„Auf! Verzagte Seele! Rede nun zu Ihm!“

Heu­te vor 150 Jah­ren schick­te Ri­chard Wag­ner aus Sor­rent ei­nen Brief an Kö­nig Lud­wig II. von Bay­ern, in dem er um wei­te­re Un­ter­stüt­zung der de­fi­zi­tä­ren ers­ten Fest­spie­le bat. Die Pro­blem­lö­sun­gen, die er skiz­zier­te, wir­ken ver­blüf­fend aktuell.

Post­kar­te zur „Er­in­ne­rung an die Kö­nig Lud­wigs Auf­füh­run­gen der Bay­reu­ther Ni­be­lun­gen 1876“ aus dem Café Sam­met – Vor­la­ge: Ar­chiv Beer

Mein Ers­ter, Letz­ter und – Einziger!
See­len­volls­ter, hoch­ge­lieb­tes­ter Freund!

„Nun auf!“, so rufe ich in mich hin­ein, „Auf! Ver­zag­te See­le! Rede nun zu Ihm!“ – Da ath­met es denn, und das in­ne­re Licht will wie­der leuchten! –

Der Brief, den mein Er­ha­be­ner mir nach Ve­ne­dig zu­kom­men liess, war zu wun­der­voll, als dass er nicht plötz­lich eine völ­li­ge Um­wand­lung mei­ner gan­zen See­len­stim­mung voll­zo­gen hät­te. „Es muss sein, denn es soll sein!“ rief ich mir zu. Nun war es in dem wun­der­ba­ren Ve­ne­dig, wo diess mir an­kam: in mir ent­stand die hef­tigs­te Sehn­sucht, den Er­ha­be­nen schnell hier zu wis­sen; ich war so thö­rig, Ih­nen diess durch ein Te­le­gramm aus­zu­drü­cken: möge es Sie nicht ver­stimmt ha­ben! Al­lein, Sie hat­ten so­eben so zau­be­risch vom Tris­tan ge­schrie­ben; wir hat­ten die Ge­burts­stät­te des zwei­ten Ak­tes be­sucht: Al­les kam mir wie­der, als soll­te nun es erst wirk­lich wer­den, wenn Sie, Er­ha­be­ner, die Stät­te wei­he­ten. Es ward mir schwer, mei­ne schwär­men­de Frau von Ve­ne­dig fort­zu­zie­hen: sie mein­te, die Stadt habe es ihr an­gethan. Doch ich such­te eine dau­ern­de­re Er­ho­lungs­stät­te; nur we­ni­ge Tage ver­weil­ten wir in dem düs­tern, aber ernst-stol­zen Bo­lo­gna, um ge­ra­de aus nach Nea­pel zu ge­hen, wel­ches uns denn wie­der ganz un­ge­mein an­sprach: es ist je­den­falls die schöns­te und un­ver­gleich­lichs­te Stadt der Welt, und zwar selbst auch als Stadt eben, nicht bloss der wun­der­vol­len Lage we­gen. Nach sechs­tä­gi­gem Auf­ent­halt zo­gen wir nach dem wun­der­ba­ren Sor­rent (der Ge­burts­stadt und Ster­be­stadt des Tas­so) hin­über, und sind seit­dem nun hier für ei­nen län­ge­ren Auf­ent­halt im Hô­tel Vitto­ria nie­der­ge­las­sen, und zwar auf ei­nem ho­hen Fel­sen, steil über dem Mee­re, Nea­pel und den Ve­suv ge­gen­über und zur Sei­te. Mei­ne klei­ne Fa­mi­lie be­nützt die noch sehr war­men See­bä­der; voll­ende­te Ab­ge­schlos­sen­heit, zu Zei­ten Aus­flü­ge, mei­ner Seits Er­war­tung ei­nes er­träg­li­chen Ge­sund­heits­zu­stan­des und wür­di­ger Stim­mung. Lei­der wird mir die letz­te­re im­mer noch wi­der­wär­tig ge­stört durch Nach­rich­ten von Da­heim, wo nun das „De­fi­cit“ an der Ta­ges­ord­nung ist, für des­sen De­ckung ich nur sor­gen soll, wäh­rend kein Mensch mich frägt, wie denn etwa nun mir eine An­er­ken­nung für das Ge­leis­te­te zu er­zei­gen wäre. Wirk­lich kom­me ich mir jetzt recht thö­rig, und ge­wis­ser­ma­as­sen über­flüs­sig vor: thö­rig, weil ich ver­mu­then konn­te, es wür­de nach dem nie ge­glaub­ten Glü­cken mei­ner Wer­ke und ih­rer Auf­füh­run­gen in den macht­vol­le­ren Re­gio­nen der deut­schen Ge­sammt­heit eine Art von Re­gung, viel­leicht ei­nes ge­wis­sen Ge­füh­les der Be­schä­mung, vor sich ge­hen, und in ir­gend wel­cher Wei­se wür­de man mich nun be­fra­gen, wie ich es mir nun däch­te, den von mir ge­ge­be­nen An­stoss für die deut­sche thea­tra­li­sche Kunst för­der­lich zu ma­chen, und in wel­cher Wei­se man mir hier­zu nun be­hilf­lich sein könn­te. Ueber­flüs­sig aber kom­me ich mir vor, weil ich eben er­se­he, wie we­nig in je­nen be­zeich­ne­ten Re­gio­nen so­wohl an mich, wie an den Ernst der Sa­che ge­dacht wird, so dass man mich und mei­ne Un­ter­neh­mun­gen im­mer nur den Zei­tungs­schrei­bern und etwa noch den Thea­ter­di­rec­to­ren über­las­sen zu dür­fen ver­meint. Ich bin durch die­se Wahr­neh­mung fast schon so weit ge­bracht wor­den, das „Ende! das Ende!