Tagebuch-Adventskalender (17)

Wir be­glei­ten Co­si­ma Wag­ner mit­samt ih­rem R. und der gan­zen Patch­work­fa­mi­lie durch den De­zem­ber vor 140 Jahren.

Kriegs­aus­ga­be von Ri­chard Wag­ners „Eine Pil­ger­fahrt zu Beet­ho­ven“ aus dem Jahr 1944 mit ei­nem pfif­fi­gen Cover.

Frei­tag 17ten [De­zem­ber 1880] R. hat­te eine bes­se­re Nacht, stand nur ein Mal auf, doch me­di­zi­niert er, und das greift ihn an. Beim Früh­stück ge­denkt er sei­ner In­stru­men­ta­ti­on und sagt, er habe sich in den Wir­kun­gen nie ge­täuscht, et­was über­la­den habe er frü­her die Be­glei­tung der Sän­ger, aber er habe sich nie in den In­stru­men­ten ge­irrt. Wir ge­hen am Nach­mit­tag wie­der im Hof­gar­ten spa­zie­ren, und R. spricht mir von sei­nem Wunsch, in den Evan­ge­li­en ganz klar zu se­hen, was ächt und was ein­ge­scho­ben wäre, „förm­lich mit Far­ben an­ge­ge­ben, das eine rot, das an­de­re schwarz“. – – Er habe neu­lich in Bha­ga­vad-gita[1] hin­ein­ge­schaut, und da sei er er­schreckt ge­we­sen über den Wust von Zu­sät­zen; wer da das Ur­sprüng­li­che ei­nem zeig­te! – – Er ar­bei­tet an sei­ner Par­ti­tur, klagt aber über Zer­streut­heit. Abends nimmt er Freund Wolz.[2] in ernst­lich-vä­ter­lich er­mah­nen­der Wei­se we­gen des Ve­ge­ta­ria­nis­mus vor, die­ser hört zu – ob es nützt? Freund Rub.[3] spielt uns den ame­ri­ka­ni­schen Marsch sehr schön und zu uns­rer al­ler Freu­de, auch R.’s. – – – Wir ge­den­ken Beethovens’s Ge­burts­tag[4], und ich lese Er­in­ne­run­gen ei­nes Herrn Lou­is Schlös­ser[5] an ihn, die, an die No­vel­le von R.[6] ge­mah­nend, uns trotz man­chem Ver­wun­der­li­chen sehr fes­seln. – R. sagt, wie wir es mit Be­wun­de­rung er­wäh­nen, daß Beeth. zu dem jun­gen Mann ging: „Es hat ihn un­end­lich ge­freut, daß der ihm die Sub­skrip­ti­on des Her­zogs brach­te, die Men­schen brin­gen ei­nem im­mer Un­nüt­zes, das war mal was. So sind wir.“ – Wie wir uns zum ers­ten Ab­schied um­ar­men, singt R. das Ju­bel-The­ma des Wie­der­se­hens von Tris­tan & Isol­de und sagt dann: „Das ist zwar nicht Freu­de über Be­stehen und er­foch­te­ne Sie­ge, es ist doch Freu­de.“ – „Eher Freu­de über ein Un­ter­lie­gen“, – mei­ne ich[7].

Fuß­no­ten
[1] Bha­ga­vad­gí­tá, Sans­krit, Des Er­ha­be­nen Sang, das be­rühm­tes­te re­li­gi­ös-phi­lo­so­phi­sche Dicht­werk der In­der, im 6. Buch des Maháb­há­ra­ta, in Eu­ro­pa durch die engl. Über­set­zung von Charles Wil­kins, 1785, be­kannt; la­tein. von Au­gust Wil­helm von Schle­gel, 1823; dt. in der von Co­si­ma be­nutz­ten Schreib­wei­se des Ti­tels von R. Box­ber­ger, Ber­lin 1870.
[2] Wolzo­gen, Hans Paul Frei­herr von (1848–1938), Mu­sik­schrift­stel­ler, Re­dak­teur und Her­aus­ge­ber der Bay­reu­ther Blät­ter, die er von de­ren Grün­dung 1878 bis zu sei­nem Tod re­di­gier­te und zu­neh­mend an­ti­se­mi­tisch, deutsch-völ­kisch und schließ­lich na­tio­nal­so­zia­lis­tisch ausrichtete.
[3] Ru­bin­stein, Jo­seph (1847–1884), aus Russ­land stam­men­der jü­di­scher Pia­nist und glü­hen­der Wag­ne­ria­ner, der u.a. als Hau­spia­nist in Wahn­fried wirk­te; mehr In­fos in Fuß­no­te 5 im Ta­ge­buch-Ad­vents­ka­len­der vom 16.Dezember.
[4] Beet­ho­ven, Lud­wig van (1770–1827), Kom­po­nist, wur­de am 17. De­zem­ber 1770 in Bonn getauft.
[5] Schlös­ser, Lou­is, (1800–1886), Ka­pell­meis­ter, Kom­po­nist und Mu­sik­kri­ti­ker, schrieb Er­in­ne­run­gen an Beet­ho­ven in der All­ge­mei­nen Mu­sik­zei­tung.
[6] Mehr über RWs No­vel­le Eine Pil­ger­fahrt zu Beet­ho­ven (1840) so­wie Aus­zü­ge aus die­sem Text fin­den Sie hier.
[7] Was mag Co­si­ma da wohl mei­nen? Mit dem ab­sichts­voll ge­setz­ten Ge­dan­ken­strich ist das plötz­lich ein wei­tes Feld …

Aus: Co­si­ma Wag­ner, Die Ta­ge­bü­cher, Band 2, Pi­per Ver­lag Mün­chen 1977, hier mit er­wei­ter­ten und zu­sätz­li­chen Fuß­no­ten aus un­ter­schied­li­chen Quellen.

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