Poesie der Schneeflocken

Mit „The Snow Queen“, dem Opernerst­ling von Hans Abra­h­am­sen, setzt die Baye­ri­sche Staats­oper ein un­ge­wöhn­li­ches neu­es Werk nach dem Mär­chen von Hans Chris­ti­an An­der­sen mu­si­ka­lisch und sze­nisch fas­zi­nie­rend um.

Knö­chel­tief im Schnee wa­ten kön­nen der­zeit die Mit­wir­ken­den der Oper „The Snow Queen“ am Münch­ner Na­tio­nal­thea­ter. Sze­ne mit (von rechts) Bar­ba­ra Han­nig­an als Ger­da so­wie Racha­el Wil­son und Tho­mas Gräß­le als Kay – Alle Sze­nen­fo­tos: Wil­fried Hösl

Mit Schnee und Eis scheint Ni­ko­laus Bach­ler Glück zu ha­ben. Zu den be­deu­ten­den Ur- und Erst­auf­füh­run­gen sei­ner in die­ser Sai­son zu Ende ge­hen­den In­ten­danz zählt die Ant­arktis­oper „South Pole“ von Mi­ros­lav Srn­ka und ak­tu­ell seit Sams­tag „The Snow Queen“ von Hans Abra­h­am­sen – bei­des Wer­ke mit im­mensen An­for­de­run­gen, für die es ein Flagg­schiff wie die Baye­ri­sche Staats­oper braucht.

Der Opernerst­ling des 66jährigen Kom­po­nis­ten auf sein ei­ge­nes Li­bret­to nach dem Mär­chen „Die Schnee­kö­ni­gin“ („Sne­d­ron­ni­gen“) von Hans Chris­ti­an An­der­sen wur­de erst vor zehn Wo­chen in Ko­pen­ha­gen auf Dä­nisch ur­auf­ge­führt. Dass die eng­lisch­spra­chi­ge Erst­auf­füh­rung am Münch­ner Na­tio­nal­thea­ter so schnell folg­te, hat un­mit­tel­bar mit Bar­ba­ra Han­nig­an zu tun.

Die viel­sei­ti­ge Mu­si­ke­rin, die in der letz­ten Sai­son Por­trät­künst­le­rin bei den Bam­ber­ger Sym­pho­ni­kern war und mit ih­nen und dem Lied­zy­klus „let me tell you“ von Hans Abra­h­am­sen auch auf Tour­nee ging, war für den Kom­po­nis­ten der Grund, über­haupt Vo­kal­wer­ke zu schrei­ben. Da Han­nig­an, die  Ide­al­be­set­zung für Ger­da, die weib­li­che Haupt­rol­le sei­ner ers­ten Oper, aber nur in Spra­chen singt, die sie auch be­herrscht, lag die eng­li­sche Ver­si­on auf der Hand.

Bar­ba­ra Han­nig­an als Ger­da und Dean Power als Prince

Wie ernst es den Münch­nern mit die­ser Erst­auf­füh­rung war, konn­te man selbst den Kon­zer­ten des Baye­ri­schen Staats­or­ches­ters ab­le­sen: Mehr­fach stand Abra­h­am­sen auf dem Pro­gramm, dar­un­ter „Schnee“, ein für ihn em­ble­ma­ti­sches Stück. Und jetzt rie­selt er so ge­konnt auf die Büh­ne und aus dem Gra­ben des Na­tio­nal­thea­ters, dass man süch­tig da­nach wer­den könn­te.

Es be­ginnt mit ei­nem un­de­fi­nier­ba­ren schril­len Flir­ren. Doch dann folgt ein so hauch­fei­nes Knis­tern und Klin­geln von Gei­gen, Glo­cken­spiel, Xy­lo­phon und Ak­kor­de­on, dass man sich ver­dutzt fragt, wie­so man die­se wun­der­bar zar­ten Klän­ge noch nie bei ei­nem rea­len Schnee­ge­stö­ber ge­hört hat. Abra­h­am­sens „Snow Queen“-Musik ist pa­ra­dox, weil sie ei­gent­lich Stil­le hör­bar, ja plas­tisch greif­bar macht.

Pe­ter Rose (links) als Snow Queen und Racha­el Wil­son (rechts) als Kay

So ein­fach das al­les auch klingt, es ist ma­the­ma­tisch ge­plant und der­art kom­plex ge­baut und ge­schich­tet, dass es für fast fünf­zig Tak­te so­gar sicht­bar ei­nen zwei­ten Di­ri­gen­ten braucht. Trotz, nein: we­gen ih­rer Kon­struk­ti­on kann die­se Mu­sik hoch emo­tio­nal und ex­pres­siv wir­ken. Die ge­ge­be­nen Wie­der­ho­lun­gen sind selbst­re­dend nicht iden­tisch, son­dern sub­ti­le Va­ria­tio­nen in ver­än­der­ter Län­ge, Rhyth­mik und Zeit­maß. Es geht – wie beim Schnee­fall – um eine an­de­re Wahr­neh­mung von Zeit, die sich schritt­wei­se dehnt.

