Zum Tod von Peter Emmerich

Pe­ter Em­me­rich, der lang­jäh­ri­ge Pres­se­spre­cher der Bay­reu­ther Fest­spie­le, ist plötz­lich und un­er­war­tet im Al­ter von 61 Jah­ren ge­stor­ben.

Pe­ter Em­me­rich (rechts) im Au­gust 2019 mit Ste­phan Jö­ris (links), bis 2010  eben­falls ein lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter der Fest­spiel­lei­tung, beim Wolf­gang-Wag­ner-Sym­po­si­um in der Vil­la Wahn­fried. – Foto: Mo­ni­ka Beer

Im letz­ten Fest­spiel­som­mer war er noch ganz auf­ge­räumt un­ter an­de­rem beim Wolf­gang-Wag­ner-Sym­po­si­um in der Vil­la Wahn­fried zu­gan­ge: Pe­ter Em­me­rich, der drei Jahr­zehn­te lang der An­sprech­part­ner war für die Jour­na­lis­ten und Kri­ti­ker aus al­ler Welt, die über die Fest­spie­le schrei­ben woll­ten. Am 11. De­zem­ber ist er über­ra­schend im Al­ter von 61 Jah­ren ge­stor­ben.

Na­tür­lich hat Pe­ter Em­me­rich ge­tan, was Pres­se­spre­cher über­all auf der Welt tun: Er hat im Zwei­fels­fall stets nur das ge­sagt und ge­macht, was dem Haus zu­träg­lich war – be­zie­hungs­wei­se sei­nem obers­ten Chef Wolf­gang Wag­ner und des­sen Nach­fol­ge­rin­nen Eva Wag­ner-Pas­quier und Ka­tha­ri­na Wag­ner. Für Jour­na­lis­ten war das zwangs­läu­fig hin und wie­der schwie­rig, denn die of­fi­zi­el­le Sicht der Bay­reu­ther Fest­spie­le war und ist nicht im­mer de­ckungs­gleich mit den Ge­ge­ben­hei­ten. Zu­mal die Fest­spie­le zu­min­dest zu Leb­zei­ten Wolf­gang Wag­ners (1919–2010) nichts an­de­res wa­ren als ein auch mit öf­fent­li­chen Mit­teln, aber über­wie­gend sich selbst fi­nan­zie­ren­der Fa­mi­li­en­be­trieb, in dem, wie die in­zwi­schen 143-jäh­ri­ge Fest­spiel­ge­schich­te uns ge­lehrt hat, die In­ter­es­sen von Tei­len der Fa­mi­lie of­fen­siv, um nicht zu sa­gen un­nach­gie­big ver­folgt wur­den. Dazu ge­hör­ten schon im­mer Ver­su­che, kri­ti­sche Jour­na­lis­ten in ih­rer Ar­beit zu be­hin­dern. Dass das in der Ära von Pe­ter Em­me­rich auch mir pas­siert ist, konn­te man un­ter an­de­rem 2013 in dem Blog „Mein Wag­ner-Jahr“ auf www​.in​fran​ken​.de nach­le­sen, un­ter dem Ti­tel „Heu­te aus­nahms­wei­se in ei­ge­ner Sa­che“.

Pe­ter Em­me­rich stamm­te aus Dres­den, wo auch sei­ne be­ruf­li­che Lauf­bahn be­gann. An der Sem­per­oper, der da­ma­li­gen Staats­oper Dres­den, war er Re­gie­as­sis­tent und lern­te dort Fest­spiel­lei­ter Wolf­gang Wag­ner ken­nen, der 1985 sei­ne Bay­reu­ther „Meistersinger“-Inszenierung mit der Tanz-Lin­de auf die Dres­de­ner Büh­ne über­trug. Als 1988 eine „Holländer“-Neuinszenierung folg­te, wur­de Em­me­rich Re­gie­as­sis­tent des Wag­ner-En­kels und we­nig spä­ter – mit Ge­neh­mi­gung des zu­stän­di­gen DDR-Mi­nis­te­ri­ums für Kul­tur – nach Bay­reuth be­ur­laubt. In sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Le­bens-Akte“ er­in­ner­te sich Wolf­gang Wag­ner, der dank sei­ner er­folg­rei­chen Zu­sam­men­ar­beit mit dem Dres­de­ner In­ten­dan­ten Gerd Schön­fel­der end­lich ne­ben Di­ri­gen­ten und Ge­sangs­so­lis­ten auch wie­der Mu­si­ker, In­spi­zi­en­ten und As­sis­ten­ten aus der DDR nach Bay­reuth en­ga­gie­ren konn­te, wie folgt:

