Macht, Freiheit und Bayreuths Blick nach China: Katharina Wagner spricht im Interview mit Marko Cirkovic über ihre Neuinszenierung der „Walküre“ in Shanghai (Premiere am 24. April 2026)

Shanghai, 21. April 2026. Am Vormittag vor der Probe treffe ich Katharina Wagner in der weitläufigen Lobby eines Hotels in Shanghai, in einem jener Übergangsräume der großen Welt, die niemals bloß Kulisse sind, sondern selbst schon Erzählung. Draußen rauscht die Stadt in ihrer eigenen, unablässigen Grammatik aus Licht, Höhe, Verkehr und Erwartung dahin; drinnen kreuzen sich Wege, Termine, Sprachen, Ankünfte und Aufbrüche. Während wir sprechen, trägt das Personal einen Tisch erst entschlossen in die eine Richtung, schiebt ihn kurz darauf wieder zurück, nur damit er wenig später noch einmal an uns vorbeizieht, als hätte auch er sich noch nicht endgültig für sein Ziel entschieden. Für einen Augenblick wird dieses Möbelstück zur heiteren Chiffre dessen, was Reisen im Kern oft sind: kein gerader Strich, sondern ein Kreisen, Korrigieren, Weiterziehen, ein stilles Suchen nach dem richtigen Ort im Strom der Bewegung. Inmitten dieses eigentümlich lebendigen Flusses beginnt ein Gespräch über Bayreuth, Shanghai und Wagners „Walküre“.
Marko Cirkovic Frau Wagner, zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen.
Katharina Wagner Sehr gern.
Marko Cirkovic Das Projekt „Bayreuth in Shanghai“: Worin besteht sein präziser Anspruch? Handelt es sich um eine Gastspielreihe, um kulturelle Präsenz, um eine längerfristige Partnerschaft?
Katharina Wagner Vor allem um Kulturvermittlung. Ich halte Kulturvermittlung grundsätzlich für außerordentlich wichtig. Wir waren zuvor beispielsweise in Tokio, wo unsere Kinderoper jedes Jahr im Rahmen des Spring Festivals aufgeführt wird. Und ich finde: Wenn andere Länder den kulturellen Austausch suchen, dann sollte man unbedingt versuchen, ihn zu ermöglichen.
Marko Cirkovic Wenn man von „Bayreuth in Shanghai“ spricht: Was soll im Kern von Bayreuth weitergegeben werden? Ein bestimmter Klang, eine Arbeitsweise, eine spezifische Form des Musiktheaters?
Katharina Wagner Sie wissen ja, dass Dinge oft pauschalisiert werden. Das ist, glaube ich, auch hier der Fall. Zunächst muss man sagen, dass es tatsächlich zwei Produktionen gibt, die bereits in Bayreuth gelaufen sind. Der „Tristan“ im vergangenen Jahr war eine solche Produktion, und im nächsten Jahr wird es der „Tannhäuser“ sein. Diese Arbeiten stammen also unmittelbar aus Bayreuth. „Die Walküre“ hier hingegen ist eine Neuproduktion. Zugleich wirken Musikerinnen und Musiker aus unserem Festspielorchester mit. Insofern hoffe ich tatsächlich, dass sich auf diese Weise auch eine bestimmte Arbeitsweise, wie sie in Bayreuth gepflegt wird, vermittelt.
Marko Cirkovic Sie haben eben den Begriff der Kulturvermittlung verwendet. Was kann ein solches Projekt darüber hinaus leisten?
Katharina Wagner Beim „Tristan“ habe ich gemerkt, wie groß hier die Neugier ist, und zwar bei einem teils sehr jungen Publikum. Man spürte deutlich, dass das Interesse nicht nur der Musik galt, sondern auch der Frage, wie in Bayreuth inszeniert wird. Da war eine große Neugier auf die Art, wie dort gearbeitet wird, und es war schön zu sehen, mit welcher Freude das hier aufgenommen wurde.