Sti­lis­tisch pa­ra­phra­siert Abra­h­am­sen ei­ge­ne Stü­cke, die oh­ne­hin um Schnee und ähn­li­che Na­tur­phä­no­me­ne krei­sen, aber auch Wer­ke von Ri­chard Wag­ner über Clau­de De­bus­sy bis hin zu Györ­gy Li­ge­ti. Dass er sich un­ter an­de­rem auf Wag­ners „Hol­län­der“, „Tris­tan“, „Ring“ und „Par­si­fal“ be­zieht, hört man nicht nur. Man kann es, wenn man will, auch se­hen.

Ka­ta­ri­na Da­lay­man als Grand­mo­ther mit Kin­der­sta­tis­ten, Bar­ba­ra Han­nig­an als Ger­da und Tho­mas Gräß­le als Kay

Die In­sze­nie­rung von An­dre­as Krie­gen­burg in der Aus­stat­tung von Ha­rald B. Thor und An­drea Schraad ver­setzt die dunk­le Hand­lung in eine hel­le psych­ia­tri­sche Kli­nik, in der viel Raum ist für (Alb-)Träume al­ler Art – für Rück­blen­den und Ver­dop­pe­lun­gen, für ge­spens­ti­sche Men­schen- und Tier­fi­gu­ren und, wie vor­ge­schrie­ben, eine sehr männ­li­che Schnee­kö­ni­gin (Pe­ter Rose).

Kay, der ent­führ­te Jun­ge, kommt mehr­fach vor: als klei­ner Jun­ge, als jun­ger Mann in ei­ner mit viel  Ge­fühl ge­färb­ten Ho­sen­rol­le (groß­ar­tig: Racha­el Wil­son) so­wie als stum­mer Er­wach­se­ner (Tho­mas Gräß­le), der in eine schwe­re de­pres­si­ve Apa­thie ge­fal­len ist. Dass und wie Ger­da ihn aus sei­nem in­ne­ren Eis­pa­last her­aus­holt, wird in­ter­pre­tiert als die un­er­bitt­li­che Su­che ei­nes lie­ben­den Men­schen, den an­de­ren ver­ste­hen zu wol­len.

Bar­ba­ra Han­nig­an (links un­ten als Ger­da), Racha­el Wil­son und Tho­mas Gräß­le (im Bett als Kay) so­wie zwei Cho­ris­tin­nen (als Kran­ken­schwes­tern)

War­um bei der Pre­mie­re nach dem mu­si­ka­lisch über­ra­schend un­spek­ta­ku­lä­ren Schluss und beim ers­ten Vor­hang für Re­gis­seur und Kom­po­nist ein paar rich­tig böse Buh­ru­fe ins Au­di­to­ri­um knall­ten, lässt sich nicht nach­voll­zie­hen. Die Münch­ner Pro­duk­ti­on der „Snow Queen“ ist mu­si­ka­lisch und sze­nisch ein Er­eig­nis.

Was na­tür­lich auch da­mit zu tun hat, dass die Baye­ri­sche Staats­oper die­se Mär­chen­oper für Er­wach­se­ne (emp­foh­len ab 16 Jah­ren) in je­der Hin­sicht op­ti­mal rea­li­sie­ren konn­te: Schon der fast stän­di­ge und stim­mi­ge Schnee­fall ist eben­so se­hens­wert wie das som­mer­lich hei­te­re Ende, das den­noch of­fen bleibt. Auf al­ler­höchs­tem Ni­veau ist die mu­si­ka­li­sche Um­set­zung: Was das Or­ches­ter, die Chö­re und die vor­treff­li­chen So­lis­ten – al­len vor­an Bar­ba­ra Han­nig­an als Ger­da –  un­ter dem aus­wen­dig di­ri­gie­ren­den Cor­ne­li­us Meis­ter leis­ten, ist ein­fach bra­vou­rös.

Be­such­te Erst­auf­füh­rung am 21. De­zem­ber 2019, Erst­druck im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Taghs. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 26., 28. und 30. De­zem­ber 2019 so­wie am 4., 6. und 31. Ja­nu­ar 2020. Kos­ten­lo­ser Live­stream am 28. 12. um 19.30 Uhr auf www​.staats​oper​.tv und bis 29. Ja­nu­ar als Vi­deo-on-De­mand. Kar­ten un­ter Te­le­fon 089/2185-1920.

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