz­li­chen Sinn, und dass der an­geb­li­che Stu­dent ihr zum heim­li­chen Tref­fen Kirsch­blü­ten­zwei­ge und ei­nen Ki­mo­no mit­bringt, stärkt sie. Wenn am bit­te­ren, aber selbst­be­stimm­ten Ende tat­säch­lich der Geist der Mut­ter auf­taucht, ist das kein Kitsch, son­dern eine sze­nisch und mu­si­ka­lisch bril­lan­te Lö­sung.

Gil­da (Aki­ho Tsu­jii) und der Her­zog als der ver­meint­li­cher Stu­dent Gu­al­tier Mal­dè (Ro­ber­to Or­tiz)

Aki­ho Tsu­jii bringt in die Rol­le nicht nur die pas­sen­de Stim­me, son­dern eine traum­wand­le­risch rich­ti­ge Kör­per­spra­che ein: Ihre Gil­da wirkt blut­jung, be­wegt sich und re­agiert ent­spre­chend. Plötz­lich ver­steht man, war­um der Va­ter sein noch nicht er­wach­se­nes Kind schüt­zen will – und in wel­cher Sand­wich­po­si­ti­on er steckt: Hof­narr Ri­go­let­to ist ein Clown, der den ge­sell­schaft­li­chen Zy­nis­mus auf die Spit­ze trei­ben soll, trei­ben muss.

Fe­der­i­co Longhi als Gast ist sän­ger­dar­stel­le­risch eben­falls eine idea­le Be­set­zung. Mit sei­nem ge­schmei­di­gen und fül­li­gen Ba­ri­ton of­fen­bart er das Dra­ma ei­nes Man­nes, der nicht aus sei­ner Haut kann. Sei­ne Wut auf alle an­de­ren und sich selbst führt zu ei­ner über­ra­schen­den und tief ge­hen­den  Bild­fin­dung: Der Clown, der im­mer wie­der auch mit Hand­pup­pen agiert, mu­tiert im zwei­ten Akt ge­wis­ser­ma­ßen zum durch­aus ge­fähr­li­chen Kro­ko­dil aus dem Kas­perl­thea­ter.

Fe­der­i­co Longhi als Ri­go­let­to im 2. Akt
Aki­ho Tsu­jii als Gil­da im 2. Akt

Auch der Su­per­hit „La don­na è mo­bi­le“ wird sinn­fäl­lig in­sze­niert. Der eben­falls noch jun­ge  Duca, der nicht nach­voll­zie­hen kann, war­um die ent­führ­te Gil­da ihn nach der ers­ten Lie­bes­nacht ver­lässt, glaubt in sei­ner Ent­täu­schung, dass alle Frau­en trü­ge­risch sind und trös­tet sich be­wusst mit der schein­bar käuf­li­chen, aber eben­falls selbst­be­wuss­ten Mad­da­le­na (sou­ve­rän: Ka­tha­ri­na von Bü­low).

Ro­ber­to Or­tiz ist wie ge­schaf­fen für die­sen Le­be­mann: Ein sehr be­weg­li­cher Te­nor, der viel Leich­tig­keit ein­bringt und den­noch zeigt, dass auch der Her­zog Tä­ter und Op­fer zu­gleich ist – wie fast alle Män­ner hier! Igor Tsar­kov als Spa­ra­fu­ci­le, Kos­ma Ra­nu­er als Graf von Mon­te­ro­ne (der mehr­fach als Ri­go­let­to al­ter­nie­ren wird), die wei­te­ren So­lis­ten und der von An­ton Trem­mel ein­stu­dier­te Chor sor­gen für ei­nen gro­ßen Opern­abend.

En­ri­co Cales­so ©Foto: Falk von Traubenberg/​Mainfranken Thea­ter Würz­burg

En­ri­co Cales­so im Or­ches­ter­gra­ben treibt das Ge­sche­hen mu­si­ka­lisch mit un­er­bitt­li­cher Kon­zen­tra­ti­on und im­menser Ein­füh­lung an. Wie er das Or­ches­ter im Griff hat und zu Höchst­leis­tun­gen bringt, wie er still mit­sin­gend gleich­zei­tig die So­lis­ten auf Hän­den trägt, selbst wenn ei­nem das Tem­po manch­mal aber­wit­zig vor­kommt, ist ein Er­eig­nis. Er ver­hilft dem ab­ge­nu­del­ten „Ri­go­let­to“ zu ei­ner dra­ma­tur­gi­schen Wahr­haf­tig­keit, die im Zu­sam­men­wir­ken mit der schlüs­si­gen In­sze­nie­rung ih­res­glei­chen sucht. Eine Stern­stun­de, die hof­fent­lich nicht sin­gu­lär blei­ben möge!

Be­such­te Pre­mie­re am 12. Ok­to­ber, Erst­druck im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags. Wei­te­re Auf­füh­run­gen am 20., 22. und 27.10., 2., 10. und 22.11. so­wie am 6., 11., 18., 22. und 25.12. 2019, Ti­ckets un­ter Te­le­fon 0931/3908-124.

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