„Für Pe­ter Em­me­rich konn­ten wir im Früh­jahr 1989 das Uni­kum er­rei­chen, dass er für drei Jah­re durch die hier­für zu­stän­di­gen staat­li­chen Stel­len der DDR von der Staats­oper Dres­den be­ur­laubt wur­de, um jen­seits der Gren­ze, im sei­ner­zeit ‚ka­pi­ta­lis­ti­schen‘ Aus­land‘, an ei­ner so wich­ti­gen Stel­le wie der des Bay­reu­ther Pres­se­bü­ros ar­bei­ten zu kön­nen. […] Dass die ver­än­der­ten po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se es nach dem 9. No­vem­ber 1989 mit sich brach­ten, sein ver­län­ger­tes Blei­ben in Bay­reuth nicht ei­nes Ta­ges zur ‚Re­pu­blik­flucht‘ wer­den zu las­sen, stand da­mals noch nicht ein­mal in den Ster­nen zu le­sen.“

Fast zwan­zig Jah­re spä­ter soll­te sich her­aus­stel­len, dass die Frei­stel­lung des da­ma­li­gen DDR-Bür­gers für eine pro­mi­nen­te Po­si­ti­on im Kul­tur­le­ben der BRD ei­nen bit­te­ren Bei­geschmack hat­te. An­fang 2010 be­rich­te­te die „Frän­ki­sche Zei­tung“, ein Bay­reu­ther Wo­chen­blatt, erst­mals dar­über, dass Pe­ter Em­me­rich ab 1977, also noch vor sei­ner Mi­li­tär­zeit bei der NVA, für ei­ni­ge Jah­re un­ter dem Na­men Frank We­ber ein in­of­fi­zi­el­ler Sta­si-Mit­ar­bei­ter war. Au­tor die­ses Ar­ti­kels war üb­ri­gens Tho­mas Erbe, der Ehe­mann der spä­te­ren Bay­reu­ther Ober­bür­ger­meis­te­rin Bri­git­te Merk-Erbe. Em­me­rich di­stan­zier­te sich deut­lich: „Wer in­ner­halb des DDR-Sys­tems und -Re­gimes auf­ge­wach­sen ist und ge­lebt hat, konn­te rasch in Si­tua­tio­nen ge­ra­ten, die eine Zwangs­la­ge dar­stell­ten. Und nicht im­mer war der Mut vor­han­den, sich ‚rich­tig‘ zu ver­hal­ten. Schuld­zu­wei­sun­gen sind im nach­hin­ein oft all­zu leicht. Was mich be­wog, mei­ne Un­ter­schrift zu ge­ben, weiß ich heu­te nicht mehr, be­dau­re es aber au­ßer­or­dent­lich. Gleich­wohl steht fest, dass die Vor­gän­ge je­ner Zeit nicht im Ge­rings­ten ir­gend­et­was mit mei­ner Tä­tig­keit bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len oder die­sen selbst zu tun ha­ben. Auch ich wur­de im Zuge mei­nes Wech­sels von Dres­den nach Bay­reuth in­ten­siv be­spit­zelt und aus­ge­forscht. Als ich 1989 in Bay­reuth an­kam, hat­te ich längst mit der DDR in­ner­lich ge­bro­chen und ab­ge­schlos­sen. Heu­te nun ste­he ich seit Jahr­zehn­ten fest auf dem Bo­den des Grund­ge­set­zes und bin vol­ler Scham für eins­ti­ge Ver­feh­lun­gen.“

