Wagners Tod in Venedig (Teil 2)

Co­si­ma Wag­ner blieb nach Wag­ners Tod zu­nächst mehr als ei­nen Tag lang bei der Lei­che ih­res Man­nes. Be­reits 1883 wur­de das ärtzli­che Bul­le­tin so­gar in Buch­form veröffentlicht.

Von 18. Sep­tem­ber 1882 bis zu sei­nem Tod be­wohn­te Wag­ner mit sei­ner Fa­mi­lie ein Zwi­schen­ge­schoss mit Sei­ten­trakt im Pa­laz­zo Ven­dra­ma­min, dem heu­ti­gen Ca­si­no von Ve­ne­dig. – Fo­tos: Mo­ni­ka Beer

Ri­chard Wag­ner starb nach ei­ner Herz­at­ta­cke. Er litt, wie sein ve­ne­zia­ni­scher Haus­arzt Dr. Fried­rich Kepp­ler fest­stell­te, „an ei­ner weit fort­ge­schrit­te­nen Herz­er­wei­te­rung, spe­zi­ell Er­wei­te­rung der rech­ten Herz­kam­mer mit con­se­cu­ti­ver fet­ti­ger De­ge­ne­ra­ti­on des Herz­flei­sches. Au­ßer­dem war er mit ei­ner ziem­lich aus­ge­dehn­ten Ma­gen­er­wei­te­rung und ei­ner rechts­sei­ti­gen in­ne­ren Leis­ten­her­nie be­haf­tet. Letz­te­re war be­son­ders schwer zu­rück­zu­hal­ten und au­ßer­dem lan­ge Zeit durch ein mög­lichst un­pas­sen­des Bruch­band mal­trä­tirt wor­den, so dass der ers­te Rath, den ich ihm über­haupt ert­heil­te, in der Ver­ord­nung ei­nes pas­sen­den Bruch­ban­des bestand.“

Eine ärzt­li­che Schwei­ge­pflicht scheint es im 19. Jahr­hun­dert nicht ge­ge­ben zu ha­ben. Denn Kepp­ler teil­te im März 1883 alle De­tails ohne Um­schwei­fe und schrift­lich auch je­ner Hen­ri­et­te Perl (1845–1915) mit, die das al­les un­ter dem Psy­eud­onym Hen­ry Perl noch im sel­ben Jahr in ih­rem Wag­ner-Büch­lein ver­öf­fent­lich­te. „Die Lei­den“, so zi­tiert Perl den Arzt, „von de­nen Ri­chard Wag­ner in den letz­ten Mo­na­ten sei­nes Le­bens heim­ge­sucht war, be­stan­den nun zu­nächst in Stö­run­gen, die vom Ma­gen und Darm aus­gin­gen, vor al­lem in hoch­gra­di­gem Mo­to­ris­mus, hie­zu ge­sell­ten sich dann, aber im­mer erst se­cun­där so­wohl durch di­rek­te me­cha­ni­sche Be­en­gung des Brust­rau­mes in Fol­ge der mas­sen­haf­ten Gas­ent­wick­lung in Ma­gen und Ge­där­men, als durch Re­flex von den Ma­gen- auf die Herz­ner­ven, qual­vol­le Stö­run­gen in der Her­zac­tion, wel­che schließ­lich durch Rup­tur der rech­ten Herz­kam­mer die Ka­ta­stro­phe herbeiführten.“

Die zu­neh­mend hef­ti­gen Herz­krämp­fe Wag­ners dürf­ten, wie Kepp­ler er­kann­te,  ne­ben den phy­si­schen auch psy­chi­sche Aus­lö­ser ge­habt haben:
Dass die zahl­lo­sen psy­chi­schen Auf­re­gun­gen, wel­chen Wag­ner durch sei­ne ei­gent­hüm­li­che Geis­tes­an­la­ge und Geis­tes­rich­tung, durch sei­ne scharf pro­no­cir­te Stel­lung zu ei­ner Rei­he bren­nen­der Fra­gen in Kunst, Wis­sen­schaft und Po­li­tik, durch sei­ne merk­wür­di­ge ge­sell­schaft­li­che Po­si­ti­on, all­täg­lich aus­ge­setzt war, viel zur Be­schleu­ni­gung des un­glück­li­chen En­des bei­getra­gen ha­ben, ist selbst­ver­ständ­lich. Der An­fall selbst, der dem Le­ben des Meis­ters ein so jäh­res Ende setz­te, muss eine ähn­li­che Ver­an­las­sung ge­habt ha­ben, doch kann ich mich auf dies­be­züg­li­che Ver­mut­hun­gen nicht einlassen.

