Heute vor 150 Jahren schickte Richard Wagner aus Sorrent einen Brief an König Ludwig II. von Bayern, in dem er um weitere Unterstützung der defizitären ersten Festspiele bat. Die Problemlösungen, die er skizzierte, wirken verblüffend aktuell.

Mein Erster, Letzter und – Einziger!
Seelenvollster, hochgeliebtester Freund!
„Nun auf!“, so rufe ich in mich hinein, „Auf! Verzagte Seele! Rede nun zu Ihm!“ – Da athmet es denn, und das innere Licht will wieder leuchten! –
Der Brief, den mein Erhabener mir nach Venedig zukommen liess, war zu wundervoll, als dass er nicht plötzlich eine völlige Umwandlung meiner ganzen Seelenstimmung vollzogen hätte. „Es muss sein, denn es soll sein!“ rief ich mir zu. Nun war es in dem wunderbaren Venedig, wo diess mir ankam: in mir entstand die heftigste Sehnsucht, den Erhabenen schnell hier zu wissen; ich war so thörig, Ihnen diess durch ein Telegramm auszudrücken: möge es Sie nicht verstimmt haben! Allein, Sie hatten soeben so zauberisch vom Tristan geschrieben; wir hatten die Geburtsstätte des zweiten Aktes besucht: Alles kam mir wieder, als sollte nun es erst wirklich werden, wenn Sie, Erhabener, die Stätte weiheten. Es ward mir schwer, meine schwärmende Frau von Venedig fortzuziehen: sie meinte, die Stadt habe es ihr angethan. Doch ich suchte eine dauerndere Erholungsstätte; nur wenige Tage verweilten wir in dem düstern, aber ernst-stolzen Bologna, um gerade aus nach Neapel zu gehen, welches uns denn wieder ganz ungemein ansprach: es ist jedenfalls die schönste und unvergleichlichste Stadt der Welt, und zwar selbst auch als Stadt eben, nicht bloss der wundervollen Lage wegen. Nach sechstägigem Aufenthalt zogen wir nach dem wunderbaren Sorrent (der Geburtsstadt und Sterbestadt des Tasso) hinüber, und sind seitdem nun hier für einen längeren Aufenthalt im Hôtel Vittoria niedergelassen, und zwar auf einem hohen Felsen, steil über dem Meere, Neapel und den Vesuv gegenüber und zur Seite. Meine kleine Familie benützt die noch sehr warmen Seebäder; vollendete Abgeschlossenheit, zu Zeiten Ausflüge, meiner Seits Erwartung eines erträglichen Gesundheitszustandes und würdiger Stimmung. Leider wird mir die letztere immer noch widerwärtig gestört durch Nachrichten von Daheim, wo nun das „Deficit“ an der Tagesordnung ist, für dessen Deckung ich nur sorgen soll, während kein Mensch mich frägt, wie denn etwa nun mir eine Anerkennung für das Geleistete zu erzeigen wäre. Wirklich komme ich mir jetzt recht thörig, und gewissermaassen überflüssig vor: thörig, weil ich vermuthen konnte, es würde nach dem nie geglaubten Glücken meiner Werke und ihrer Aufführungen in den machtvolleren Regionen der deutschen Gesammtheit eine Art von Regung, vielleicht eines gewissen Gefühles der Beschämung, vor sich gehen, und in irgend welcher Weise würde man mich nun befragen, wie ich es mir nun dächte, den von mir gegebenen Anstoss für die deutsche theatralische Kunst förderlich zu machen, und in welcher Weise man mir hierzu nun behilflich sein könnte. Ueberflüssig aber komme ich mir vor, weil ich eben ersehe, wie wenig in jenen bezeichneten Regionen sowohl an mich, wie an den Ernst der Sache gedacht wird, so dass man mich und meine Unternehmungen immer nur den Zeitungsschreibern und etwa noch den Theaterdirectoren überlassen zu dürfen vermeint. Ich bin durch diese Wahrnehmung fast schon so weit gebracht worden, das „Ende! das Ende!