Marko Cirkovic Wird in Deutschland anders darüber gesprochen? Skeptischer, stärker intellektualisiert, konfliktreicher?
Katharina Wagner Ich glaube, dass hier genauso diskutiert wird wie in Deutschland. Aber die Neugier ist eindeutig da. Es war auch sofort ausverkauft. Das heißt: Es gibt hier ganz offensichtlich die Bereitschaft, sich auch auf Dinge einzulassen, von denen man vielleicht noch gar nicht genau weiß, was einen erwartet. Das finde ich bemerkenswert. Allerdings muss man sagen: Diese Neugier gibt es in Deutschland ebenfalls. Auch in Bayreuth sind unsere Aufführungen schnell ausverkauft gewesen. Insofern ist es einfach schön zu erleben, dass diese Offenheit auch hier vorhanden ist. Denn dann scheint das Projekt ja tatsächlich zu funktionieren.
Marko Cirkovic Wie hat es sich angefühlt, mit dieser „Walküre“ in Shanghai anzukommen? Wie begann dieser Prozess, und seit wann sind Sie hier?
Katharina Wagner Wir sind jetzt seit etwa drei Wochen hier. Die Probenzeit war ausgesprochen sportlich, das muss man sagen. Sie war von Anfang an darauf angelegt, dass man es schaffen kann, aber eben unter sehr kompakten Bedingungen. Gerade für die Sängerinnen und Sänger ist das eine enorme Belastung, weil zwischen den Probenphasen kaum Erholungszeit liegt. Bei diesen Partien ist das natürlich besonders fordernd.
Marko Cirkovic Gab es in den Proben hier in Shanghai einen Moment, in dem Sie gespürt haben, dass Sie sich nicht nur in einem anderen Opernhaus, sondern in einem ganz anderen kulturellen Kontext bewegen?
Katharina Wagner Solche Momente gibt es oft. Schon außerhalb Deutschlands merkt man schnell, dass andere Regeln gelten, gerade was Sicherheitsvorschriften betrifft. Dass man etwa in der Höhe arbeitet, ohne die Sicherungen, die bei uns selbstverständlich und vorgeschrieben wären, das sind wir so nicht gewohnt. Aber es funktioniert hier genauso gut. Anders heißt ja nicht schlechter. Wir sind in Deutschland schlicht andere deutlich strengere Vorschriften gewohnt. Jedes Land hat sein eigenes System.
Marko Cirkovic Haben Sie deshalb bestimmte konzeptionelle Ideen entschärft oder angepasst?
Katharina Wagner Nein, gar nicht. Wir haben lange überlegt, ob wir diese Form einer einzelnen „Walküre“ machen sollten und ob das dramaturgisch und inhaltlich für uns Sinn ergibt. Aber wir sind dann sehr schnell zu einer Lösung gekommen, die uns überzeugt hat.
Marko Cirkovic Hat Shanghai die Produktion in irgendeiner Weise verschoben, verdichtet oder zugespitzt? Gab es etwas, das Sie hier vor Ort aufgenommen und dann noch in die Inszenierung hineingenommen haben?
Katharina Wagner Konzeptionell nein. Was sich verändert hat, das hing eher mit der Individualität einzelner Sängerinnen und Sänger zusammen. Da haben sich natürlich Akzente geschärft. Aber das betrifft nicht das Konzept selbst. Einige Sänger kannten wir sehr gut, etwa Catherine Foster, mit der ich genau weiß, wie ihr Bewegungsduktus ist und wie sie arbeitet. Dasselbe gilt für andere Mitwirkende, die wir bereits kannten. Bei denjenigen, mit denen wir noch nicht gearbeitet hatten, ergaben sich natürlich Anpassungen. Aber konzeptionell hat sich nichts verschoben.

Marko Cirkovic Wie würden Sie Ihre eigene Probenarbeit beschreiben? Eher analytisch, atmosphärisch, präzise, intuitiv?