Die Sta­si-Ent­hül­lung hat­te kei­ne wei­te­ren Fol­gen für Em­me­rich. Ka­tha­ri­na Wag­ner, die zu­sam­men mit ih­rer Halb­schwes­ter erst ein gu­tes Jahr als Fest­spiel­lei­te­rin fun­gier­te, stell­te sich hin­ter ihn. Em­me­rich war als „per­sön­li­cher künst­le­risch-wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der Fest­spiel­lei­tung mit Schwer­punkt­be­reich Me­di­en und Pro­gramm­heft­re­dak­ti­on“, wie sei­ne Tä­tig­keit bei der Ein­stel­lung be­schrie­ben wur­de, längst zu ei­ner In­stanz ge­wor­den, auf die man nicht ver­zich­ten konn­te. Er war, wenn es sein muss­te, die in­tel­lek­tu­el­le Speer­spit­ze der Fest­spiel­lei­tung. Im Nach­ruf der Bay­reu­ther Fest­spie­le heißt es denn auch: „Ge­ra­de auch in heik­len Si­tua­tio­nen ver­stand er es stets, den rich­ti­gen Ton­fall und die an­ge­mes­se­ne Wort­wahl zu fin­den, ohne sei­ne über­ra­gen­de Bil­dung und Be­le­sen­heit zu Mark­te tra­gen zu müs­sen. Im­mer mit Freund­lich­keit und Hu­mor, aber wenn es sein muss­te auch mit über­zeu­gen­dem Nach­druck hat er die Bay­reu­ther Fest­spie­le nach au­ßen ver­tre­ten und alle, die ihn kann­ten, spü­ren las­sen, dass die See­le die­ses Un­ter­neh­mens jene con­di­ti­on hu­ma­na war und ist, aus de­nen auch die Wer­ke Ri­chard Wag­ners le­ben.“

Mein letz­ter, für ihn ty­pi­scher E-Mail-Wech­sel fand nach der „Meistersinger“-Wiederaufnahmepremiere 2019 statt:
Lie­ber Herr Em­me­rich, bit­te in­for­mie­ren Sie mich, was mit dem Nacht­wäch­ter los war. Für eine Ant­wort bis 12 Uhr wäre ich dank­bar.
Am 28.07.2019 um 09:30 schrieb Pres­se­spre­cher - Bay­reu­ther Fest­spie­le GmbH: Lie­be Frau Beer, of­fen­bar gab es ein aku­tes tech­ni­sches Pro­blem beim Ein­ruf, d.h. in der be­tref­fen­den Gar­de­ro­be kam der Ein­ruf nicht an. Als man es be­merk­te, war es zu spät für „zeh­ne ge­schla­gen“.
Dan­ke. Blieb des­halb auch der Vor­hang nach dem 2. Akt ge­schlos­sen?
Am 28.07.2019 um 10:36 schrieb Pres­se­spre­cher - Bay­reu­ther Fest­spie­le GmbH: Nein, da gibt es kei­nen Zu­sam­men­hang, zu­mal der Nacht­wäch­ter ja oh­ne­hin nicht auf­tritt. Viel­mehr hält Bar­rie Kos­ky ei­nen Ap­plaus-Vor­hang nach dem 2. Auf­zug aus ge­wiss nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den für un­pas­send.

Jetzt hat sich der Vor­hang für Pe­ter Em­me­rich auf im­mer ge­schlos­sen. Ein letz­tes aus­führ­li­ches In­ter­view mit ihm sen­de­te der MDR erst­mals am 27. Juli 2019.

Wolf­gang Wag­ner (rechts) und der da­ma­li­ge Sem­per­oper-In­ten­dant Gerd Schön­fel­der bei der Pre­mie­ren­fei­er zu den „Meis­ter­sin­gern“ am 19. De­zem­ber 1985. Im Hin­ter­grund ab der Bild­mit­te nach rechts über den Sekt­glä­sern Frie­de­ri­ke Em­me­rich, Pe­ter Em­me­rich und der Sän­ger Ek­ke­hard Wla­schiha, der 1984 als Al­be­rich in Bay­reuth de­bü­tiert hat­te. Foto: Er­win Dö­ring

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