“[1] zu beschliessen, und meinen Herren Verwaltungsräthen aufzugeben, in Bayreuth aufzuräumen. Da erfasste mich denn nun zuerst das Schreiben meines Erhabenen in Venedig; und als ich, durch den Eindruck desselben auf mich, sofort mich bestimmt fühlte, meinen alten Vorsätzen getreu zu bleiben, und, ganz wie mein Erhabener es auch erwartet, alle meine Werke mit möglichster Vollkommenheit jährlich vorzuführen, kam mir sogleich auch der grosse Ernst hiervon zum Bewusstsein. Keine Zugeständnisse mehr! Durch! – und koste es das letzte Blut! Woran wir bisher litten, war die finanzielle Unzulänglichkeit: durch sie kamen alle die Störungen und Verzögerungen, welche es mir unmöglich machten, zur rechten Zeit Alles fertig zu haben, zu prüfen, zu verbessern, – wie es unerlässlich so sein muss. Das kann nun für die Zukunft Alles anders und besser werden, denn das Hauptsächliche steht fertig da; sind die Kosten der Herstellung des ganzen architectonischen und scenischen Apparates einmal gedeckt, so decken sich die Kosten der Unterhaltung und ferneren Benützungen ganz von selbst. Schon jetzt wären wir, wie ich diess auch voraussetzte, vollständig auf die Kosten gekommen, wenn mir nicht diese scheussliche Zeitungspresse[2] durch die nichtswürdigsten Verleumdungen alle Voraussetzungen aufgehoben hätte. Es war gewiss nicht unverständig von mir, anzunehmen, dass der Erfolg der ersten Aufführung, für welche alle Plätze verkauft waren, das nöthige Aufsehen verbreiten würde, um den Andrang zu den beiden folgenden Aufführungen, für welche noch viele Plätze zu verkaufen waren, herbei zu ziehen. Gerade über die erste Aufführung, bei welcher die Zeitungsschreiber einzig zugegen waren, ward aber so verleumderisch berichtet, dass erst nach der zweiten, und während der dritten Aufführung, über welche nun jene Herren schwiegen, durch die hierbei Anwesenden das richtige Urtheil über Alles aufkam und sich verbreitete, so dass jetzt schliesslich der Andrang so gross wurde, dass wir noch mehrere Aufführungen, wenn diese zu ermöglichen gewesen wären, bei ausgekauftem Hause hätten durchführen können. – Vor solchen Einflüssen und Beeinträchtigungen muss nun in Zukunft mein Werk und Wirken bewahrt werden, wenn ich noch einige Lust und Kraft dafür bewahren will! Desshalb nun bin ich zu folgenden Bestimmungen gelangt. Die jährlichen Bühnenfestspiele in Bayreuth müssen durchaus eine freie Stiftung bleiben, mit dem einzigen Zwecke, zur Begründung und Pflege einer originalen deutschen musikalisch-dramatischen Kunst als Vorbild zu dienen. Hierzu ist es nöthig, dass das Material des Theaters selbst jetzt von jeder darauf haftenden Kosten-Schuld befreit, und in alle Zukunft gegen finanzielle Schäden bewahrt werde, wohlbeachtet: unter der unverbrüchlichen Voraussetzung, dass das Unternehmen selbst nie zu finanziellem Erwerbe diene, und namentlich der oberste Leiter desselben nie eine Entschädigung für seine Bemühungen in Anspruch nehme. – Nun will ich denn sehen, wie es mit dem „deutschen Reiche“ hierfür steht,[3] – denn an meine bisherigen Patrone[4] könnte ich mich nicht füglich mehr wenden, als höchstens mit der Aufforderung zu einem Kostendeckungsbeitrage, welcher wohl bereits spärlich genug fliessen dürfte. Um die Angelegenheit an das „Reich“ zu bringen, ersehe ich zunächst zwei Wege: entweder, es wird der Antrag von einem der Reichstagsabgeordneten gestellt, von denen ich allerdings keinen kenne welcher mir dazu tauglich schiene; oder, der Antrag wird von dem Reichskanzleramt eingebracht, wofür ich mich an den Kaiser zu wenden hätte, von welchem ich mir ein tieferes Verständniss der Sache auch nicht leicht erwarten darf. Ein drittes wäre: der König von Bayern, als Wahrnehmer und Beschützer der höheren deutschen Kultur-Interessen, trüge Seinem Bevollmächtigten auf, den Antrag im Bundesrathe einzubringen, und von hier aus an den Reichstag zu gehen. Dieser Antrag dürfte nun ungefähr folgendermaassen lauten: –
