Wagners Tod in Venedig (Teil 3)

Der aus Bay­reuth her­bei­ge­ru­fe­ne Adolf von Groß über­nimmt die Ver­ant­wor­tung für die Kin­der und re­gelt auch al­les wei­te­re, denn Co­si­ma ist in ih­rer Trau­er noch handlungsunfähig.

Hier, in sei­nem Ar­beits­zim­mer, ver­schied am frü­hen Nach­mit­tag des 13. Fe­bru­ar 1883 Ri­chard Wag­ner. Das Foto zeigt ei­nen Zu­stand des Rau­mes vor 1951 – Vor­la­ge: Karl Ip­ser, Ri­chard Wag­ner in Ita­li­en, Salzburg

Der Ma­ler und „Parsifal“-Ausstatter Paul von Jou­kow­sky, der am 12. Fe­bru­ar das letz­te Por­trät des le­sen­den Wag­ner ge­zeich­net hat­te, Co­si­mas äl­tes­te Toch­ter, die in­zwi­schen 22-jäh­ri­ge Da­nie­la von Bülow, und Haus­arzt Dr. Fried­rich Kepp­ler hat­ten nach Wag­ners Tod zu­al­ler­erst Adolf von Groß in Bay­reuth ver­stän­digt, den un­er­müd­li­chen Freund und Hel­fer der Fa­mi­lie in al­len Rechts- und Fi­nanz­fra­gen. Das Te­le­gramm mit der Nach­richt „Meis­ter ver­schie­den, kommt so­fort“ war noch am To­des­tag ge­gen 20 Uhr in Bay­reuth ein­ge­trof­fen. Groß und sei­ne Frau Ma­rie, re­agier­ten so­fort, wie Ri­chard Graf Du Moulin Eck­art ihn in sei­ner zwei­bän­di­gen Co­si­ma-Wag­ner-Bio­gra­phie von 1929/31 zitiert:
Ge­gen elf Uhr Nacht pas­sier­te um die­se Zeit der Ber­lin-Mün­che­ner Zug die Sta­ti­on Neu­en­markt, die mit Fuhr­werk noch zu er­rei­chen war. Wir mach­ten uns rei­se­fer­tig und fuh­ren mit dem ei­ge­nen Ge­span­ne nach Neu­en­markt, wo wir ge­ra­de noch den Schnell­zug be­stei­gen konn­ten. In Mün­chen er­war­te­te uns Herr von Bür­kel, der da­ma­li­ge Hof­se­kre­tär des Kö­nigs, zu ei­ner Rück­spra­che. Ge­gen elf Uhr ging der Schnell­zug nach Ita­li­en wei­ter und ge­gen zwei Uhr mor­gens er­reich­ten wir Ve­ne­dig, wo wir von Herrn Jou­kow­sky und dem Die­ner Lang emp­fan­gen und ins Trau­er­haus Pa­laz­zo Ven­d­ra­min ge­bracht wurden. 
Dort fan­den wir Da­nie­la, die uns so­fort in ein klei­nes Zim­mer führ­te, in dem ihre Mut­ter an­ge­klei­det mit ver­schlos­se­nen Au­gen auf ei­nem Bet­te lag. Wir er­laub­ten uns teil­neh­men­den Be­grü­ßungs­wor­ten Aus­druck zu ge­ben und er­hiel­ten von der Dulde­rin nur als Ant­wort: „Ich über­ge­be Euch die Kin­der“. Auf un­se­re Zu­re­den und Bit­ten er­hiel­ten wir kei­ne Er­wi­de­rung. Wir blie­ben noch eine Wei­le kniend am La­ger und zo­gen uns dann zu­rück, um nach ei­ner kur­zen Ruhe die Über­füh­rung und die Heim­kehr vor­zu­be­rei­ten. Un­zäh­li­ge Te­le­gram­me von über­all her tra­fen ein, auch vie­le Freun­de dar­un­ter, Her­mann Levi, Hans Rich­ter. Nie­mand konn­te die edle Dulde­rin, die welt­ent­rückt ihr La­ger nicht ver­las­sen konn­te, we­der se­hen noch sprechen.