Und Kepp­ler wies schließ­lich dar­auf­hin, dass Wag­ner nicht nur re­gel­mä­ßig sei­ne al­ko­ho­li­schen Di­ät­feh­ler be­ging. Son­dern er nahm of­fen­bar reich­lich wahl­los Me­di­ka­men­te – ähn­lich wie sei­ne ers­te Frau Min­na, die zu lan­ge und zu viel Lau­da­num, das Va­li­um des 19. Jahr­hun­derts, ge­schluckt hat­te und ver­mut­lich auch des­halb schon mit 56 Jah­ren starb. „Die ärzt­li­che Be­hand­lung, die ich Wag­ner an­ge­ra­then hat­te, be­stand in Mas­sa­ge des Un­ter­lei­bes und Ap­pli­ca­ti­on ei­nes pas­sen­den Bruch­ban­des, arz­nei­li­che Be­hand­lung ver­mied ich so­viel als nur mög­lich, da Wag­ner die üble Ge­wohn­heit hat­te, vie­le und star­ke Arz­nei­mit­tel, wel­che ihm von ver­schie­de­nen Aerz­ten, die er schon frü­her con­sul­tirt hat­te, ver­ord­net wor­den wa­ren, oft in gro­ßen Men­gen durch­ein­an­der einzunehmen.“

Nächt­li­cher Blick auf je­nen Teil im Mez­za­nin des Pa­laz­zo Ven­d­ra­min, den Wag­ner be­wohn­te. Foto: Mo­ni­ka Beer

Zu­rück zum 14. Fe­bru­ar 1883: Im Pa­laz­zo Ven­d­ra­min in Ve­ne­dig bleibt Co­si­ma Wag­ner mehr als vier­und­zwan­zig Stun­den an der Sei­te ih­res ge­stor­be­nen Man­nes. Hen­ri­et­te Perl malt die ihr zu­ge­tra­ge­nen Bil­der von Co­si­mas Ab­schied­neh­men mit viel Pa­thos wei­ter aus:
Erst kniend zu sei­nen Fü­ßen, dann ne­ben ihm, in sei­nem Prunk­bett im Ar­beits­zim­mer, das Auge starr auf ihn ge­rich­tet, mit ih­rem Odem sein to­des­kal­tes Ant­litz, sei­ne Hän­de wär­mend, (…) für je­den Ein­druck der Au­ßen­welt stumpf und un­zu­gäng­lich, für je­des Wort, und kam es selbst von den Lip­pen der Kin­der, emp­fin­dungs­los, so lag sie ne­ben dem er­starr­ten Leich­nam (…) – im­mer lei­se ihm zu­flüs­ternd, was ihre Lie­be, die un­säg­lich tie­fe Emp­fin­dung, wel­che sie für ihn ge­fühlt, ihr in der Stun­de des Schei­dens ein­ge­ben konn­te. Nicht al­lein soll­te er die ers­te Nacht im Rei­che des To­des zu­brin­gen, nicht al­lein – sie woll­te über ihn wa­chen, so­lan­ge man ihr sei­ne ir­di­sche Hül­le noch nicht ent­ris­sen, in das ge­lieb­te Ant­litz bli­cken, so­lan­ge sie noch die­ses An­bli­ckes theil­haf­tig wer­den konn­te. Die An­de­ren wür­den den trau­ri­gen Pflich­ten nach­kom­men, sie war des­sen nicht fähig.

