„Er ist mir gränzenlos zuwider“

Gia­co­mo Mey­er­beer, der am 2. Mai 1864 starb, war zu Leb­zei­ten der Pa­ri­ser Er­folgs­kom­po­nist und un­ter­stütz­te auch den jun­gen Ri­chard Wag­ner. Der dank­te ihm das spä­ter nicht, son­dern schmäh­te ihn in ver­schie­de­nen an­ti­se­mi­ti­schen Schrif­ten.
Gia­co­mo Mey­er­beer, por­trä­tiert von Na­dar in sei­nem Ster­be­jahr Vor­la­ge: Wiki­me­dia Com­mons

Ein paar Tex­te aus Ri­chard Wag­ners Hand an und über Gia­co­mo Mey­er­beer (1791–1864) ge­nü­gen, um die un­fass­ba­ren Ab­grün­de auf­zu­zei­gen, die ge­nau­so zu Wag­ner ge­hö­ren wie sei­ne po­si­ti­ven Sei­ten. Wag­ners lang­sam, aber ste­tig und ge­fähr­lich groß wer­den­der An­ti­se­mi­tis­mus lässt sich an nie­man­dem so bei­spiel­haft fest­ma­chen wie an die­sem sei­nem, aus ei­ner wohl­ha­ben­den jü­di­schen Ban­kiers­fa­mi­lie in Ber­lin stam­men­den Kol­le­gen, der am 2. Mai vor 156 Jah­ren in Pa­ris ge­stor­ben ist.

Ei­nen ers­ten Brief an den in der Opern­me­tro­po­le Pa­ris höchst er­folg­rei­chen Kom­po­nis­ten mit der Bit­te um Durch­sicht sei­nes zwei­ten Büh­nen­werks „Das Lie­bes­ver­bot“ schick­te der 23-jäh­ri­ge Wag­ner An­fang Fe­bru­ar 1837, be­kam aber kei­ne Ant­wort. Als die bei­den sich im Au­gust 1839 in Bou­lo­gne-sur-Mer per­sön­lich tra­fen, durf­te Wag­ner dem äl­te­ren und ar­ri­vier­ten Kol­le­gen Text­buch und die noch nicht voll­ende­te Kom­po­si­ti­on des „Ri­en­zi“ prä­sen­tie­ren, wor­auf Mey­er­beer freund­lich und wunsch­ge­mäß ei­ni­ge Emp­feh­lungs­brie­fe an Adres­sa­ten in Pa­ris ver­fass­te.

„Mein in­nigst ver­ehr­ter Herr und Pro­tec­tor!“, schrieb Wag­ner am 15. Fe­bru­ar 1840 aus Pa­ris an den ge­ra­de in Ba­den-Ba­den wei­len­den Gia­co­mo Mey­er­beer, „ich strot­ze von Hilfs­be­dürf­tig­keit! Also will ich rasch die Sai­ten rau­schen und die sehr alte und so sehr be­kann­te Ur­me­lo­die er­klin­gen las­sen: ‚Hel­fen Sie mir!‘ d.h. in wag­ne­ri­scher Ton­art (– ly­risch, weich und weh­mü­tig –): ‚Ha­ben Sie doch die über­mä­ßi­ge Güte, ein auf­fri­schen­des Brief­chen an An­té­nor Joly zu schrei­ben!‘ […] Mit vie­ler Freu­de kann ich ver­mel­den, dass es mir dank Ih­rer gü­ti­gen Für­spra­che ge­lun­gen ist, Ha­ben­eck zu ei­ner Pro­be mei­ner Ou­ver­tü­re zu ver­an­las­sen. Das sämt­li­che Or­ches­ter zeig­te mir durch ei­nen wie­der­hol­ten und an­hal­ten­den Ap­plaus, dass es nicht un­zu­frie­den war. […] Mein Dank­ge­fühl, das mich ge­gen Sie, mein hoch­her­zi­ger Pro­tec­tor, be­seelt, kennt kei­ne Gren­zen. Ich sehe kom­men, dass ich Sie von Äo­nen zu Äo­nen mit Dan­kes­stam­meln ver­fol­gen wer­de. Die Ver­si­che­rung kann ich Ih­nen ge­ben, dass ich auch in der Höl­le noch Dank stam­meln wer­de. [ …] Ihr mit Herz und Blut ewig ver­pflich­te­ter Un­ter­tan Ri­chard Wag­ner‘.“

Mey­er­beer konn­te Wag­ner in des­sen Pa­ri­ser Hun­ger­jah­ren zwar nicht zum er­hoff­ten gro­ßen Opern­er­folg ver­hel­fen, aber im­mer wie­der we­nigs­tens zu Brot­ar­bei­ten. Dass dank auch der Für­spra­che Mey­er­beers „Ri­en­zi“ in Dres­den ur­auf­ge­führt und der „Flie­gen­de Hol­län­der“ in Ber­lin ge­spielt wur­den, hat Wag­ner ihm spä­ter nicht mehr ge­dankt. Im Ge­gen­teil: Sei­ne erst­mals 1850 ver­öf­fent­lich­te und 1869 in Bro­schü­ren­form wie­der­auf­ge­leg­te Hetz­schrift Das Ju­den­tum in der Mu­sik ist er­kenn­bar be­son­ders auf Mey­er­beer ge­münzt, den er na­ment­lich nicht ein­mal er­wähnt.

