Cosima Wagner blieb nach Wagners Tod zunächst mehr als einen Tag lang bei der Leiche ihres Mannes. Bereits 1883 wurde das ärtzliche Bulletin sogar in Buchform veröffentlicht.

Richard Wagner starb nach einer Herzattacke. Er litt, wie sein venezianischer Hausarzt Dr. Friedrich Keppler feststellte, „an einer weit fortgeschrittenen Herzerweiterung, speziell Erweiterung der rechten Herzkammer mit consecutiver fettiger Degeneration des Herzfleisches. Außerdem war er mit einer ziemlich ausgedehnten Magenerweiterung und einer rechtsseitigen inneren Leistenhernie behaftet. Letztere war besonders schwer zurückzuhalten und außerdem lange Zeit durch ein möglichst unpassendes Bruchband malträtirt worden, so dass der erste Rath, den ich ihm überhaupt ertheilte, in der Verordnung eines passenden Bruchbandes bestand.“
Eine ärztliche Schweigepflicht scheint es im 19. Jahrhundert nicht gegeben zu haben. Denn Keppler teilte im März 1883 alle Details ohne Umschweife und schriftlich auch jener Henriette Perl (1845–1915) mit, die das alles unter dem Psyeudonym Henry Perl noch im selben Jahr in ihrem Wagner-Büchlein veröffentlichte. „Die Leiden“, so zitiert Perl den Arzt, „von denen Richard Wagner in den letzten Monaten seines Lebens heimgesucht war, bestanden nun zunächst in Störungen, die vom Magen und Darm ausgingen, vor allem in hochgradigem Motorismus, hiezu gesellten sich dann, aber immer erst secundär sowohl durch direkte mechanische Beengung des Brustraumes in Folge der massenhaften Gasentwicklung in Magen und Gedärmen, als durch Reflex von den Magen- auf die Herznerven, qualvolle Störungen in der Herzaction, welche schließlich durch Ruptur der rechten Herzkammer die Katastrophe herbeiführten.“
Die zunehmend heftigen Herzkrämpfe Wagners dürften, wie Keppler erkannte, neben den physischen auch psychische Auslöser gehabt haben:
Dass die zahllosen psychischen Aufregungen, welchen Wagner durch seine eigenthümliche Geistesanlage und Geistesrichtung, durch seine scharf pronocirte Stellung zu einer Reihe brennender Fragen in Kunst, Wissenschaft und Politik, durch seine merkwürdige gesellschaftliche Position, alltäglich ausgesetzt war, viel zur Beschleunigung des unglücklichen Endes beigetragen haben, ist selbstverständlich. Der Anfall selbst, der dem Leben des Meisters ein so jähres Ende setzte, muss eine ähnliche Veranlassung gehabt haben, doch kann ich mich auf diesbezügliche Vermuthungen nicht einlassen.
Und Keppler wies schließlich daraufhin, dass Wagner nicht nur regelmäßig seine alkoholischen Diätfehler beging. Sondern er nahm offenbar reichlich wahllos Medikamente – ähnlich wie seine erste Frau Minna, die zu lange und zu viel Laudanum, das Valium des 19. Jahrhunderts, geschluckt hatte und vermutlich auch deshalb schon mit 56 Jahren starb. „Die ärztliche Behandlung, die ich Wagner angerathen hatte, bestand in Massage des Unterleibes und Application eines passenden Bruchbandes, arzneiliche Behandlung vermied ich soviel als nur möglich, da Wagner die üble Gewohnheit hatte, viele und starke Arzneimittel, welche ihm von verschiedenen Aerzten, die er schon früher consultirt hatte, verordnet worden waren, oft in großen Mengen durcheinander einzunehmen.“