Katharina Wagner Das hängt immer auch von der Zusammensetzung der Beteiligten ab. Die Stimmung einer Probenarbeit entsteht nie losgelöst von den Menschen, die an ihr beteiligt sind. Hier kann man aber wirklich sagen, dass wir eine ausgesprochen gute, sehr harmonische Gruppe sind. Viele von uns kennen sich seit langem, schätzen einander, mögen einander und wissen, was sie aneinander haben. Ich selbst bin sicher eher ein sehr vorbereiteter Typ. Ich glaube, das ist etwas, was man an unserer Arbeit schätzen kann: dass wir vorbereitet in Proben gehen und nicht erst dort anfangen zu suchen. Das verstehen wir als unsere Aufgabe. Gleichwohl haben wir trotz der kurzen Probenzeit, gerade mit Catherine Foster, Anna Maria Chiuri, Willi Schwinghammer, Vincent Wolfsteiner und Manuela Uhl, noch sehr viel entwickeln können. Das war großartig. Catherine Foster etwa wirft sich mit einer ungeheuren Intensität in die Arbeit hinein. Sie ist nicht nur eine herausragende Sängerin, sondern auch eine großartige Darstellerin.
Marko Cirkovic Was ist für Sie das eigentliche Herz der „Walküre“?
Katharina Wagner Wenn Sie das allgemein meinen, ist das nicht ganz leicht zu beantworten. Aber für unsere Inszenierung lässt sich das relativ klar sagen. Obwohl wir ein Einzelwerk inszeniert haben, haben wir nie ausgeblendet, dass es Teil eines größeren Zusammenhangs ist. Für uns ist das Herz dieses Werks, wie des gesamten „Ring“, der Ring, den jeder haben will. Das ist der Kern. Dieser Ring und die damit verbundene Macht ist im ganzen Stück präsent und bei uns ist sie es sehr deutlich.
Marko Cirkovic Und wie äußert sich das in Ihrer Inszenierung?
Katharina Wagner Wir haben Fafner tatsächlich auch optisch auf der Bühne präsent, gewissermaßen als eine schwebende Instanz, die den Ring bei sich trägt. Auf diesen Ring richtet sich das Begehren aller Beteiligten. Genau darin liegt ja auch inhaltlich der Kern des Stückes: dass jeder diesen Ring haben möchte.
Marko Cirkovic Welche räumliche Grundfigur haben Sie ins Zentrum gestellt? Ist die Inszenierung stark zwischen den Aufzügen differenziert, oder haben Sie sich auf einen zentralen Raum konzentriert?
Katharina Wagner Nein, wir haben sehr unterschiedliche Orte. Das Bühnenbild ist groß und durchaus aufwendig. Es bewegt sich auch viel. Man durchwandert mit den Darstellern gewissermaßen verschiedene Stationen und Räume.
Marko Cirkovic Gibt es in der „Walküre“ etwas, das Ihnen persönlicher nähersteht als in anderen Teilen des Zyklus?
Katharina Wagner Musikalisch ist mir die „Götterdämmerung“ wohl näher, aber das ist rein subjektiv.
Marko Cirkovic Welche Figur ist für Sie in der „Walküre“ die schwierigste?
Katharina Wagner Das ist sicher Wotan, gerade in dieser Produktion. Die Partie ist außerordentlich komplex, und wenn jemand darin debütiert, merkt man natürlich, dass sie noch nicht vollständig durchdrungen sein kann. Das ist gar kein Vorwurf, sondern liegt in der Natur einer solchen Aufgabe. Shenyang ist stimmlich sehr stark, eine großartige Stimme. Aber man merkt eben auch, dass jemand wie Catherine Foster und andere ihre Partien schon oft gesungen haben und deshalb sehr schnell in der Lage sind, Dinge zu adaptieren und inhaltlich zu füllen. Bei einer so komplexen Debütpartie ist das naturgemäß schwerer. Das ist niemandes Schuld, sondern schlicht eine Frage der Erfahrung.