„Die­ser täu­schen­de Kom­po­nist“, heißt es da un­ter an­de­rem, „geht so­gar so weit, dass er sich selbst täuscht, und die­ses viel­leicht eben­so ab­sicht­lich, als er sei­ne Ge­lang­weil­ten [=Zu­hö­rer­schaft] täuscht. Wir glau­ben wirk­lich, dass er Kunst­wer­ke schaf­fen möch­te, und zu­gleich weiß, dass er sie nicht schaf­fen kann: um sich aus die­sem pein­li­chen Kon­flik­te zwi­schen Wol­len und Kön­nen zu zie­hen, schreibt er für Pa­ris Opern, und lässt die­se dann leicht in der üb­ri­gen Welt auf­füh­ren, – heut‘ zu Tage das si­chers­te Mit­tel, ohne Künst­ler zu sein, doch Kunst­ruhm sich zu ver­schaf­fen. Un­ter dem Dru­cke die­ser Selbst­täu­schung, wel­che nicht so mü­he­los sein mag, als man den­ken könn­te, er­scheint er uns fast gleich­falls in ei­nem tra­gi­schen Lich­te: das rein Per­sön­li­che in dem ge­kränk­ten In­ter­es­se macht die Er­schei­nung aber zu ei­ner tra­gi­ko­mi­schen, wie über­haupt das Kalt­las­sen­de, wirk­lich Lä­cher­li­che, das Be­zeich­nen­de des Ju­den­t­hu­mes für die­je­ni­ge Kund­ge­bung des­sel­ben ist, in wel­cher der be­rühm­te Kom­po­nist sich uns in Be­zug auf die Mu­sik zeigt.“

Sei­nem Kol­le­gen, Freund und Gön­ner Franz Liszt ge­gen­über recht­fer­tig­te sich Wag­ner am 18. April 1851 in ei­nem Brief wie folgt: „Mit Mey­er­beer hat es nun bei mir eine ei­ge­ne be­wand­nis: ich has­se ihn nicht, aber er ist mir grän­zen­los zu­wi­der. Die­ser ewig lie­bens­wür­di­ge, ge­fäl­li­ge mensch er­in­nert mich, da er sich noch den an­schein gab mich zu pro­te­gi­ren, an die un­klars­te, fast möch­te ich sa­gen las­ter­haf­tes­te pe­ri­ode mei­nes le­bens; das war die pe­ri­ode der kon­ne­xio­nen und hin­ter­trep­pen, in der wir von den pro­tek­to­ren zum nar­ren ge­hal­ten wer­den, de­nen wir in­ner­lich durch­aus un­zu­gethan sind. Das ist ein ver­hält­nis der voll­kom­mens­ten un­ehr­lich­keit: kei­ner meint es auf­rich­tig mit dem An­dern; der eine wie der an­de­re giebt sich den an schein der zu­gethan­heit, und bei­de be­nüt­zen sich nur so lan­ge als es ih­nen vor­theil bringt. Aus der ab­sicht­li­chen ohn­macht sei­ner ge­fal­lig­keit ge­gen mich ma­che ich Mei­er­beer nicht den min­des­ten vor­wurf, – im ge­gen­theil bin ich froh nicht so tief sein schuld­ner zu sein als z.b. Ber­li­oz. Aber Zeit war es, dass ich mich voll­kom­men aus dem un­red­li­chen ver­hält­nis­se zu ihm los­mach­te. […] Ich kann als Künst­ler vor mir und mei­nen freun­den nicht exis­tiren, nicht den­ken und füh­len, ohne mei­nen voll­kom­me­nen Ge­gen­satz in Mey­er­beer zu emp­fin­den und laut zu be­ken­nen, und hier­zu wer­de ich mit ei­ner wah­ren ver­zweif­lung ge­trie­ben, wenn ich auf die irrt­hüm­li­che An­sicht selbst vie­ler mei­ner freun­de sto­ße, als habe ich mit Mey­er­beer ir­gend et­was ge­mein.“