“[1] zu be­schlies­sen, und mei­nen Her­ren Ver­wal­tungs­räthen auf­zu­ge­ben, in Bay­reuth auf­zu­räu­men. Da er­fass­te mich denn nun zu­erst das Schrei­ben mei­nes Er­ha­be­nen in Ve­ne­dig; und als ich, durch den Ein­druck des­sel­ben auf mich, so­fort mich be­stimmt fühl­te, mei­nen al­ten Vor­sät­zen ge­treu zu blei­ben, und, ganz wie mein Er­ha­be­ner es auch er­war­tet, alle mei­ne Wer­ke mit mög­lichs­ter Voll­kom­men­heit jähr­lich vor­zu­füh­ren, kam mir so­gleich auch der gros­se Ernst hier­von zum Be­wusst­sein. Kei­ne Zu­ge­ständ­nis­se mehr! Durch! – und kos­te es das letz­te Blut! Wor­an wir bis­her lit­ten, war die fi­nan­zi­el­le Un­zu­läng­lich­keit: durch sie ka­men alle die Stö­run­gen und Ver­zö­ge­run­gen, wel­che es mir un­mög­lich mach­ten, zur rech­ten Zeit Al­les fer­tig zu ha­ben, zu prü­fen, zu ver­bes­sern, – wie es un­er­läss­lich so sein muss. Das kann nun für die Zu­kunft Al­les an­ders und bes­ser wer­den, denn das Haupt­säch­li­che steht fer­tig da; sind die Kos­ten der Her­stel­lung des gan­zen ar­chi­tec­to­ni­schen und sceni­schen Ap­pa­ra­tes ein­mal ge­deckt, so de­cken sich die Kos­ten der Un­ter­hal­tung und fer­ne­ren Be­nüt­zun­gen ganz von selbst. Schon jetzt wä­ren wir, wie ich diess auch vor­aus­setz­te, voll­stän­dig auf die Kos­ten ge­kom­men, wenn mir nicht die­se scheuss­li­che Zei­tungs­pres­se[2] durch die nichts­wür­digs­ten Ver­leum­dun­gen alle Vor­aus­set­zun­gen auf­ge­ho­ben hät­te. Es war ge­wiss nicht un­ver­stän­dig von mir, an­zu­neh­men, dass der Er­folg der ers­ten Auf­füh­rung, für wel­che alle Plät­ze ver­kauft wa­ren, das nö­thi­ge Auf­se­hen ver­brei­ten wür­de, um den An­drang zu den bei­den fol­gen­den Auf­füh­run­gen, für wel­che noch vie­le Plät­ze zu ver­kau­fen wa­ren, her­bei zu zie­hen. Ge­ra­de über die ers­te Auf­füh­rung, bei wel­cher die Zei­tungs­schrei­ber ein­zig zu­ge­gen wa­ren, ward aber so ver­leum­de­risch be­rich­tet, dass erst nach der zwei­ten, und wäh­rend der drit­ten Auf­füh­rung, über wel­che nun jene Her­ren schwie­gen, durch die hier­bei An­we­sen­den das rich­ti­ge Urt­heil über Al­les auf­kam und sich ver­brei­te­te, so dass jetzt schliess­lich der An­drang so gross wur­de, dass wir noch meh­re­re Auf­füh­run­gen, wenn die­se zu er­mög­li­chen ge­we­sen wä­ren, bei aus­ge­kauf­tem Hau­se hät­ten durch­füh­ren kön­nen. – Vor sol­chen Ein­flüs­sen und Be­ein­träch­ti­gun­gen muss nun in Zu­kunft mein Werk und Wir­ken be­wahrt wer­den, wenn ich noch ei­ni­ge Lust und Kraft da­für be­wah­ren will! Desshalb nun bin ich zu fol­gen­den Be­stim­mun­gen ge­langt. Die jähr­li­chen Büh­nen­fest­spie­le in Bay­reuth müs­sen durch­aus eine freie Stif­tung blei­ben, mit dem ein­zi­gen Zwe­cke, zur Be­grün­dung und Pfle­ge ei­ner ori­gi­na­len deut­schen mu­si­ka­lisch-dra­ma­ti­schen Kunst als Vor­bild zu die­nen. Hier­zu ist es nö­thig, dass das Ma­te­ri­al des Thea­ters selbst jetzt von je­der dar­auf haf­ten­den Kos­ten-Schuld be­freit, und in alle Zu­kunft ge­gen fi­nan­zi­el­le Schä­den be­wahrt wer­de, wohl­be­ach­tet: un­ter der un­ver­brüch­li­chen Vor­aus­set­zung, dass das Un­ter­neh­men selbst nie zu fi­nan­zi­el­lem Er­wer­be die­ne, und na­ment­lich der obers­te Lei­ter des­sel­ben nie eine Ent­schä­di­gung für sei­ne Be­mü­hun­gen in An­spruch neh­me. – Nun will ich denn se­hen, wie es mit dem „deut­schen Rei­che“ hier­für steht,[3] – denn an mei­ne bis­he­ri­gen Pa­tro­ne[4] könn­te ich mich nicht füg­lich mehr wen­den, als höchs­tens mit der Auf­for­de­rung zu ei­nem Kos­ten­de­ckungs­bei­tra­ge, wel­cher wohl be­reits spär­lich ge­nug flies­sen dürf­te. Um die An­ge­le­gen­heit an das „Reich“ zu brin­gen, er­se­he ich zu­nächst zwei Wege: ent­we­der, es wird der An­trag von ei­nem der Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten ge­stellt, von de­nen ich al­ler­dings kei­nen ken­ne wel­cher mir dazu taug­lich schie­ne; oder, der An­trag wird von dem Reichs­kanz­ler­amt ein­ge­bracht, wo­für ich mich an den Kai­ser zu wen­den hät­te, von wel­chem ich mir ein tie­fe­res Ver­ständ­niss der Sa­che auch nicht leicht er­war­ten darf. Ein drit­tes wäre: der Kö­nig von Bay­ern, als Wahr­neh­mer und Be­schüt­zer der hö­he­ren deut­schen Kul­tur-In­ter­es­sen, trü­ge Sei­nem Be­voll­mäch­tig­ten auf, den An­trag im Bun­des­ra­the ein­zu­brin­gen, und von hier aus an den Reichs­tag zu ge­hen. Die­ser An­trag dürf­te nun un­ge­fähr fol­gen­der­ma­as­sen lauten: –