Marko Cirkovic Und Brünnhilde?
Katharina Wagner Brünnhilde ist hier schon sehr weit entwickelt, gerade weil Catherine Foster diese Figur wirklich komplett durchdringt. Ich habe sie schon oft gehört, und das Tolle an ihr ist, dass sie sich in jedem neuen Konzept weiterentwickeln, ja neu erfinden kann. Catherine ist niemals langweilig. Sie nimmt jede Inszenierung ernst und entwickelt für jeden Regisseur oder jede Regisseurin eine eigene Brünnhilde, mit großer Ernsthaftigkeit und mit aller Kraft.
Marko Cirkovic Sie sagten, das Zentrum der „Walküre“ und des gesamten „Ring“ sei der Ring und die damit verbundene Macht. Was ist dann das eigentliche Tabu in Ihrer „Walküre“? Der Inzest, die Macht selbst, der Gehorsam, das Freiheitsbegehren?
Katharina Wagner In dieser Konzeption ist es vor allem das Begehren nach Freiheit, allerdings in dem Sinn, dass man sich aus Verstrickungen wieder befreien möchte und dass das oft eben gerade nicht einfach ist. Wir zeigen, glaube ich, sehr deutlich, dass es gefährlich ist, sich auf Macht oder schon auf die Suche nach Macht einzulassen. Das ist kein harmloser Vorgang. Man gerät in etwas hinein, wird darin gefangen.
Marko Cirkovic Wenn wir schon bei der Gefahr sind: Wie vermeiden Sie, dass der „Walkürenritt“ zur popkulturellen Ikone wird, die den ganzen Abend verschlingt und das Publikum nur noch auf diesen Moment warten lässt?
Katharina Wagner Verbieten kann ich den Leuten natürlich nicht, worauf sie hinfiebern. Es gibt ganz sicher auch Besucher, die vor allem wegen des dritten Aktes kommen. Ich selbst mag diese Szene sehr. Unsere Walküren-Szene ist, würde ich sagen, zugleich sehr vertraut und doch sehr anders. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht sie für mich reizvoll. Natürlich gibt es tote Helden, natürlich gibt es starke Bilder, aber wir haben die Szene so inszeniert, dass sie interessant, vielleicht auch amüsant sein kann, ohne in bloße Erwartungshaltung zu kippen. Außerdem hat dieses Stück so viele große musikalische Momente. Der ganze erste Akt ist voller solcher Höhepunkte, dann die Todesverkündigung im zweiten Akt, und vieles mehr. Für mich ist der „Walkürenritt“ ein Teil des Ganzen, nicht der Sinn des Ganzen.
Marko Cirkovic Was ist Ihr musikalischer Herzensmoment in der „Walküre“?
Katharina Wagner Für mich ist der dritte Akt ab Brünnhilde und Wotan bis zum Schluss musikalisch besonders stark. Da ist alles enthalten: große Ausbrüche, Pianostellen, Dramatik, Emotionalität. Das ist einfach überwältigende Musik.
Marko Cirkovic Gab es in der Regiearbeit einen Punkt, an dem Sie einen Knoten lösen mussten? Einen Moment des Widerstands, der Korrektur, des dramaturgischen Umdenkens?
Katharina Wagner Wir haben den Fokus etwas stärker auf Brünnhilde verlagert, auch weil Wotan hier debütiert. Das war kein Widerstand, sondern eher eine Reaktion auf das, was sich in den Proben als organisch richtig erwies. Wenn man eine Sängerin wie Catherine Foster hat, die alles anbietet und sich in einer solchen Intensität in die Arbeit stürzt, dann ist das ein Geschenk. Dasselbe gilt auch für andere. Aber echte dramaturgische Krisen, also Momente, in denen wir hätten sagen müssen: Hier ist ein Loch, hier stimmt etwas nicht, das versteht das Publikum nicht, die hatten wir in dieser Produktion erstaunlicherweise nicht. Solche Momente haben wir in anderen Inszenierungen durchaus schon erlebt. Hier aber kam vieles tatsächlich so zusammen, wie wir es uns gedacht hatten.
