Unsinn hoch drei

An der Staats­oper Stutt­gart dür­fen gleich drei Teams an der akt­wei­sen sze­ni­schen Rea­li­sie­rung von Ri­chard Wag­ners „Wal­kü­re“ scheitern.

Sze­ne aus dem 1. Akt: von links Mi­cha­el Kö­nig (Sieg­mund), Si­mo­ne Schnei­der (Sieg­lin­de) und Goran Ju­ric (Hun­ding) – Foto: Mar­tin Sigmund

Kein Zwei­fel. Wenn es zu ei­ner Büh­ne passt, in Sa­chen „Ring“ Au­ßer­ge­wöhn­li­ches zu wa­gen, dann ist es die Staats­oper Stutt­gart. Dort wur­de, nach­dem zu­vor – ähn­lich, aber hoch­mö­gen­der – ein Pro­jekt in Pa­ris schon nach dem zwei­ten Teil zu Ende war, vor fast ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert Ri­chard Wag­ners Te­tra­lo­gie erst­mals nicht aus ei­ner Re­gie­hand, ge­wis­ser­ma­ßen aus ei­nem Guss in­sze­niert, son­dern, mit je ei­nem Werk und der Rei­he nach, von den Re­gis­seu­ren Joa­chim Schlö­mer, Chris­tof Nel, Jos­si Wie­ler so­wie Pe­ter Konwitschny.

Die­ser von Klaus Ze­helein in­iti­ier­te Stutt­gar­ter „Ring“ von 1999/2000 hat­te Fol­gen. Auch an­de­re, vor al­lem klei­ne­re Häu­ser trau­ten sich in der Fol­ge öf­ter als vor­her, ein­zel­ne „Ring“-Werke ohne den Blick auf den gan­zen Vier­tei­ler her­aus­zu­brin­gen oder wag­ten eben­falls die Mi­schung un­ter­schied­li­cher Hand­schrif­ten – bis hin zum „weib­li­chen ‚Ring‘“ in Chem­nitz 2018/19, mit vier ver­schie­de­nen Re­gis­seu­rin­nen als Haupt­ver­ant­wort­li­chen, von de­nen Ve­re­na Stoi­ber mit dem „Rhein­gold“, Sa­bi­ne Hart­manns­henn mit „Sieg­fried“ und be­son­ders Eli­sa­beth Stöpp­ler mit der „Göt­ter­däm­me­rung“ ihre Sa­che gut bis aus­ge­zeich­net machten.

Im frü­he­ren „Win­ter-Bay­reuth“ Wie­land Wag­ners, an der Staats­oper Stutt­gart, wo seit ge­rau­mer Zeit als In­ten­dant Vik­tor Scho­ner und als Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Cor­ne­li­us Meis­ter das Sa­gen ha­ben, war längst ein neu­er „Ring“ fäl­lig. Er wur­de ehr­gei­zig ge­plant: Nicht nur vier, son­dern sechs Re­gie­teams sol­len die Te­tra­lo­gie sze­nisch um­set­zen. Ste­phan Kim­mig ver­leg­te Ende 2021 schon mal den Vor­abend in eine Zir­kus­at­mo­sphä­re, mit der „Wal­kü­re“, die am 10. April Pre­mie­re hat­te, geht die Auf­split­te­rung so­gar akt­wei­se weiter.

Das Fa­ta­le an die­ser Set­zung ist, dass die drei da­für en­ga­gier­ten Teams zwar durch­aus et­was fürs Auge bie­ten, aber das We­sent­li­che kom­plett ver­feh­len: Ernst zu neh­men­de Opern­re­gie be­steht eben nicht nur aus Aus­stat­tung al­ler Art, son­dern lebt von der Per­so­nen­füh­rung und der In­ter­pre­ta­ti­on der Hand­lung. So ge­se­hen ist die „Walküre“-Produktion eine Bank­rott­erklä­rung in drei Stationen.

Am ehes­ten ex­pe­ri­men­tell ar­bei­tet das hol­län­di­sche Thea­ter­kol­lek­tiv Ho­tel Mo­dern. Die live ge­film­ten Pup­pen­thea­ter-Ani­ma­tio­nen in ei­ner lei­der brand­ak­tu­el­len dys­to­pi­schen Mi­nia­tur­sze­ne­rie pas­sen zur Hand­lung des 1. Akts und sind für sich ge­nom­men – ge­ra­de weil es plü­schi­ge Rat­ten­fi­gu­ren sind – be­klem­mend und be­rüh­rend. Die Bil­der der bru­tal auf­ge­ris­se­nen Spiel­zeug­tier­kör­per ver­gisst man nicht so schnell, weil man au­to­ma­tisch Kriegs­op­fer in der Ukrai­ne assoziiert.