Die deut­sche Reichs­re­gie­rung über­nimmt das Büh­nen­fest­spiel­haus in Bay­reuth mit al­lem Zu­be­hör, ge­gen Ent­rich­tung und Be­zah­lung der auf sei­ne Her­stel­lung ver­wen­de­ten und bis jetzt noch nicht ge­deck­ten Un­kos­ten, als der Na­ti­on zu­ge­hö­ri­ges Ei­gent­hum, und über­gie­bt es als sol­ches dem Ma­gis­trat der Stadt Bay­reuth zur Ver­wal­tung, mit dem Auf­tra­ge und der Ver­pflich­tung, im Sin­ne des Grün­ders die­ses Thea­ters und nach den von dem­sel­ben hier­für zu ge­ben­den An­lei­tun­gen und Sta­tu­ten, all­jähr­lich Auf­füh­run­gen, nach dem Vor­bil­de der 1876 von mir ver­an­stal­te­ten, statt­fin­den zu las­sen. Die Kos­ten der all­jähr­li­chen Auf­füh­run­gen wer­den durch den je­des­ma­li­gen Ver­kauf von 1000 Plät­zen, so­wie durch ei­nen jähr­li­chen Zu­schuss von 100,000 Mark von Sei­ten des Rei­ches ge­deckt; durch die­sen Zu­schuss er­hält das Reich das Recht die üb­ri­gen 5 bis 600 Plät­ze gra­tis an Un­be­mit­tel­te der deut­schen Na­ti­on zu ver­ge­ben, wo­durch am Bes­ten die gan­ze In­sti­tu­ti­on auch äus­ser­lich den Cha­rak­ter ei­ner „na­tio­na­len“ er­hält. In al­len deut­schen Län­dern hät­ten sich Ver­ei­ne zu bil­den, durch wel­che die zu frei­em Ein­tritt Be­rech­tig­ten emp­foh­len wür­den, wäh­rend aus­ser­dem den ers­ten Preis­ge­win­nern von Mu­sik-, Thea­ter- und Gym­na­si­al­schu­len von vorn her­ein die Aus­zeich­nung der Ert­hei­lung ei­nes Frei­plat­zes zu den Auf­füh­run­gen von den Re­gie­run­gen an­ge­wie­sen wer­den könn­te.[5]