Erst am Nach­mit­tag des 14. Fe­bru­ar konn­te Dr. Kepp­ler die Ge­le­gen­heit nut­zen, Co­si­ma weg­zu­tra­gen, „sie den Ar­men des Tod­ten zu ent­rei­ßen und ihr ei­ni­ge Trop­fen stär­ken­den Wei­nes ein­zu­träu­feln.“ Co­si­ma wur­de in Da­nie­las Bett ge­legt. „Mama“, zi­tiert Oli­ver Hil­mes in sei­ner Co­si­ma-Bio­gra­phie „Her­rin des Hü­gels“ die Toch­ter, „war die­sen Abend sehr still, sie lä­chel­te uns im­mer un­heim­lich an, wenn wir bei ihr ein­tra­ten, sprach ei­ni­ge zärt­li­che Wor­te mit uns – und schien nur in fie­ber­haf­ter Rufe dem Tage und ih­rem Wie­der­be­geg­nen mit der Lei­che entgegenzusehen.“

Wie im­mer be­schreibt und re­flek­tiert Co­si­ma-Bio­gra­phin Sa­bi­ne Zur­mühl das Ge­sche­hen dif­fe­ren­zier­ter. „Sie kniet bei Wag­ner, legt sich ne­ben ihn, küsst ihn und bleibt bei ihm die gan­ze Nacht.“ Und weiter:
All dies wur­de von ei­ner gro­ßen En­tou­ra­ge aus Kin­dern, Freun­den, Per­so­nal be­ob­ach­tet, be­schrie­ben, wei­ter­ge­tra­gen und da­mit je­der In­ti­mi­tät be­raubt. Sie wa­ren ein öf­fent­li­ches Paar ge­we­sen, und so nahm sich die Öf­fent­lich­keit wei­ter das Recht, die Trau­er Co­si­mas mi­nu­ti­ös zu be­schrei­ben und oft als über­trie­ben zu be­wer­ten. Da­bei ist es nicht mehr als die hef­ti­ge Trau­er am Ende ei­ner hef­ti­gen Lie­be. Co­si­ma lässt sich ihr Haar ab­schnei­den, ein al­tes Ri­tu­al der To­ten­kla­ge, eine sehr per­sön­li­che Mit­ga­be ins Grab. Co­si­mas Haar war ge­lobt wor­den als be­son­ders, sehr lang, auf­wen­dig ge­hal­ten. Wag­ner lieb­te es und na­tür­lich war es als Frau­en­haar ein ero­ti­sches Si­gnal, das nun nicht mehr gel­ten soll­te und also Wag­ner mit ins Grab ge­ge­ben wur­de. Mit dem Ab­schied vom lan­gen Haar ist auch der Ab­schied von der Ju­gend voll­zo­gen, in die­ser Si­tua­ti­on für Co­si­ma der Ab­schied vom Mann und der leib­li­chen Be­zie­hung. Co­si­ma ist 45 Jah­re alt.

„In­zwi­schen war al­len de­nen“, schreibt Carl Fried­rich Gla­sen­app in sei­ner Wag­ner-Bio­gra­phie, „die ihre Rei­se nach dem Orte der Trau­er an­ge­kün­digt, en­er­gisch ab­be­stellt: sie soll­ten nicht kom­men, we­der Liszt, noch der jun­ge Graf Gra­vina, bloß die bei­den Groß, Mann und Frau, von Bay­reuth.“ Die bei­den Groß sind das Ehe­paar Ma­rie und Adolf von Groß, letz­te­rer der Bay­reu­ther Ban­kier und Fest­spiel­fi­nanz­ver­wal­ter, der we­nig spä­ter zum Vor­mund der Kin­der und zum Ge­ne­ral­be­voll­mäch­tig­ten der Wag­ner­fa­mi­lie be­stellt wird. Gla­sen­app schreibt:
Die Die­ner­schaft war mit Pa­cken be­schäf­tigt, Kon­sul, Ban­kier, Frem­de und Freun­de ka­men und gin­gen, viel Fra­gen, viel Ren­nen, schwer zu er­tra­gen. Nach­mit­tags er­schie­nen wie­der­um die Freun­de Fürs­tin Hatz­feldt und der Ma­ler Pas­si­ni, letz­te­rer, um mit al­len Kräf­ten es durch­zu­set­zen, dass der Bild­hau­er Ben­ve­nuti dazu ge­lan­ge, die To­ten­mas­ke in Gips ab­zu­neh­men. Hier­für war ein gro­ßer Wi­der­stand zu über­win­den, da Frau Wag­ner es nicht wünsch­te; am Ende kam es doch dazu, nach­dem zu­vor Dr. Kepp­ler mit Hil­fe sei­nes As­sis­ten­ten den Leich­nam in Sieg­frieds Zim­mer ge­tra­gen und die Ein­bal­sa­mie­rung vor­be­rei­tet hatte.