Groß be­stell­te nach sei­nem Ein­tref­fen auf Co­si­mas Wunsch hin bei der Fir­ma Be­schor­ner in Wien ei­nen Sarg mit Glas­de­ckel und re­gel­te al­les, was mit der ge­plan­ten Rück­kehr nach Bay­reuth zu­sam­men­hing. Dr. Kepp­ler be­gann am Nach­mit­tag, den Leich­nam zu kon­ser­vie­ren. Co­si­ma bat der­weil ihre Töch­ter, ihr die lan­gen Haa­re, die sie in der Öf­fent­lich­keit stets auf­ge­steckt und nie of­fen trug, ab­zu­schnei­den. Da­nie­la und Isol­de er­füll­ten die­sen Wunsch und näh­ten die Haa­re in ein Plüsch­säck­chen. Co­si­ma-Bio­graph Oli­ver Hil­mes schreibt:
Am Abend hat­te der Dok­tor die Bal­sa­mie­rungs­ar­bei­ten be­en­det. Da die ver­wen­de­ten Che­mi­ka­li­en hoch­gra­dig gif­tig wa­ren, durf­te Co­si­ma nur für zwei Mi­nu­ten zu ih­rem ver­stor­be­nen Mann. Sie leg­te ihm das Plüsch­säck­chen mit ih­ren Haa­ren auf die Brust und knie­te zu sei­nen Fü­ßen nie­der. Nach Ab­lauf der Zeit mahn­te Kepp­ler, den Raum zu ver­las­sen – ohne Er­folg. Es ver­gin­gen wei­te­re sechs Mi­nu­ten, in de­nen Co­si­ma nicht von Wag­ners Sei­te wich, erst als Adolf von Groß sie an­fleh­te, folg­te sie ihm in ein an­de­res Zim­mer. Dr. Kepp­ler ver­schloss si­cher­heits­hal­ber die bei­den gro­ßen Tü­ren, über­sah al­ler­dings eine drit­te, durch die Co­si­ma wie­der zu der Lei­che schlich. Die Auf­re­gung war groß, als die Kin­der fest­stell­ten, dass Co­si­ma nicht mehr in ih­rem Zim­mer war. Nach ei­ner gan­zen Wei­le fan­den sie die Mut­ter wie­der ne­ben dem to­ten Wag­ner liegend.

Schon tags zu­vor hat­te die Stadt Ve­ne­dig ei­nen De­pu­tier­ten mit dem of­fi­zi­el­len Kon­do­lenz­schrei­ben ge­schickt und mit­ge­teilt, dass sie Wag­ner eine wür­di­ge Trau­er­fei­er aus­rich­ten wol­le. Co­si­ma ließ ih­ren Dank aus­rich­ten – und den Wunsch, dass sie ih­ren to­ten Ge­mahl in al­ler Stil­le fort­brin­gen wol­le. „Krän­ze der präch­tigs­ten Art wur­den ab­ge­ge­ben“, be­rich­tet Hen­ri­et­te Perl zu Wag­ners letz­tem Ve­ne­dig-Auf­ent­halt, „dar­un­ter der Eh­ren­kranz des Kö­nigs von Bay­ern und ein schwarz-gol­de­ner vom Kö­ni­ge von Ita­li­en; fer­ner ein rei­cher Kranz vom Cir­co­lo ar­tis­ti­co, mit der In­schrift „Ve­ne­zia a Ric­car­do Wag­ner“. Zahl­lo­se Blu­men­spen­den von an­de­ren Ver­ei­nen und Pri­vat­per­so­nen gin­gen ein, dar­un­ter Krän­ze von der Fürs­tin Hatz­feld und de­ren Töch­ter. Erst­ge­nann­te Dame und Hans Rich­ter aus Wien wa­ren von Frem­den die ein­zi­gen Per­so­nen, wel­che den Meis­ter im Tode schau­en durften.“

Von über­all her wa­ren in­zwi­schen auch Kor­re­spon­den­ten und Be­richt­erstat­ter in Ve­ne­dig ein­ge­trof­fen und brach­ten in den ge­räu­mi­gen Hal­len des Pa­laz­zo Ven­d­ra­min has­tig al­les zu Pa­pier, was sie sa­hen und hör­ten. „Bis zu dem Tod­ten“ so Perl, „drang je­doch Nie­mand, noch hat Je­mand die Räu­me also ge­se­hen, wie die­ser zur Zeit, als der Meis­ter die­sel­ben be­wohn­te, ge­we­sen sind.“ Was schon des­halb so war, weil Wag­ners Vor­lie­be für lu­xu­riö­se Aus­stat­tung, für Bro­kat, Samt und Sei­de in sei­nem Ar­beits­zim­mer, mög­lichst kei­nem Au­ßen­ste­hen­den be­kannt wer­den soll­te. Was Perl je­doch nicht da­von ab­hielt, ge­nau die­sen Raum be­son­ders aus­führ­lich zu be­schrei­ben, nach­dem sie an an­de­rer Stel­le vor­her fest­ge­stellt hat­te: „Stets war es Frau Co­si­ma, die emp­fing und Be­su­che er­wi­der­te, wenn es sol­che zu er­wi­dern gab, nie­mals der Meis­ter.“ Und dann in Groß­buch­sta­ben: „Eben­so­we­nig hat Je­mand, so­lan­ge er am Le­ben war, mit Aus­nah­me Frau Cosima’s, sein Ar­beits­zim­mer betreten.“