So un­ge­fähr dürf­te der An­trag lau­ten, des­sen An­nah­me und Aus­füh­rung mei­ner­seits als die ein­zi­ge wür­di­ge An­er­ken­nung mei­ner Ver­diens­te um die Sa­che auf­ge­fasst wer­den kann. – Er hat nur ei­nen Scha­den: näm­lich dass ich sei­ne Aus­füh­rung dem „Rei­che“ zu­mu­then soll. Schö­ner, wür­di­ger und Al­lem nä­her­lie­gen­der wäre es, wenn – Bay­ern und sein Kö­nig al­lein ihn aus­führ­ten. Diess wäre ein Ge­schenk von un­be­re­chen­bar se­gen­vol­lem Ein­flus­se auf die zu­künf­ti­ge Ent­wi­cke­lung des so jam­mer­voll von sei­nen üb­ri­gen Fürs­ten ver­kann­ten und ver­nach­läs­sig­ten deut­schen We­sens und Geis­tes, bes­ser als al­les Con­sti­tu­tio­nal-We­sen, und na­ment­lich auch als die­se über­all sich ein­nis­ten­den, von ver­bis­se­nen Stüm­pern und un­ter­kunfts­süch­ti­gen Mu­si­kan­ten und Zei­tungs­schrei­bern ge­lei­te­ten Mu­sik- und Thea­ter­schu­len, wel­che noch nie ei­nen för­dern­den Ein­fluss aus­ge­übt ha­ben, wäh­rend bei mei­nen Auf­füh­run­gen Alle, Alle ler­nen und gern lernen! –

