Die fotoscheuen Festspielleiterinnen

Ka­tha­ri­na Wag­na­er und Eva Wag­ner-Pas­quier auf dem Weg zum Staats­emp­fang 2014 Foto: Mo­ni­ka Beer

Die Zeit der Neu­jahrs­emp­fän­ge geht zu Ende, und es lohnt sich, zu­min­dest ei­nen Blick auf den des baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Horst See­ho­fer zu wer­fen. Die Fo­tos dazu hat bei­spiels­wei­se die Münch­ner Abend­zei­tung on­line ge­stellt. Vor al­lem Bild Nr. 2 der Fo­to­stre­cke hat es in sich. Mi­cha­el Grae­ter, der rea­le Münch­ner Baby Schim­mer­los, schreibt dazu: „Fo­to­scheu ge­ben sich zwei Da­men aus Bay­reuth – Fest­spiel-Che­fin Ka­tha­ri­na Wag­ner und ihre Schwes­ter Eva, de­ren Out­fit-Be­ra­ter nicht sei­nen bes­ten Tag ge­habt hat.“

Hat er nur den Out­fit-Be­ra­ter von Eva Wag­ner-Pas­quier (68) ge­meint oder auch den von Ka­tha­ri­na Wag­ner (35)? Ich tip­pe ich eher auf bei­de. Und möch­te be­haup­ten: We­der die eine noch die an­de­re – was sicht­lich ein Feh­ler war – hat sich vor der Mün­chen­fahrt be­ra­ten las­sen. Sonst hät­ten sie sich dem An­lass ent­spre­chend an­ge­zo­gen, ge­schminkt und auf­ge­bre­zelt wie ver­mut­lich min­des­tens 98 Pro­zent der schät­zungs­wei­se 500 an­we­sen­den Da­men.

Nor­ma­ler­wei­se wür­de ich kein Wort auf das Äu­ße­re der bei­den Fest­spiel­lei­te­rin­nen ver­wen­den. Aber was ist schon nor­mal in Zu­sam­men­hang mit den Wag­ner­schwes­tern? Nor­mal wäre, dass sie im Rah­men ih­rer Tä­tig­keit als Ge­schäfts­füh­re­rin­nen der Bay­reu­ther Fest­spie­le GmbH un­ter an­de­rem auch an­ge­mes­sen ih­ren Re­prä­sen­ta­ti­ons­pflich­ten nach­kom­men. Das öf­fent­li­che Re­prä­sen­tie­ren ge­hört zwei­fel­los mit zu den Auf­ga­ben ei­nes Fest­spiel­lei­ters, zu­mal wenn es um eine Ver­an­stal­tung ei­nes, wenn nicht des wich­tigs­ten Geld­ge­bers und Ver­bün­de­ten geht.

Dass Horst See­ho­fer zu letz­te­ren zählt, ver­steht sich von selbst. Nicht nur, weil der Frei­staat Bay­ern ei­ner der vier Ge­sell­schaf­ter der Fest­spiel-GmbH und auch sonst frei­ge­big ist, wenn es um Be­lan­ge des Wag­ner­fes­ti­vals geht. Son­dern weil der Frei­staat in sei­ner Mi­nis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie je­nen Mann be­schäf­tigt, der seit über ei­ner De­ka­de un­ter wel­chem Mi­nis­ter auch im­mer stets die Strip­pen zu­guns­ten der In­ter­es­sen der Wolf­gang-Wag­ner-Fa­mi­lie zu zie­hen scheint. Toni Schmid ist in­tern of­fen­bar so über­zeu­gend, dass der Mi­nis­ter­prä­si­dent samt Gat­tin selbst dann mit den Wag­ner­schwes­tern po­siert, wenn die­se et­was aus dem fest­lich ge­setz­ten Rah­men fal­len.

Ja, mehr noch: Bei sei­nem letz­ten, mit La­ser­licht­spie­len und gro­ßem Ge­burts­tags­ku­chen an­ge­rei­cher­ten Staats­emp­fang in Bay­reuth war See­ho­fer sich nicht zu scha­de, vor den ver­sam­mel­ten, zum Teil hoch­ran­gi­gen Gäs­ten die Ab­we­sen­heit der Fest­spiel­lei­te­rin­nen zu ent­schul­di­gen, weil sie we­gen der un­mit­tel­bar nach der Pre­mie­re zu er­fol­gen­den Nach­dreh­ar­bei­ten der „Holländer“-Aufzeichnung der Neu­in­sze­nie­rung aus dem Vor­jahr un­ab­kömm­lich sei­en.