Die Sze­ne nach der Ein­bal­sa­mie­rung, die üb­ri­gens nach dem „aus­ge­zeich­ne­ten“ Wickerheim’schen Ver­fah­ren vor­ge­nom­men wur­de, liest sich bei Hen­ri­et­te Perl wie folgt:
Nach­dem die Ein­bal­sa­mie­rung voll­zo­gen war und der Meis­ter mit sei­nem schwar­zen Sei­den­flaus an­gethan und das schwar­ze Sammt­ba­rett auf dem Kop­fe in dem kost­ba­ren Sarg lag, sah er wun­der­schön aus. Frau Co­si­ma knie­te in stum­mer Ver­zweif­lung zu Fü­ßen der Bah­re. – Dies war Don­ners­tag den 15. in spä­ter Abend­stun­de – sie hat­te so­eben ihr präch­ti­ges lan­ges blon­des Haar ab­ge­schnit­ten, das Ri­chard Wag­ner so sehr ge­liebt, und das­sel­be in ei­nem ro­then Atlas­pols­ter dem Tod­ten auf die Brust ge­legt, – sie selbst aber bis zur Stun­de we­der Spei­se noch Trank zu sich ge­nom­men, wie sie sich denn über­haupt in ei­nem be­denk­lich erns­ten Zu­stan­de befand.

„Die letz­te Nacht im Ven­d­ra­min-Pa­las­te“, so Perl, „wird al­len je­nen un­ver­gess­lich blei­ben, die sie mit­er­lebt; die gan­ze Fa­mi­lie wach­te zu­sam­men an dem of­fe­nen Sar­ge des Un­er­setz­li­chen und sie alle wur­den nicht müde, sich wie­der und im­mer wie­der die Züge des Ver­bli­che­nen ein­zu­prä­gen, die zu schau­en ih­nen ja nur noch kur­ze Zeit ver­gönnt sein soll­te. Die Kin­der war­fen ängst­lich scheue Bli­cke nach der Mut­ter und such­ten sie, die ein Bild stum­mer Ver­zweif­lung, ih­res Haar­schmu­ckes be­raubt, da­saß, als wäre auch aus ihr al­les Le­ben ge­wi­chen, mit kei­nem Wor­te zu stö­ren. Und er, der ih­nen Al­les ge­we­sen, er, der jede auch die kleins­te Sor­ge mit ih­nen get­heilt hat­te, er sah theil­nahms­los zu und schlief sanft den ‚lan­gen Schlaf der Müde‘ un­be­wegt bei al­lem ih­rem Leid und Kum­mer!“ (Fort­set­zung folgt)

Zeich­nung des von der Wie­ner Fir­ma Be­schor­ner ge­lie­fer­ten Sargs – Vor­la­ge: Bay­reuth 1983, Rück­blick und Vorschau
Quel­len
Bay­reuth 1983, Rück­blick und Vor­schau, Jah­res­heft der Bay­reu­ther Fest­spie­le, Bay­reuth 1982.
Ri­chard Graf Du Moulin Eck­art, Co­si­ma Wag­ner, Band 1, Mün­chen 1929.
Carl Fried­rich von Gla­sen­app, Das Le­ben Ri­chard Wag­ners in sechs Bü­chern dar­ge­stellt, Leip­zig 1876–1911.
Oli­ver Hil­mes, Her­rin des Hü­gels, Mün­chen 2007.
Karl Ip­ser, Ri­chard Wag­ner in Ita­li­en, Salz­burg 1951
Hen­ry Perl, Ri­chard Wag­ner in Ve­ne­dig. Mo­sa­ik­bil­der aus sei­nen letz­ten Le­bens­ta­gen, Augs­burg 1883.
Erst­ver­öf­fent­li­chung ei­ner kür­ze­ren Ver­si­on im Blog „Mein Wag­ner-Jahr“ auf in​fran​ken​.de