Richard Wagners Seitensprünge

Ri­chard Wag­ner hat­te min­des­tens drei un­ehe­li­che Kin­der. Ein paar mehr könn­ten es mit und von Haus­häl­te­rin Vren­e­li sein, die am 28. Ja­nu­ar 1867 hei­ra­te­te – ei­nen an­de­ren na­tür­lich.

Das Land­haus in Trib­schen am Vier­wald­stät­ter See mit dem Pi­la­tus im Hin­ter­grund. Ri­chard Wag­ner leb­te hier mit sei­ner Patch­work­fa­mi­lie, Haus­an­ge­stell­ten und Haus­tie­ren von April 1866 bis zu sei­nem Um­zug nach Bay­reuth im April 1872. Foto: Ales­san­dro Gal­lo

Dass die Kin­der Ri­chard Wag­ners al­le­samt – auch sein Sohn und „Erb­prinz“ Sieg­fried – un­ehe­lich ge­bo­ren wur­den, ist schon lan­ge Stand der For­schung. Nur wie vie­le es sind be­zie­hungs­wei­se wa­ren, ist nach wie vor un­klar. Wie bit­te?

Es ist fast zehn Jah­re her, seit die Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin und Fe­mi­nis­tin Eva Rie­ger erst­mals  ver­öf­fent­licht hat, dass Wag­ner ne­ben den mit sei­ner spä­te­ren Ehe­frau Co­si­ma ge­zeug­ten Kin­dern Isol­de, Eva und Sieg­fried mög­li­cher­wei­se auch noch Nach­kom­men mit sei­nem Lu­zer­ner Dienst- und Kin­der­mäd­chen Vren­e­li hat­te. Nur hat er­staun­li­cher­wei­se kein Hahn da­nach ge­kräht. In ih­rem Buch „Leuch­ten­de Lie­be, la­chen­der Tod“ zeigt die Au­torin auf, dass Wag­ner nach dem Schei­tern sei­ner Ehe mit Min­na im­mer wie­der ver­zwei­felt und in je­der Hin­sicht nach Part­ne­rin­nen such­te. Rie­ger schreibt, wie er mit sei­ner Muse Mat­hil­de We­sen­donck den ho­hen Kon­ver­sa­ti­ons­ton pfleg­te und gleich­zei­tig mit sei­nem Wie­ner Stu­ben­mäd­chen Ma­ria Völkl das Bett so­wie Ge­heim­nis­se um Un­ter­wä­sche und Par­füm teil­te. „Er lud Mat­hil­de Mai­er zu sich nach Starn­berg ein,“ so Rie­ger, „nach­dem er mit Co­si­ma Lie­bes­schwü­re aus­ge­tauscht hat­te, und er schwän­ger­te ver­mut­lich sein lang­jäh­ri­ges Haus­mäd­chen Vren­e­li Weid­mann, wäh­rend er be­reits eine se­xu­el­le Be­zie­hung zu Co­si­ma un­ter­hielt.“

Wag­ner lern­te Ve­re­na Weid­mann im Früh­jahr 1859 in Lu­zern ken­nen, als er sich in ei­ner Sui­te im  Ho­tel Schwei­zer­hof ein­quar­tier­te. Das am 3. Au­gust 1832 in Em­brach bei Zü­rich ge­bo­re­ne Kind ei­ner Bau­ern­fa­mi­lie war für sei­ne Her­kunft un­ge­wöhn­lich ge­bil­det, sprach Fran­zö­sisch und wur­de  als Zim­mer­mäd­chen für ihn ab­ge­stellt. Vren­e­li avan­cier­te schnell zu Wag­ners „Schutz­en­gel“, weil sie un­ter an­de­rem Lärm von dem hoch­sen­si­blen Kom­po­nis­ten ab­hielt. Ver­mut­lich ver­lieb­te sie sich in den noch mit Min­na ver­hei­ra­te­ten, für sie un­er­reich­bar hö­her ge­stell­ten Mann und sah sich laut Rie­ger stets als Die­nen­de. Vren­e­li, die man nicht als leicht ver­füh­ren­des Dienst­mäd­chen miss­ver­ste­hen soll­te, er­in­ner­te sich spä­ter: „In mei­nem gan­zen Le­ben habe ich kei­nen Men­schen ge­trof­fen, der für Al­les, was man ihm er­wies, so voll Dank­bar­keit war wie Ri­chard Wag­ner.“

Treu er­ge­ben folg­te sie ihm nach Mün­chen, nach Genf, wo sie ihm den Neu­fund­län­der Russ schenk­te, und schließ­lich nach Trib­schen bei Lu­zern, wo sie, in­zwi­schen Mit­te drei­ßig, am 28. Ja­nu­ar 1867 Ja­kob Sto­cker, den Por­tier des Schwei­zer­hofs, un­ter der Be­din­gung hei­ra­te­te, dass er eben­falls in Wag­ners Diens­te zu tre­ten habe – in ei­nen Haus­halt, in dem Ehe­bruch an der Ta­ges­ord­nung war, schlief der Haus­herr doch mit der noch zwi­schen Mün­chen und der Schweiz pen­deln­den Frau sei­nes wich­tigs­ten Di­ri­gen­ten und mit Vren­e­li, de­ren Schwan­ger­schaft er am 24. Juni 1868 ei­gens in sei­nen An­na­len fest­hielt. Am 4. Ok­to­ber 1868 wird Vren­e­lis ers­ter Sohn ge­bo­ren und be­kommt mit Wil­helm Ri­chard die glei­chen Na­men wie sein mut­maß­li­cher Va­ter. Wie schon bei sei­ner erst­ge­bo­re­nen Toch­ter Isol­de, die sei­ne Va­ter­schaft spä­ter ver­geb­lich ein­kla­gen wird, über­nimmt Wag­ner die Pa­ten­schaft für das Kind, dem er bis zu sei­nem Tod re­gel­mä­ßig Geld und Ge­schen­ke schickt. Als Vren­e­li am 7. Mai 1869 ihre zwei­te Schwan­ger­schaft mel­det und an­kün­digt, mit ih­rem Mann Trib­schen zu ver­las­sen, hängt der Haus­segen schief.