Sze­ne aus dem 1. Akt mit Si­mo­ne Schnei­der als Sieg­lin­de und Mi­cha­el Kö­nig als Sieg­mund – Foto: Mar­tin Sigmund

Auf der Stre­cke blei­ben al­ler­dings die Prot­ago­nis­ten der Oper, die ech­ten Ak­teu­re der Hand­lung, die So­lis­ten auf der Büh­ne. Sie sinn­fäl­lig ein­zu­be­zie­hen, ist nicht ein­mal an­satz­wei­se pas­sa­bel ge­löst. Rat­ten­köp­fe auf- und ab­zu­set­zen al­lein ge­nügt eben nicht. An­statt die Kör­per­lich­keit der Sän­ger­dar­stel­ler zu nut­zen, fin­det sta­tua­ri­sches Ram­pen­thea­ter statt. Als nen­nens­wer­te Re­gieidee bleibt der Stuhl in Er­in­ne­rung, der ein­gangs zum Was­ser­krug um­funk­tio­niert wird – ein An­satz im­mer­hin, der aber nicht wei­ter ver­folgt wird. Das über­gro­ße, thea­tra­lisch in sich zu­sam­men­sin­ken­de Schwert und die säu­gen­de Rat­ten­mut­ter am Schluss sind nur mehr schreck­lich gewollt.

Sze­ne aus dem 2. Akt mit Sieg­mund und Sieg­lin­de – Foto: Mar­tin Sigmund

Haupt­ver­ant­wort­lich für die Um­set­zung des 2. Akts ist der Licht­de­si­gner Urs Schö­ne­baum. Er sorgt mit Ne­bel­bil­dern, rie­fen­stäh­ler­nen Licht­do­men und fins­te­ren Fan­ta­sy-Turm­bau­ten für eine ver­gleichs­wei­se ge­schlos­se­ne Äs­the­tik, die in An­sät­zen das Drit­te Reich zi­tiert, was nicht neu, aber im ge­ge­be­nen Pu­ris­mus à la Ro­bert Wil­son eher ir­ri­tie­rend, ja är­ger­lich wirkt. Im­mer­hin hat sich Schö­ne­baum in Per­so­nen­füh­rung ver­sucht. Sein et­was aus­ge­dehn­te­res, nicht nur nach vor­ne ge­rich­te­tes Ram­pen­thea­ter mit Be­we­gungs­sta­tis­te­rie bleibt je­doch wie auch die Kos­tü­me von Ya­shi an Stan­dards, Kli­schees und be­müh­ten, ja über­stra­pa­zier­ten Ein­fäl­len kle­ben. Ein Wo­tan, der gar nicht mehr auf­hö­ren kann, auf Sieg­mund ein­zu­ste­chen, führt mit­nich­ten zu Betroffenheit.

Sze­ne aus dem 2. Akt mit Wo­tan, Brünn­hil­de und Sta­tis­ten – Foto: Mar­tin Sigmund

Ulla von Bran­den­burg, die Aus­stat­te­rin des 3. Akts, be­legt ein­mal mehr, dass ar­ri­vier­te bil­den­de Künst­ler in der Re­gel we­nig Ah­nung von kon­kre­ter Thea­ter­ar­beit ha­ben. So er­fri­schend die  farb­star­ken Ge­wän­der und die po­p­ar­ti­gen und ver­schieb­ba­ren Wel­len­ge­bir­ge in ih­rer An­mu­tung sind, die So­lis­ten, auch die Wal­kü­ren­schar mit ih­ren Mi­ka­do-Spee­ren, be­we­gen sich dar­in und dar­auf un­si­cher. Das sind „le­ben­de Bil­der“, die un­frei­wil­lig par­odis­tisch wir­ken und sehr viel von dem igno­rie­ren, was war­um pas­siert. Das ist bes­ten­falls nett, mehr nicht.

Sze­ne aus dem 3. Akt mit den Wal­kü­ren – Foto: Mar­tin Sigmund

In al­len drei Ak­ten ent­steht im­mer wie­der der Ein­druck, als stün­den Lai­en­dar­stel­ler auf der Büh­ne. Den hoch­pro­fes­sio­nel­len Sän­ge­rin­nen und Sän­gern, die sich hier über­wie­gend gleich auf meh­re­re di­ver­gie­ren­de Kon­zep­te ein­las­sen müs­sen, ist das nicht an­zu­las­ten. Son­dern in ers­ter Li­nie dem In­ten­dan­ten, der Teams en­ga­giert hat, die vom Re­gie­hand­werk nichts ver­ste­hen. Was bringt es, Oper mit der Be­lie­big­keit des heu­ti­gen Kunst­markts zusammenzubringen?