Die deutsche Reichsregierung übernimmt das Bühnenfestspielhaus in Bayreuth mit allem Zubehör, gegen Entrichtung und Bezahlung der auf seine Herstellung verwendeten und bis jetzt noch nicht gedeckten Unkosten, als der Nation zugehöriges Eigenthum, und übergiebt es als solches dem Magistrat der Stadt Bayreuth zur Verwaltung, mit dem Auftrage und der Verpflichtung, im Sinne des Gründers dieses Theaters und nach den von demselben hierfür zu gebenden Anleitungen und Statuten, alljährlich Aufführungen, nach dem Vorbilde der 1876 von mir veranstalteten, stattfinden zu lassen. Die Kosten der alljährlichen Aufführungen werden durch den jedesmaligen Verkauf von 1000 Plätzen, sowie durch einen jährlichen Zuschuss von 100,000 Mark von Seiten des Reiches gedeckt; durch diesen Zuschuss erhält das Reich das Recht die übrigen 5 bis 600 Plätze gratis an Unbemittelte der deutschen Nation zu vergeben, wodurch am Besten die ganze Institution auch äusserlich den Charakter einer „nationalen“ erhält. In allen deutschen Ländern hätten sich Vereine zu bilden, durch welche die zu freiem Eintritt Berechtigten empfohlen würden, während ausserdem den ersten Preisgewinnern von Musik-, Theater- und Gymnasialschulen von vorn herein die Auszeichnung der Ertheilung eines Freiplatzes zu den Aufführungen von den Regierungen angewiesen werden könnte.[5]
So ungefähr dürfte der Antrag lauten, dessen Annahme und Ausführung meinerseits als die einzige würdige Anerkennung meiner Verdienste um die Sache aufgefasst werden kann. – Er hat nur einen Schaden: nämlich dass ich seine Ausführung dem „Reiche“ zumuthen soll. Schöner, würdiger und Allem näherliegender wäre es, wenn – Bayern und sein König allein ihn ausführten. Diess wäre ein Geschenk von unberechenbar segenvollem Einflusse auf die zukünftige Entwickelung des so jammervoll von seinen übrigen Fürsten verkannten und vernachlässigten deutschen Wesens und Geistes, besser als alles Constitutional-Wesen, und namentlich auch als diese überall sich einnistenden, von verbissenen Stümpern und unterkunftssüchtigen Musikanten und Zeitungsschreibern geleiteten Musik- und Theaterschulen, welche noch nie einen fördernden Einfluss ausgeübt haben, während bei meinen Aufführungen Alle, Alle lernen und gern lernen! –
Diess wäre denn mein letzter Stossseufzer gewesen! – –
„Ah! Fantasia!“ So rief, bei einer kürzlich von uns ausgeführten Eselspromenade[6], der Treiber des Trägers meiner Frau seinem Thiere beständig ermunternd zu. Das gute Thier hiess wirklich „Fantasia“, wollte aber garnicht recht vorwärts kommen; deswegen erklang das „Ah“ immer vorwurfsvoll, bis der Treiber fortfuhr: „Corraggio Fantasia! Allegre! – Buoni maccaroni, tutto fromaggio!“ Wir frugen ihn erstaunt, ob er seinem Esel wirklich fette Maccaroni vorsetzen werde; worauf er erwiderte: ach nein, er wäre schon mit Heu zufrieden; mit den Maccaroni wolle er nur verlockt haben. „Ach Fantasia!“ so rufe ich nun auch meiner müden Seele zu, und vielleicht war der von mir entworfene Plan und Antrag nicht viel Anderes, als die „buoni Maccaroni, tutto fromaggio“ welche jener Eseltreiber seinem müden Thiere vorspiegelte. – Nur weiss ich so viel, dass nur ein sehr bedeutender Antheil, wenn er mir sich jetzt offenbart, mich wieder dazu hinreissen können wird, all das Widerwärtige zu vergessen, was ich in diesen letzten Jahren erlitten habe, ja selbst auch dieses ewige Heraustreten der Persönlichkeiten aus dem Rahmen meines Kunstwerkes, dieses: Niemann, Betz u.s.w.-Wesen[7], mit der Zeitungspresse, den ewigen Misverständnissen, kurz all dem scheusslichen Apparate des Zusammenlebens mit Menschen, Narren und Schurken! Nichts, Nichts anderes kommt mir noch in die Zurückempfindung von meinem ganzen Werke! Es mag diess eben wohl meine Krankheit sein. –
Und doch denke ich schon wieder an Etwas, was meinen grossen Einzigen und Erhabenen zufrieden stellen wird. Ich habe einen Balkonartigen Vorbau am Theater projectirt,[8] welcher einen besonderen Aufgang zu einem kleinen Salon mit daran stossender Mittelloge für meinen König ganz allein bieten soll. Links und rechts möge dann noch sitzen wer will: und das Ganze soll auch von aussen gar nicht mal schlecht aussehen! – So etwas leistet nun noch „Fantasia“! – Sonst wenig mehr!