Die eben­falls schwan­ge­re Co­si­ma stellt für vier Tage so­gar eine ih­rer zen­tra­len Auf­ga­ben, das Ta­ge­buch­schrei­ben, kom­plett ein und weint, als sie spä­ter mit R. „das trü­be The­ma von neu­lich“ noch­mals mit be­spricht: „O Stern der Lie­be leuch­te mir, er­hel­le mir die schwe­ren dunk­len Pfa­de.“ Als am 6. Juni 1869 end­lich Sohn Sieg­fried ge­bo­ren wird, be­glückt Wag­ner sein Pa­ten­kind Wil­helm Ri­chard Sto­cker tags dar­auf mit ei­ner gol­de­nen Uhr und wünscht sich, er möge sich zu Sieg­fried wie Kur­wen­al zu Tris­tan ver­hal­ten. Das zwei­te Kind Vren­e­lis, Sohn Bern­hard, kommt  am 7. Ok­to­ber 1869 zur Welt, am 21. Fe­bru­ar 1872 folgt mit Toch­ter Ma­rie ihr drit­tes und letz­tes Kind. Die Fo­tos von Ma­rie und de­ren Sohn in Eva Rie­gers Buch zei­gen eine auf­fal­len­de Ähn­lich­keit mit Wag­ner, der üb­ri­gens bis kurz vor sei­nem Tod mit Vren­e­li kor­re­spon­dier­te.

Wenn man sich die gän­gi­gen schrift­li­chen Zeug­nis­se zu Vren­e­li ver­ge­gen­wär­tigt, wenn man weiß, wie Co­si­ma spä­ter vor al­lem de­ren Ver­schwie­gen­heit und „Schick­lich­keits­ge­fühl“ über den grü­nen Klee lobt und be­denkt, dass der un­rühm­lich sei­nen Erb­prinz-Sta­tus ver­tei­di­gen­de Sieg­fried Wag­ner sein vier­tes ehe­li­ches Kind aus Dank­bar­keit für Vren­e­li Ve­re­na nennt, könn­te was dran sein an den zu­sätz­li­chen Wag­ner-Vren­e­li-Kin­dern.

Es gibt noch ein In­diz: Otto Stro­bel, der Wahn­fried-Ar­chi­var, der sich bis heu­te als Her­aus­ge­ber des Brief­wech­sels zwi­schen Kö­nig Lud­wig II. und Wag­ner ei­nen Na­men ge­macht hat, gab 1952 eine akri­bi­sche Zeit­ta­fel zu Le­ben und Schaf­fen Wag­ners her­aus. In der Ru­brik, die al­les er­fasst, was im Da­sein Wag­ners eine Rol­le spiel­te, dar­un­ter „die wich­tigs­ten mensch­li­chen Be­zie­hun­gen“, steht am 28. Ja­nu­ar 1867 Fol­gen­des: „Ve­re­na Weid­mann („Vren­e­li“), seit Ende Sept. 1864 Haus­häl­te­rin Wag­ners, ver­hei­ra­tet sich mit Ja­kob Sto­cker; sie bleibt – mit Sto­cker – in Trib­schen tä­tig.“ Be­mer­kens­wert da­bei ist, dass Vren­e­li und ihr Mann in der 142 Druck­sei­ten um­fas­sen­den Zeit­ta­fel die ein­zi­gen der nicht we­ni­gen und durch­aus wich­ti­gen Be­diens­te­ten Wag­ners sind, die er­wähnt und im Na­mens­re­gis­ter auf­ge­führt wer­den. Stro­bel, der von Amts we­gen auch in­ten­si­ve Ah­nen- und Fa­mi­li­en­for­schung zu be­trei­ben hat­te, könn­te ge­wusst ha­ben, war­um.

Na­tür­lich ist es für den Rang des Kom­po­nis­ten Ri­chard Wag­ner völ­lig egal, ob er nun drei, vier, fünf, sechs oder wo­mög­lich noch mehr un­ehe­li­che Kin­der in die Welt ge­setzt hat. Aber es könn­te von Be­lang sein für die drin­gend über­ho­lungs­be­dürf­ti­ge Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung, de­ren Sat­zung im­mer noch zu sehr am Tes­ta­ment des an­geb­lich ein­zi­gen Wag­ner-Sohns Sieg­fried und des­sen Frau Wi­ni­f­red klebt.

Erst­ver­öf­fent­li­chung im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags am 26. Ja­nu­ar 2019 so­wie auf https://​www​.tak​t1​.de

Wag­ners Vil­la in Trib­schen in ei­ner his­to­ri­schen Auf­nah­me: Da auch das Per­so­nal im Haus wohn­te, könn­ten hier ne­ben den eben­falls un­ehe­lich ge­bo­re­nen Wag­ner-Kin­dern von Co­si­ma auch Vren­e­lis Kin­der auf die Welt ge­kom­men sein, de­ren Va­ter­schaft ver­mut­lich un­ge­klärt blei­ben wird.   Vor­la­ge: Na­tio­nal­ar­chiv der Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung, Bay­reuth

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