Marko Cirkovic Sie arbeiten mit internationalen Sängerinnen und Sängern. Sind unter den Walküren auch asiatische Sängerinnen?
Katharina Wagner Ja, die Walküren sind fast alle chinesische Sängerinnen, bis auf eine. Und sie machen das großartig.
Marko Cirkovic Welche Regieanweisungen werden international sofort verstanden, und wo muss man nachjustieren? Arbeitet man mit Übersetzern, mit Englisch, mit Handy, mit Improvisation?
Katharina Wagner Mit den Sängerinnen und Sängern ging das erstaunlich gut. Auch bei den Walküren war das sehr hilfreich, weil eine der Sängerinnen Deutsch spricht und vieles übersetzt hat. Einige andere sprechen Englisch. Gestern mussten wir noch einmal nachjustieren, weil zum ersten Mal alle Statistinnen und Statisten anwesend waren. Dabei war es wirklich sehr schön zu erleben, wie selbstverständlich eine der Damen sofort die Rolle der Übersetzerin übernommen hat. Das ist nicht ihr Job, aber sie tat es mit großer Selbstverständlichkeit und Freundlichkeit. Für die Technik hatten wir eine eigene Übersetzerin, was auch unbedingt nötig ist. Gerade in Kostüm, Maske und Technik braucht man diese Vermittlung, wenn die Englischkenntnisse nicht ausreichen. Das Theater hatte das aber im Vorfeld schon sehr gut organisiert.
Marko Cirkovic Was hat diese Probenarbeit mit Ihnen selbst gemacht? Was nehmen Sie aus den letzten Tagen vor der Premiere mit?
Katharina Wagner Vor allem riesigen Respekt. Etwa vor Catherine Foster, die unglaublich viel zu singen hat und dennoch eine Geduld, Professionalität und Einsatzbereitschaft zeigt, die ich in dieser Form selten erlebt habe. Gerade gestern, als wir mit allen Statisten und Statistinnen erstmals vieles neu justieren mussten, war klar, dass das Zeit kosten würde. Und trotzdem gab es nie ein ungeduldiges Wort, nie ein Drängen, Proben zu verkürzen oder schneller durchzugehen. Das gilt auch für andere. Diese Bereitschaft, sich bis zur letzten Sekunde vollkommen einzusetzen, obwohl der Probenplan sehr dicht ist und wir so etwas in Deutschland wohl so nicht disponieren würden, nötigt mir größten Respekt ab.
Marko Cirkovic Werden Sie das in Deutschland vermissen?
Katharina Wagner Ich würde das gar nicht national zuschreiben. Das hat weniger mit Deutschland oder irgendeinem anderen Land zu tun als mit dieser ganz besonderen Konstellation von Sängerinnen und Sängern hier. So etwas haben wir in Deutschland durchaus auch schon erlebt. Aber in dieser Form, mit dieser Konsequenz und dieser Selbstverständlichkeit, ist es bemerkenswert. Es ist wirklich beeindruckend.
Marko Cirkovic Ich greife jetzt eine ältere Äußerung von Ihnen auf. Sie haben 2013 einmal gesagt, Sie würden Richard Wagner gern fragen, warum er das Festspielhaus ohne Seitenbühnen gebaut hat. Wie sehen Sie das heute?
Katharina Wagner Das sehe ich immer noch so. Im Bayreuther Festspielhaus kommt nun einmal sehr viel von oben, von unten und von hinten. Seitenbühnen würden Umbauten technisch enorm erleichtern. Hier nutzen wir die Seitenbühnen sehr stark. Natürlich findet man in Bayreuth andere Lösungen, weil die Technik dort genau um diese besondere Architektur weiß. Aber hier merkt man, gerade im ersten Akt, wie sehr Seitenbühnen Prozesse vereinfachen können. Insofern gilt dieser Satz für mich weiterhin.
