Der antisemitische Sündenfall

Im März 1869 ließ Ri­chard Wag­ner – dies­mal nicht hin­ter ei­nem Pseud­onym ver­steckt – noch­mals sei­ne schreck­li­che Schmäh­schrift „Das Ju­den­t­hum in der Mu­sik“ in ei­ner Bro­schü­re ver­öf­fent­li­chen.
Aus­schnitt aus dem Ti­tel­blatt der im März 1869 in Leip­zig ver­öf­fent­lich­ten „Ju­den-Bro­schü­re“ Vor­la­ge: Wiki­me­dia Com­mons, © Foto H.-P.Haack

Der Brief ei­ner hol­län­di­schen Über­set­ze­rin, die sich mit dem „Of­fe­nen Brief“ Ri­chard Wag­ners an den Vi­vi­sek­ti­ons-Geg­ner Ernst von We­ber be­fasst hat­te, ist am 22. März 1880 ein The­ma in der Vil­la An­gri hoch über Nea­pel, wo Wag­ner dank groß­zü­gi­ger Un­ter­stüt­zung Kö­nig Lud­wigs II. von 4. Ja­nu­ar bis 7. Au­gust 1880 mit den Sei­nen fürst­lich lo­giert. „Wie ich R. da­von spre­che“, schreibt sei­ne Frau Co­si­ma, „sagt er: ‚Das sind wohl rüh­ren­de Zei­chen, und ich könn­te mich über man­ches freu­en, aber der Kum­mer über das Gan­ze läßt die Freu­de über das Ein­zel­ne nicht recht auf­kom­men. Ich er­war­te jetzt Re­sul­ta­te, und die kön­nen in Deutsch­land nicht kom­men, es ist ver­jü­det und ver­pro­fes­sort‘.“

In Co­si­ma Wag­ners Ta­ge­bü­chern ver­geht kaum eine Wo­che, in der sich der An­ti­se­mi­tis­mus der bei­den nicht un­miss­ver­ständ­lich nie­der­schlägt. Be­son­ders häu­fig ge­schieht das im März 1869, als die zwei­te Fas­sung der so­ge­nann­ten „Ju­den­bro­schü­re“ er­scheint. Dass Wag­ner die Hetz­schrift mit dem Ti­tel „Das Ju­den­t­hum in der Mu­sik“, die er zu­erst 1850 un­ter dem Pseud­onym K. Frei­ge­dank in zwei Fol­gen der Neu­en Zeit­schrift für Mu­sik ver­öf­fent­lich­te, fast zwan­zig Jah­re spä­ter noch­mals und un­ter sei­nem Na­men als Bro­schü­re mit zu­sätz­li­chen und aus­führ­li­chen Er­läu­te­run­gen her­aus­brach­te, ist ge­wis­ser­ma­ßen der grö­ße­re Sün­den­fall: Mit der wir­kungs­mäch­ti­ge­ren Bro­schü­re wur­de klar, dass Wag­ner in die­sem Punkt ein Über­zeu­gungs­tä­ter war.

Das ver­stan­den teil­wei­se auch sei­ne Freun­de und För­de­rer so. Franz Liszt schrieb an sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin, Ca­ro­ly­ne Fürs­tin von Sayn-Witt­gen­stein: „Wag­ner pu­bli­ziert in Bro­schü­ren­form sei­nen al­ten Ar­ti­kel über das He­brä­er­tum, Das Ju­den­t­hum in der Mu­sik. Weit da­von ent­fernt, sei­nen Feh­ler ein­zu­ge­ste­hen, ver­schlim­mert er ihn durch ei­nen Vor­spruch und ein Nach­wort, die an Ma­dame Ka­l­er­gis adres­siert sind.“ Und der mit Wag­ner be­freun­de­te Di­ri­gent Hein­rich Es­ser ließ Wag­ners Ver­le­ger Franz Schott wis­sen: „Ich be­grei­fe nicht, wie Wag­ner ei­nen sol­chen Wahn­sinn be­ge­hen konn­te, eine vor vie­len Jah­ren be­gan­ge­ne und seit­her in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­ne Dumm­heit wie­der auf­zu­wär­men und sich neu­er­dings un­sterb­lich zu bla­mie­ren.“

Über Wag­ners Ju­den­hass ist in den letz­ten Jahr­zehn­ten ei­ni­ges pu­bli­ziert wor­den. Für mich her­aus­ra­gend sind zwei Bü­cher von Jens Mal­te Fi­scher: sein im Jah­re 2000 erst­mals pu­bli­zier­tes In­sel-Ta­schen­buch Ri­chard Wag­ners „Das Ju­den­tum in der Mu­sik“ (380 S., nur noch an­ti­qua­risch zu ha­ben, 2015 ak­tua­li­siert wie­der auf­ge­legt als Band 15 der Rei­he „Wag­ner in der Dis­kus­si­on“ bei Kö­nigs­hau­sen & Neu­mann, 286 S., 38 € ) und – in kür­ze­rer Form und kom­bi­niert mit an­de­ren The­men – der 2013  er­schie­ne­ne Es­say­band „Ri­chard Wag­ner und sei­ne Wir­kung“ aus dem Zsol­nay Ver­lag (320 S., 19,95 €).

Für alle Ein­stei­ger in das The­ma ist die­ses Buch ide­al, schon ein­fach des­halb, weil der Au­tor es schafft, selbst die schlimms­ten Satz-Un­ge­tü­me – und in Wag­ners theo­re­ti­schen Schrif­ten ist da­von lei­der kein Man­gel – gut les­bar auf ih­ren Kern zu re­du­zie­ren. Fi­scher do­ziert nicht, be­lehrt nicht, ideo­lo­gi­siert und po­le­mi­siert nicht. Son­dern of­fe­riert ein reich­hal­ti­ges Ma­te­ri­al, über das sich je­der sein ei­ge­nes Bild ma­chen kann und darf, an­ge­feu­ert durch sei­ne Zu­spit­zun­gen, die eine, sei­ne kla­re Hal­tung spie­geln.