Zurück zum 14. Februar 1883: Im Palazzo Vendramin in Venedig bleibt Cosima Wagner mehr als vierundzwanzig Stunden an der Seite ihres gestorbenen Mannes. Henriette Perl malt die ihr zugetragenen Bilder von Cosimas Abschiednehmen mit viel Pathos weiter aus:
Erst kniend zu seinen Füßen, dann neben ihm, in seinem Prunkbett im Arbeitszimmer, das Auge starr auf ihn gerichtet, mit ihrem Odem sein todeskaltes Antlitz, seine Hände wärmend, (…) für jeden Eindruck der Außenwelt stumpf und unzugänglich, für jedes Wort, und kam es selbst von den Lippen der Kinder, empfindungslos, so lag sie neben dem erstarrten Leichnam (…) – immer leise ihm zuflüsternd, was ihre Liebe, die unsäglich tiefe Empfindung, welche sie für ihn gefühlt, ihr in der Stunde des Scheidens eingeben konnte. Nicht allein sollte er die erste Nacht im Reiche des Todes zubringen, nicht allein – sie wollte über ihn wachen, solange man ihr seine irdische Hülle noch nicht entrissen, in das geliebte Antlitz blicken, solange sie noch dieses Anblickes theilhaftig werden konnte. Die Anderen würden den traurigen Pflichten nachkommen, sie war dessen nicht fähig.
Erst am Nachmittag des 14. Februar konnte Dr. Keppler die Gelegenheit nutzen, Cosima wegzutragen, „sie den Armen des Todten zu entreißen und ihr einige Tropfen stärkenden Weines einzuträufeln.“ Cosima wurde in Danielas Bett gelegt. „Mama“, zitiert Oliver Hilmes in seiner Cosima-Biographie „Herrin des Hügels“ die Tochter, „war diesen Abend sehr still, sie lächelte uns immer unheimlich an, wenn wir bei ihr eintraten, sprach einige zärtliche Worte mit uns – und schien nur in fieberhafter Rufe dem Tage und ihrem Wiederbegegnen mit der Leiche entgegenzusehen.“
Wie immer beschreibt und reflektiert Cosima-Biographin Sabine Zurmühl das Geschehen differenzierter. „Sie kniet bei Wagner, legt sich neben ihn, küsst ihn und bleibt bei ihm die ganze Nacht.“ Und weiter:
All dies wurde von einer großen Entourage aus Kindern, Freunden, Personal beobachtet, beschrieben, weitergetragen und damit jeder Intimität beraubt. Sie waren ein öffentliches Paar gewesen, und so nahm sich die Öffentlichkeit weiter das Recht, die Trauer Cosimas minutiös zu beschreiben und oft als übertrieben zu bewerten. Dabei ist es nicht mehr als die heftige Trauer am Ende einer heftigen Liebe. Cosima lässt sich ihr Haar abschneiden, ein altes Ritual der Totenklage, eine sehr persönliche Mitgabe ins Grab. Cosimas Haar war gelobt worden als besonders, sehr lang, aufwendig gehalten. Wagner liebte es und natürlich war es als Frauenhaar ein erotisches Signal, das nun nicht mehr gelten sollte und also Wagner mit ins Grab gegeben wurde. Mit dem Abschied vom langen Haar ist auch der Abschied von der Jugend vollzogen, in dieser Situation für Cosima der Abschied vom Mann und der leiblichen Beziehung. Cosima ist 45 Jahre alt.
„Inzwischen war allen denen“, schreibt Carl Friedrich Glasenapp in seiner Wagner-Biographie, „die ihre Reise nach dem Orte der Trauer angekündigt, energisch abbestellt: sie sollten nicht kommen, weder Liszt, noch der junge Graf Gravina, bloß die beiden Groß, Mann und Frau, von Bayreuth.“ Die beiden Groß sind das Ehepaar Marie und Adolf von Groß, letzterer der Bayreuther Bankier und Festspielfinanzverwalter, der wenig später zum Vormund der Kinder und zum Generalbevollmächtigten der Wagnerfamilie bestellt wird. Glasenapp schreibt:
Die Dienerschaft war mit Packen beschäftigt, Konsul, Bankier, Fremde und Freunde kamen und gingen, viel Fragen, viel Rennen, schwer zu ertragen. Nachmittags erschienen wiederum die Freunde Fürstin Hatzfeldt und der Maler Passini, letzterer, um mit allen Kräften es durchzusetzen, dass der Bildhauer Benvenuti dazu gelange, die Totenmaske in Gips abzunehmen. Hierfür war ein großer Widerstand zu überwinden, da Frau Wagner es nicht wünschte; am Ende kam es doch dazu, nachdem zuvor Dr. Keppler mit Hilfe seines Assistenten den Leichnam in Siegfrieds Zimmer getragen und die Einbalsamierung vorbereitet hatte.

Noch am 13. Februar war die telegraphische Meldung von Wagners Tod in die Welt gegangen. Viele Zeitungen bringen die Nachricht in großer Aufmachung auf ihrer Titelseite, mit dem Hinweis auf weitere ausführliche Nachrufe. Hunderte Telegramme und Beleidsschreiben treffen im Palazzo Vendramin ein. Auf der Landseite des Palazzos versammeln sich viele Menschen, auf dem Canal Grande eine Vielzahl von Gondeln. Und in Bayreuth informiert Bürgermeister Theodor Muncker den Magistrat und schlägt vor, eine Kommission für die Trauerfeier zu bilden.
Dass nicht nur jene betroffen waren, die zu Wagners Anhängern, Bewunderern und Freunden zählten, dürfte die Reaktion Giuseppe Verdis belegen. Er schreibt am 14. Februar 1883 an seinen Verleger Giulio Ricordi: „Traurig traurig traurig! Wagner ist tot! Als ich gestern die Depesche las, war ich darüber, ich möchte sagen, bestürzt! Reden wir nicht davon. Eine große Persönlichkeit ist dahingegangen.“ (Fortsetzung folgt)

Henry Perl, Richard Wagner in Venedig. Mosaikbilder aus seinen letzten Lebenstagen, Augsburg 1883.
Siegfried Wagner, Erinnerungen, Stuttgart 1923.
Sabine Zurmühl, Cosima Wagner. Ein widersprüchliches Leben, Wien 2022.
Erstveröffentlichung einer kürzeren Version im Blog „Mein Wagner-Jahr“ auf infranken.de