Sze­ne aus dem 3. Akt mit Okka von der Da­merau (Brünn­hil­de) und Bri­an Mul­ligan (Wo­tan) – Foto: Mar­tin Sigmund

Im­mer­hin gibt es in die­ser „Wal­kü­re“ tat­säch­lich star­ke Frau­en. An­ni­ka Schlichts Fri­cka ist schlicht­weg eine Wucht, Si­mo­ne Schnei­der singt eine aus­drucks­star­ke Sieg­lin­de und Okka von der Da­merau ge­lingt bei ih­rem Rol­len­de­büt als Brünn­hil­de trotz ei­ni­ger Ner­vo­si­tät stimm­lich fast schon al­les. Das ist groß­ar­tig, ein Ver­spre­chen, denn es fehlt an raum­fül­len­den, in­tak­ten und nu­an­cen­rei­chen Stim­men im Heroinenfach.

Glanz­vol­les Rol­len­de­büt: Okka von der Da­merau als Brünn­hil­de im 2. Akt – Foto: Mar­tin Sigmund

Bei den Män­nern wis­sen Mi­cha­el Kö­nigs Sieg­mund und Goran Ju­ric als Hun­ding sän­ge­risch ein­zu­neh­men, Rol­len­de­bü­tant Bri­an Mul­ligan als eher hell tim­brier­ter Wo­tan hin­ge­gen war am Pre­mie­ren­abend lei­der nicht nur idio­ma­tisch über­for­dert, son­dern stand stimm­lich zu­neh­mend auf der Kip­pe. Was si­cher auch mit Cor­ne­li­us Meis­ter, dem 42-jäh­ri­gen Stutt­gar­ter Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor zu tun hat.

Der Di­ri­gent, der heu­er mit „Tris­tan“ in Bay­reuth de­bü­tie­ren wird, pro­du­ziert mit dem Staats­or­ches­ter ei­nen über­wie­gend lau­ten, ja teils gro­ben Wag­ner­klang und ze­le­briert zu­dem im­mer wie­der so schlep­pen­de Tem­pi, dass die So­lis­ten gleich in zwei­er­lei Hin­sicht hör­bar zu kämp­fen ha­ben. Selbst wenn sich man­ches si­cher noch ein­spie­len wird, bleibt un­term Strich Er­nüch­te­rung. Das ak­tu­el­le Stutt­gar­ter Wag­ner-Ex­pe­ri­ment ist ge­schei­tert, nicht etwa, weil es per se Wag­ners Kunst­an­satz beim „Ring“ wi­der­spricht. Son­dern weil das Mu­sik­dra­ma „Wal­kü­re“ in der drei­ge­teilt ge­ge­be­nen Pseu­do­re­gie un­ent­deckt bleibt und kein Ein­zel­ver­such den Wunsch nach ei­ner kom­plet­ten In­sze­nie­rung weckt.

Sze­ne aus der Stutt­gar­ter „Siegfried“-Inszenierung aus dem Jahr 2000 – Foto: A.T. Schaefer/​Staatsoper Stuttgart

Das ver­mut­lich ein­zig Wah­re, Schö­ne und Gute am neu­en Stutt­gar­ter „Ring“ könn­te das Wie­der­se­hen mit der „Siegfried“-Inszenierung aus dem Jahr 2000 im nächs­ten Herbst sein. Was da­mals Jos­si Wie­ler und sei­nem Team mit Co-Re­gis­seur Ser­gio Mo­r­abi­to und Aus­stat­te­rin Anna Vie­b­rock ge­lun­gen ist, könn­te in der neu ein­stu­dier­ten Ver­si­on 2022 nicht nur das an­ge­dach­te Bin­de­glied zur erst­ma­li­gen mul­ti­per­spek­ti­vi­schen Sicht sein, son­dern ein Mus­ter­bei­spiel da­für, dass Re­gie­thea­ter auch zeit­los gül­tig zu sein vermag.

Hin­ge­gen sehe ich für den Ab­schluss ziem­lich schwarz, nach­dem Mar­co Stor­mann ge­ra­de erst in Nürn­berg ohne jeg­li­chen Sinn für die Mu­sik den Strauss’schen „Ro­sen­ka­va­lier“ in ein voll­kom­men nüch­ter­nes und hu­mor­frei­es Pro­blem­stück ver­wan­delt hat. Viel­leicht macht er dann aus der „Göt­ter­däm­me­rung“, weil De­kon­struk­ti­on und die Um­wer­tung al­ler Wer­te im­mer noch „in“ sind, eine Komödie?

Be­such­te Pre­mie­re am 10. April 2022, wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 18., 23. und 29. April so­wie am 2. Mai, Rest­kar­ten auf der Home­page

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