Marko Cirkovic Wie groß ist das Shanghai Grand Theatre? Ist das eine sehr große Bühne?
Katharina Wagner Ja, es ist eine große Bühne, aber wir arbeiten häufig auf großen Bühnen. Man muss eine solche Bühne natürlich entsprechend füllen. Wenn man von der Probebühne auf die eigentliche Bühne geht, muss man Bewegungen immer anpassen, je nachdem, wie groß der Raum ist. Hier muss man eher groß spielen, damit es trägt.
Marko Cirkovic Ist die Technik auf internationalem Standard?
Katharina Wagner Veraltet ist sie ganz sicher nicht. Der technische Standard entspricht im Wesentlichen dem, was man aus internationalen Häusern kennt. Anders sind eher die Ausführungen und die Sicherheitsabläufe. Bei uns gäbe es Absperrungen, optische Signale, akustische Signale, wenn sich etwas bewegt. Hier liefen wir gestern über die Bühne, und plötzlich fuhr ein Podium hoch. So etwas wäre bei uns in dieser Form kaum vorstellbar. Daran muss man sich erst gewöhnen. Aber grundsätzlich ist die Technik da, und sie funktioniert. Auch vom Licht her hieß es, dass alles vorhanden sei, was gebraucht wird.
Marko Cirkovic In diesem Projekt „Bayreuth in Shanghai“ sind drei Opern geplant. Gibt es Überlegungen, das zu verlängern?
Katharina Wagner Gespräche dazu gibt es jetzt. Wenn kultureller Austausch gewünscht ist, bin ich immer bereit, darüber nachzudenken, ihn fortzuführen. In Tokio machen wir diesen Austausch ja auch schon seit Jahren, und ich bin sehr dankbar dafür, dass wir dort zu einem festen Bestandteil des Festivals geworden sind. Ich finde es wunderbar, wenn sich ein Publikum darauf freut, dass man wiederkommt, und wenn daraus ein nachhaltiger kultureller Dialog entsteht. Unsere Erfahrungen in Japan sind in dieser Hinsicht ausgesprochen positiv. Im Übrigen gab es den kulturellen Austausch mit Japan schon zu Zeiten meines Vaters. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre gingen bereits Produktionen der Bayreuther Festspiele nach Tokio. Das darf man nicht vergessen. Damals war das alles organisatorisch noch viel komplizierter als heute. Heute können wir vieles per Zoom klären, was früher mit Reisen, Faxen und großem Aufwand verbunden war. Insofern haben sich die Bedingungen zum Guten verändert, auch weil Kulturaustausch dadurch finanziell und organisatorisch leichter möglich wird.
Marko Cirkovic Stellen wir uns vor, heute ist Premiere. Die Premiere ist vorbei. Mit welchem Gedanken würden Sie am liebsten aus diesem Projekt herausgehen?
Katharina Wagner Als Regisseurin wünsche ich mir natürlich, dass die Menschen einen anregenden, unterhaltsamen, intellektuell stimulierenden Abend hatten, dass sie diskutieren, wie sie das Gesehene fanden, dass sie ein echtes Theatererlebnis hatten. Das ist für mich das Wichtigste. Und was uns an dieser Produktion, glaube ich, alle besonders freut, ist die außerordentliche Weise, in der die Sängerinnen und Sänger das alles mittragen, mitentwickeln, sich hineinwerfen. Eine Regie ist immer nur so gut wie die Menschen, die sie auf der Bühne verkörpern. Eine noch so klug gedachte Inszenierung kann an der Bühne scheitern, wenn sie dort nicht aufgenommen wird. Hier aber spürt man, dass alle dasselbe wollen: dem Publikum einen spannenden Abend zu geben. Und das ist keine bloße Pflichterfüllung, sondern echter Einsatz. Das macht diese Produktion für uns besonders.
Marko Cirkovic Wunderbar. Das sind schöne Schlussworte. Vielen Dank für das Gespräch.