Diess wäre denn mein letz­ter Stoss­seuf­zer gewesen! – –

„Ah! Fan­ta­sia!“ So rief, bei ei­ner kürz­lich von uns aus­ge­führ­ten Esels­pro­me­na­de[6], der Trei­ber des Trä­gers mei­ner Frau sei­nem Thie­re be­stän­dig er­mun­ternd zu. Das gute Thi­er hiess wirk­lich „Fan­ta­sia“, woll­te aber gar­nicht recht vor­wärts kom­men; des­we­gen er­klang das „Ah“ im­mer vor­wurfs­voll, bis der Trei­ber fort­fuhr: „Corrag­gio Fan­ta­sia! Al­leg­re! – Buo­ni mac­ca­ro­ni, tut­to from­ag­gio!“ Wir fru­gen ihn er­staunt, ob er sei­nem Esel wirk­lich fet­te Mac­ca­ro­ni vor­set­zen wer­de; wor­auf er er­wi­der­te: ach nein, er wäre schon mit Heu zu­frie­den; mit den Mac­ca­ro­ni wol­le er nur ver­lockt ha­ben. „Ach Fan­ta­sia!“ so rufe ich nun auch mei­ner mü­den See­le zu, und viel­leicht war der von mir ent­wor­fe­ne Plan und An­trag nicht viel An­de­res, als die „buo­ni Mac­ca­ro­ni, tut­to from­ag­gio“ wel­che je­ner Esel­trei­ber sei­nem mü­den Thie­re vor­spie­gel­te. – Nur weiss ich so viel, dass nur ein sehr be­deu­ten­der Ant­heil, wenn er mir sich jetzt of­fen­bart, mich wie­der dazu hin­reis­sen kön­nen wird, all das Wi­der­wär­ti­ge zu ver­ges­sen, was ich in die­sen letz­ten Jah­ren er­lit­ten habe, ja selbst auch die­ses ewi­ge Her­aus­tre­ten der Per­sön­lich­kei­ten aus dem Rah­men mei­nes Kunst­wer­kes, die­ses: Nie­mann, Betz u.s.w.-Wesen[7], mit der Zei­tungs­pres­se, den ewi­gen Mis­ver­ständ­nis­sen, kurz all dem scheuss­li­chen Ap­pa­ra­te des Zu­sam­men­le­bens mit Men­schen, Nar­ren und Schur­ken! Nichts, Nichts an­de­res kommt mir noch in die Zu­rück­emp­fin­dung von mei­nem gan­zen Wer­ke! Es mag diess eben wohl mei­ne Krank­heit sein. –

Und doch den­ke ich schon wie­der an Et­was, was mei­nen gros­sen Ein­zi­gen und Er­ha­be­nen zu­frie­den stel­len wird. Ich habe ei­nen Bal­kon­ar­ti­gen Vor­bau am Thea­ter pro­jec­tirt,[8] wel­cher ei­nen be­son­de­ren Auf­gang zu ei­nem klei­nen Sa­lon mit dar­an stos­sen­der Mit­tel­lo­ge für mei­nen Kö­nig ganz al­lein bie­ten soll. Links und rechts möge dann noch sit­zen wer will: und das Gan­ze soll auch von aus­sen gar nicht mal schlecht aus­se­hen! – So et­was leis­tet nun noch „Fan­ta­sia“! – Sonst we­nig mehr!

Ach! Mein gros­ser, tie­fer, erns­ter, in­ni­ger und desshalb von mir so tief, ernst und in­nig ge­lieb­ter Freund! In wel­cher Welt le­ben wir? Oh, könn­te ich öf­ter Ih­nen ver­eint sein! Wie se­gen­voll be­le­bend wir­ken stets die Strah­len Ih­rer Huld und gren­zen­lo­sen Güte auf mich. Nach so lan­gen Jah­ren beim ers­ten Wi­der­se­hen, wie ernst trau­lich und alt­ge­wohnt war Ihr lie­be­vol­les Be­geg­nen! Wenn ich so von Ih­nen wie­der heim­kehr­te, fühl­te ich mich leicht, wie von Wol­ken ge­tra­gen, von ei­nem schwär­me­risch schö­nen Ueber­mu­the er­füllt. Las­sen Sie mich des­sen, und die­ser Be­geg­nun­gen, jetzt hier in der Fer­ne wie­der ein­zig ge­den­ken, um die­sen wil­den Zei­len den end­lich be­schwich­ti­gen­den Ab­schluss zu ge­ben; und so las­sen Sie mich desshalb Sie ver­si­chern, dass ich um Ei­nes Wil­len mit tie­fem Glü­cke an jene Zeit zu­rück­den­ke, die in mir nur wild zit­ternd noch nach­lebt: ich fand Sie, mein gött­li­cher Freund, wie­der; ich drück­te Ihre gna­den­rei­che Hand an mein Herz, ich blick­te in Ihr un­er­mess­lich tie­fes Auge, wel­ches aus fer­nen Wel­ten mir Trost und Lie­be zustrahlte.