To­ten­mas­ke Ri­chard Wag­ners, ab­ge­nom­men von Au­gus­to Ben­ve­nuti – Vor­la­ge: Bay­reuth 1983, Rück­blick und Vorschau

Noch am 13. Fe­bru­ar war die te­le­gra­phi­sche Mel­dung von Wag­ners Tod in die Welt ge­gan­gen. Vie­le Zei­tun­gen brin­gen die Nach­richt in gro­ßer Auf­ma­chung auf ih­rer Ti­tel­sei­te, mit dem Hin­weis auf wei­te­re aus­führ­li­che Nach­ru­fe. Hun­der­te Te­le­gram­me und Be­leids­schrei­ben tref­fen im Pa­laz­zo Ven­d­ra­min ein. Auf der Land­sei­te des Pa­laz­zos ver­sam­meln sich vie­le Men­schen, auf dem Ca­nal Gran­de eine Viel­zahl von Gon­deln. Und in Bay­reuth in­for­miert Bür­ger­meis­ter Theo­dor Mun­cker den Ma­gis­trat und schlägt vor, eine Kom­mis­si­on für die Trau­er­fei­er zu bilden.

Dass nicht nur jene be­trof­fen wa­ren, die zu Wag­ners An­hän­gern, Be­wun­de­rern und Freun­den zähl­ten, dürf­te die Re­ak­ti­on Giu­sep­pe Ver­dis be­le­gen. Er schreibt am 14. Fe­bru­ar 1883 an sei­nen Ver­le­ger Giu­lio Ri­cor­di: „Trau­rig trau­rig trau­rig! Wag­ner ist tot! Als ich ges­tern die De­pe­sche las, war ich dar­über, ich möch­te sa­gen, be­stürzt! Re­den wir nicht da­von. Eine gro­ße Per­sön­lich­keit ist da­hin­ge­gan­gen.“ (Fort­set­zung folgt)

„Tris­te Tris­te Tris­te! Va­gner è mor­to!“ Brief­aus­schnitt von Giu­sep­pe Ver­di – Vor­la­ge: Hol­ger Nolt­ze, „Lie­bes­tod. Wag­ner Ver­di Wir“ 
Quel­len
Bay­reuth 1983, Rück­blick und Vor­schau, Jah­res­heft der Bay­reu­ther Fest­spie­le, Bay­reuth 1982.
Carl Fried­rich von Gla­sen­app, Das Le­ben Ri­chard Wag­ners in sechs Bü­chern dar­ge­stellt, Leip­zig 1876–1911.
Oli­ver Hil­mes, Her­rin des Hü­gels, Mün­chen 2007.
Hol­ger Nolt­ze, Lie­bes­tod. Wag­ner Ver­di Wir, Ham­burg 2013.
Hen­ry Perl, Ri­chard Wag­ner in Ve­ne­dig. Mo­sa­ik­bil­der aus sei­nen letz­ten Le­bens­ta­gen, Augs­burg 1883.
Sieg­fried Wag­ner, Er­in­ne­run­gen, Stutt­gart 1923.
Sa­bi­ne Zur­mühl, Co­si­ma Wag­ner. Ein wi­der­sprüch­li­ches Le­ben, Wien 2022.
Erst­ver­öf­fent­li­chung ei­ner kür­ze­ren Ver­si­on im Blog „Mein Wag­ner-Jahr“ auf in​fran​ken​.de