Und die fußt, wie die Wid­mung sei­ner Do­ku­men­ta­ti­on zur Ju­den­tum-Bro­schü­re von 2000 an den 2012 vesrtor­be­nen Me­di­ävis­ten und Wag­ner­ken­ner Pe­ter Wapnew­ski zeigt, dar­auf, „dass man sich in­ten­siv mit Wag­ner be­schäf­ti­gen kann, ohne durch Lie­be blind oder durch Hass taub zu wer­den.“ Des­halb wird Jens Mal­te Fi­scher auch nicht müde, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass es nur eine Wunsch­vor­stel­lung sein kann, zu glau­ben, dass Wag­ners An­ti­se­mi­tis­mus sich nicht auch in des­sen Mu­sik nie­der­schlägt.

„Die un­gläu­bi­ge und oft ag­gres­si­ve Ab­wehr des heu­ti­gen Wag­ner-Pu­bli­kums ge­gen­über Hin­wei­sen, dass etwa in Fi­gu­ren wie Mime und Beck­mes­ser die an­ti­jü­di­schen Res­sen­ti­ments ih­res Schöp­fers er­kenn­bar sind“, schreibt er, „be­ruht vor al­lem dar­auf, dass die in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts selbst­ver­ständ­li­che Im­prä­gnie­rung mit dem kul­tu­rel­len Code des An­ti­se­mi­tis­mus (in ganz ver­schie­de­nen In­ten­si­täts­gra­den) an­ge­sichts des­sen, was im 20. Jahr­hun­dert ge­schah, nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist.“ Er lie­fert auch zu Marc Wei­ners um­strit­te­ner The­se, wo­nach heu­ti­ge Zeit­ge­nos­sen an­ti­se­mi­ti­sche An­spie­lun­gen in be­stimm­ten Wag­ner­fi­gu­ren und in der Mu­sik gar nicht mehr hö­ren und se­hen kön­nen, Be­le­ge und neue Ge­dan­ken­an­sät­ze und schließt mit der For­de­rung, dass „die­ses au­ßer­or­dent­lich schwie­ri­ge, aber auch dank­ba­re und not­wen­di­ge The­ma“ noch ein­mal gründ­lich und grund­sätz­lich auf­ge­grif­fen wer­den muss.

Fi­scher ge­hört nicht zu je­nen, die Wag­ner in di­rek­ter Li­nie für Hit­ler ver­ant­wort­lich ma­chen wol­len. „Ich wei­se aber dar­auf hin“, schreibt er, „dass auch und ge­ra­de ein Künst­ler vom Ran­ge Ri­chard Wag­ners, der sich für al­les zu­stän­dig fühl­te und zu al­lem sich au­to­ri­ta­tiv ge­äu­ßert hat, weit über sein ei­gent­li­ches Ge­biet hin­aus, nicht ent­bun­den wer­den kann von der Mit­ver­ant­wor­tung da­für, was mit sei­nen pro­non­cier­ten Äu­ße­run­gen von der Nach­welt ge­tan wird.“

Das mag zwar auch kei­ner hö­ren, aber es ist nichts­des­to­we­ni­ger rich­tig. „Das Pro­blem ist“, so Fi­scher, „dass Wag­ner-In­ter­pre­ten, Re­gis­seu­re wie Di­ri­gen­ten vor al­lem, Wis­sen­schaft­ler, aber auch ‚simp­le‘ Wag­ner-Lieb­ha­ber es zwar aus­hal­ten, zur Kennt­nis zu neh­men, dass ihr He­ros an­ti­se­mi­ti­sche An­sich­ten von ei­ni­ger Ra­di­ka­li­tät ge­äu­ßert hat. Sie wol­len aber nicht an­er­ken­nen, dass die­se sei­ne An­sich­ten Spu­ren in sei­nem Büh­nen- und kom­po­si­to­ri­schen Werk hin­ter­las­sen ha­ben, weil sie dann ja vor der Al­ter­na­ti­ve stün­den, ent­we­der ih­rer Lie­be zu die­sem Werk ab­zu­sa­gen oder die­se auf­recht­zu­er­hal­ten in vol­lem Be­wusst­sein die­ses Sach­ver­hal­tes.“

Am 5. März 1869 no­tiert Co­si­ma: „Von der Post bringt R. die ers­ten Ex­em­pla­re der Ju­den-Bro­schü­re mit“, am 10. März mel­det sich brief­lich ihr da­ma­li­ger Noch-Gat­te Hans von Bü­low und „ist von der Bro­schü­re sehr ent­zückt.“ Am 16. März bringt R. „ei­nen Brief von Mme Vi­ar­dot her­auf – über die Ju­den-Bro­schü­re! Ja die­ser Un­sinn oder die­ser tie­fe Sinn. Sie ist Jü­din, das ist nun klar.“ Am 17. kommt noch ein Brief der be­rühm­ten Sän­ge­rin, und der Leip­zi­ger Ver­le­ger Jo­hann Ja­cob We­ber schickt die ers­ten Re­zen­sio­nen: „Al­les schäumt, tobt, ver­höhnt. Abends Dik­tat.“

Ak­tua­li­sier­te Ver­si­on der Erst­ver­öf­fent­li­chung von 2013 auf www​.in​fran​ken​.de in dem Blog „Mein Wag­ner-Jahr“

Ähnliche Beiträge