So sei ge­seg­net, Ni­be­lun­gen-Zeit! Keh­re wie­der! Ich bin be­reit, wenn der Ein­zi­ge mir ruft!
So tau­che ich auf, aus dem „In­fer­no“ zum „Pa­radi­so“! Dort er­bli­cke ich Sie, seg­ne und be­ned­eie mei­nen hol­den Erlöser!

In De­muth und
nie ersterben­der Liebe,
Ri­chard Wagner.
Sorrento
21 Oct. 1876

[1] Wo­tan-Zi­tat aus „Die Wal­kü­re“, 2. Akt, 2. Szene
[2] Die Schuld­zu­wei­sung an die „vor­geb­lich feind­se­li­ge Pres­se“, schreibt Mar­tin Dür­rer, der Her­aus­ge­ber von Band 28 der Brief­ge­samt­aus­ga­be, darf als sehr ein­sei­tig gel­ten: In sei­nem Rück­blick auf die ers­ten Fest­spie­le 1876 schil­der­te Wag­ner sei­ne Sicht auf die De­fi­zi­te differenzierter.
[3] Eine Wo­che zu­vor hat­te Wag­ner sich brief­lich an Jo­seph Ma­ria von Ra­do­witz, ei­nen Ver­trau­ten von Reichs­kanz­ler Otto von Bis­marcks gewandt.
[4] Sein Rund­schrei­ben an die Pa­tro­ne ging zu­nächst an Fried­rich Feus­tel und den Ver­wal­tungs­rat, die den Brief als schäd­lich ein­stuf­ten und zurückhielten.
[5] Von den von Wag­ner ge­mach­ten drei Vor­schlä­gen kam be­kannt­lich kei­ner zur Durch­füh­rung. Aber wer weiß? Könn­te nicht we­nigs­tens 150 Jah­re spä­ter ein ent­spre­chen­des Schrei­ben an den baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten mehr Früch­te tragen?
[6] Der Aus­flug fand am 7. Ok­to­ber statt. Im ent­spre­chen­den Ta­ge­buch­ein­trag ist nach­zu­voll­zie­hen, dass Co­si­ma Wag­ner im Ita­lie­ni­schen mehr firm war als ihr Mann.
[7] Ne­ben Sieg­mund Al­bert Nie­mann hat­te vor al­lem Wo­tan Franz Betz Wag­ners Un­wil­len er­regt, weil we­gen des­sen ur­plötz­li­cher In­dis­po­si­ti­on die „Siegfried“-Uraufführung am 15. Au­gust um ei­nen Tag ver­scho­ben wer­den muss­te. Im Nach­hin­ein soll­te sich her­aus­stel­len, dass Betz we­ni­ger hei­ser, son­dern nur nicht mit Wag­ners Ver­bot ein­ver­stan­den war, wo­nach die So­lis­ten trotz der Bei­falls­be­kun­dun­gen des Pu­bli­kums nicht vor den Vor­hang her­aus­tre­ten sollten.
[8] Zur Pla­nung und Aus­füh­rung des sog. Kö­nigs­baus kam es erst 1880/81.

Quel­len: Kö­nig Lud­wig II. und Ri­chard Wag­ner: Brief­wech­sel, be­ar­bei­tet von Otto Stro­bel, Band 3, Karls­ru­he 1936; Ri­chard Wag­ner: Sämt­li­che Brie­fe, her­aus­ge­ge­ben von Mar­tin Dür­rer, Band 28, Wies­ba­den 2026.