Ach! Mein grosser, tiefer, ernster, inniger und desshalb von mir so tief, ernst und innig geliebter Freund! In welcher Welt leben wir? Oh, könnte ich öfter Ihnen vereint sein! Wie segenvoll belebend wirken stets die Strahlen Ihrer Huld und grenzenlosen Güte auf mich. Nach so langen Jahren beim ersten Widersehen, wie ernst traulich und altgewohnt war Ihr liebevolles Begegnen! Wenn ich so von Ihnen wieder heimkehrte, fühlte ich mich leicht, wie von Wolken getragen, von einem schwärmerisch schönen Uebermuthe erfüllt. Lassen Sie mich dessen, und dieser Begegnungen, jetzt hier in der Ferne wieder einzig gedenken, um diesen wilden Zeilen den endlich beschwichtigenden Abschluss zu geben; und so lassen Sie mich desshalb Sie versichern, dass ich um Eines Willen mit tiefem Glücke an jene Zeit zurückdenke, die in mir nur wild zitternd noch nachlebt: ich fand Sie, mein göttlicher Freund, wieder; ich drückte Ihre gnadenreiche Hand an mein Herz, ich blickte in Ihr unermesslich tiefes Auge, welches aus fernen Welten mir Trost und Liebe zustrahlte.
So sei gesegnet, Nibelungen-Zeit! Kehre wieder! Ich bin bereit, wenn der Einzige mir ruft!
So tauche ich auf, aus dem „Inferno“ zum „Paradiso“! Dort erblicke ich Sie, segne und benedeie meinen holden Erlöser!
In Demuth und
nie ersterbender Liebe,
Richard Wagner.
Sorrento
21 Oct. 1876
[1] Wotan-Zitat aus „Die Walküre“, 2. Akt, 2. Szene
[2] Die Schuldzuweisung an die „vorgeblich feindselige Presse“, schreibt Martin Dürrer, der Herausgeber von Band 28 der Briefgesamtausgabe, darf als sehr einseitig gelten: In seinem Rückblick auf die ersten Festspiele 1876 schilderte Wagner seine Sicht auf die Defizite differenzierter.
[3] Eine Woche zuvor hatte Wagner sich brieflich an Joseph Maria von Radowitz, einen Vertrauten von Reichskanzler Otto von Bismarcks gewandt.
[4] Sein Rundschreiben an die Patrone ging zunächst an Friedrich Feustel und den Verwaltungsrat, die den Brief als schädlich einstuften und zurückhielten.
[5] Von den von Wagner gemachten drei Vorschlägen kam bekanntlich keiner zur Durchführung. Aber wer weiß? Könnte nicht wenigstens 150 Jahre später ein entsprechendes Schreiben an den bayerischen Ministerpräsidenten mehr Früchte tragen?
[6] Der Ausflug fand am 7. Oktober statt. Im entsprechenden Tagebucheintrag ist nachzuvollziehen, dass Cosima Wagner im Italienischen mehr firm war als ihr Mann.
[7] Neben Siegmund Albert Niemann hatte vor allem Wotan Franz Betz Wagners Unwillen erregt, weil wegen dessen urplötzlicher Indisposition die „Siegfried“-Uraufführung am 15. August um einen Tag verschoben werden musste. Im Nachhinein sollte sich herausstellen, dass Betz weniger heiser, sondern nur nicht mit Wagners Verbot einverstanden war, wonach die Solisten trotz der Beifallsbekundungen des Publikums nicht vor den Vorhang heraustreten sollten.
[8] Zur Planung und Ausführung des sog. Königsbaus kam es erst 1880/81.
Quellen: König Ludwig II. und Richard Wagner: Briefwechsel, bearbeitet von Otto Strobel, Band 3, Karlsruhe 1936; Richard Wagner: Sämtliche Briefe, herausgegeben von Martin Dürrer, Band 28, Wiesbaden 2026.