Da­bei sind laut ein­schlä­gi­gen Ex­per­ten zwi­schen den gro­ßen Opern Mey­er­beers und den Wag­ner­opern von „Ri­en­zi“ bis „Lo­hen­grin“ die kon­zep­tio­nel­len und dra­ma­tur­gi­schen Un­ter­schie­de gar nicht so groß – ganz ab­ge­se­hen da­von, dass Wag­ner hin und wie­der mu­si­ka­lisch un­ter an­de­rem An­lei­hen bei ihm ge­nom­men hat. Nichts­des­to­trotz spricht er sich auch in der 1852 erst­mals er­schie­ne­nen Schrift „Oper und Dra­ma“ stel­len­wei­se schmäh­lich ge­gen Mey­er­beer aus. Und er schämt sich nicht, in sei­ner Au­to­bio­gra­phie „Mein Le­ben“ eine ge­schmack­lo­se Be­mer­kung Wen­de­lin Weiß­hei­mers zu zi­tie­ren. Zum 3. Mai 1864, je­nen le­gen­dä­ren Tag, an dem ihm Kö­nig Lud­wigs Ka­bi­netts­se­kre­tär­Franz Se­raph von Pfis­ter­meis­ter in Stutt­gart die Be­ru­fung nach Mün­chen ver­kün­de­te, schreibt Wag­ner: „Mei­ne Freun­de, zu de­nen sich auch je­ner jun­ge Weiß­hei­mer aus Ost­ho­fen ge­sellt hat­te, ge­rie­ten durch die von mir ih­nen über­brach­te Nach­richt in das sehr be­greif­lich freu­de­volls­te Er­stau­nen. Über Tisch ward an Eckert te­le­gra­phisch der so­eben in Pa­ris er­folg­te Tod Mey­er­beers ge­mel­det: Weiß­hei­mer fuhr mit bäu­ri­schem La­chen auf über die­sen wun­der­ba­ren Zu­fall, dass der mir so schäd­lich ge­wor­de­ne Opern­meis­ter ge­ra­de die­sen Tag nicht mehr hat­te er­le­ben sol­len.“

Gia­co­mo Mey­er­beer wur­de als Ja­kob Lieb­mann Mey­er Beer am 5. Sep­tem­ber 1791 bei Ber­lin ge­bo­ren. Der zu­nächst dort, dann in Darm­stadt aus­ge­bil­de­te Mu­si­ker mach­te als Opern­kom­po­nist zu­nächst in Ita­li­en auf sich auf­merk­sam – noch im Stil der ita­lie­ni­schen Ope­ra se­ria oder Ope­ra buf­fa. Nach ei­ner schöp­fe­ri­schen Pau­se ge­lang ihm der Durch­bruch 1831 in Pa­ris mit der Oper „Ro­bert le dia­ble“ (Ro­bert der Teu­fel), in der er erst­mals zu sei­nem ei­ge­nen fran­zö­si­schen Stil fand. Nach ei­ner Zwi­schen­sta­ti­on als Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor in Ber­lin, wo er un­ter an­de­rem 1844 die Ur­auf­füh­rung sei­ner Oper Ein Feld­la­ger in Schle­si­en di­ri­gier­te, kehr­te er nach Pa­ris zu­rück. Opu­len­te Thea­ter­ef­fek­te, Bal­lett­ein­la­gen, Mas­sen­sze­nen und glanz­vol­le Ge­sangs­par­tien und Chor­num­mern mach­ten vor al­lem sei­ne his­to­ri­schen Opern „Les Hu­gue­nots“ (Die Hu­ge­not­ten) und „Le Pro­p­hè­te“  (Der Pro­phet) zu Glanz­stü­cken der Grand opé­ra. Er starb am 2. Mai 1864, auf dem Gip­fel sei­nes Ruhms, wäh­rend der Vor­be­rei­tung zur Ur­auf­füh­rung sei­ner vier­ten gro­ßen Oper „L’Af­ri­cai­ne“ (Die Afri­ka­ne­rin), die erst jüngst wie­der et­li­che Neu­in­sze­nie­run­gen ver­zeich­ne­te.

P.S. Wer mehr zu Wag­ners An­ti­se­mi­tis­mus er­fah­ren will, sei ver­wie­sen auf Frank Pion­teks Ab­hand­lung „Ri­chard Wag­ners ‚Das Ju­den­tum in der Mu­sik‘ “, Band 6 der Rei­he Leip­zi­ger Bei­trä­ge zur Wag­ner-For­schung von 2017, so­wie zwei ein­schlä­gi­ge Buch­ti­tel von Jens Mal­te Fi­scher: auf die aus­führ­li­che kri­ti­sche Do­ku­men­ta­ti­on „Ri­chard Wag­ners ‚Das Ju­den­tum in der Mu­sik‘ “, die im Jahr 2000 im Fi­scher Ta­schen­buch Ver­lag er­schie­nen ist und wie­der auf­ge­legt wur­de, so­wie auf die Neu­erschei­nung „Ri­chard Wag­ner und sei­ne Wir­kung“ aus dem Paul Zsol­nay Ver­lag von 2013.

Ak­tua­li­sier­te Ver­si­on der Erst­ver­öf­fent­li­chung 2013 in dem Blog „Mein Wag­ner-Jahr“ 
Apo­theo­se Gia­co­mo Mey­er­beers auf ei­ner ko­lo­rier­ten Post­kar­te von 1865, die den Kom­po­nis­ten mit den zen­tra­len Fi­gu­ren sei­ner be­rühm­tes­ten Opern zeigt. Vor­la­ge: Wiki­me­dia Com­mons