Wie bit­te? Was ha­ben Ka­tha­ri­na Wag­ner und Eva Wag­ner-Pas­quier beim Nach­dreh zur Re­gie­ar­beit ei­nes Drit­ten so Wich­ti­ges zu tun, dass sie ih­ren von vie­len er­war­te­ten Auf­tritt beim Staats­emp­fang sau­sen las­sen? Hät­te das Füh­rungs­duo, wenn es denn über­haupt eine Not­wen­dig­keit ge­ge­ben ha­ben soll, die die An­we­sen­heit ei­ner Fest­spiel­lei­te­rin er­for­dert hät­te, hier nicht Auf­ga­ben­tei­lung be­trei­ben kön­nen, ja müs­sen? Wozu hat man denn in­zwi­schen drei Ge­schäfts­füh­rer? Da­mit kei­ner das tut, was tun­lichst er­war­tet wird?

„Kei­ner von den Wag­ners da?“ über­ti­tel­te denn auch Eleo­no­re Bü­ning in der F.A.Z. über ih­ren Be­richt zum Auf­takt der Fest­spie­le 2013 und be­schrieb die ehr­li­che Sor­ge der Bay­reu­ther Pres­se und vom Rest der Wag­ner-Welt, „dass nie­mand ver­läss­li­che An­ga­ben ma­chen kann über Klei­der und Fri­su­ren von Eva Wag­ner-Pas­quier und Ka­tha­ri­na Wag­ner“. Und wei­ter:

Aus­ge­rech­net im Ju­bel­jahr, zum zwei­hun­derts­ten Ge­burts­tag ih­res Ur­groß­va­ters, zeig­ten sich die fest­spiel­lei­ten­den Schwes­tern nicht win­kend an der Sei­te der po­li­ti­schen Gäs­te in der Öf­fent­lich­keit. „Von den Wag­ners ist wohl heu­te kei­ner da!?“, ruft ein Fo­to­graf an der Ab­sper­rung ent­täuscht, als sich die Tü­ren zum Fest­spiel­haus schlie­ßen und die Vor­stel­lung be­ginnt. Man soll­te ihn nicht aus­la­chen. Hat­te nicht Ka­tha­ri­na noch am Mor­gen im „Kurier“-Interview ver­kün­det: „Wir sind da, wenn wir ge­braucht wer­den“? Wann und wo, wenn nicht hier und heu­te, wer­den die bei­den ge­braucht? Eine Haupt­auf­ga­be der Fest­spiel­lei­tung in Bay­reuth be­steht zwei­fel­los dar­in, die Fi­nan­zie­rung die­ses nur fünf­wö­chi­gen, auf nur ei­nen ein­zi­gen Kom­po­nis­ten spe­zia­li­sier­ten Som­mer­fes­ti­vals zu si­chern. Sie ist des­halb eben­so drin­gend an­ge­wie­sen auf das Wohl­wol­len der steu­er­zah­len­den Öf­fent­lich­keit, wie sie den Zu­spruch der Po­li­ti­ker be­nö­tigt, die den Lö­wen­an­teil des Fest­spiel­etats be­strei­ten, teils aus dem Sä­ckel des Bun­des, teils aus dem des Frei­staats Bay­ern. Die­se Kau­sa­li­tät ist leicht zu be­grei­fen, Lä­cheln oder Win­ken sind ja eben­falls kei­ne all­zu kom­ple­xen Ar­beits­vor­gän­ge.

Zum Bay­reu­ther Staats­emp­fang sind die fo­to­scheu­en Fest­spiel­lei­te­rin­nen üb­ri­gens spä­ter dann doch noch ge­kom­men – und gleich in jene der Öf­fent­lich­keit ver­wehr­ten Räu­me ent­eilt, wo sich ein hand­ver­le­se­ner il­lus­trer klei­ner Kreis um Gast­ge­ber Host See­ho­fer und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ver­sam­melt hat­te. Beim Ein­tref­fen vor dem Neu­en Schloss konn­te ein Team des Baye­ri­schen Rund­funks sie im­mer­hin fil­men, ohne gleich des Plat­zes ver­wie­sen zu wer­den. Und ich habe ge­knipst.

War­um ich die Ge­schich­te der ver­meint­li­chen Fo­to­scheu jetzt er­zäh­le? Weil sie doch ei­ni­ges aus­sagt über die Be­tei­lig­ten – über die Fest­spiel­lei­te­rin­nen, die es sich, wie es scheint, zur Ge­wohnt­heit ge­macht ha­ben, das Re­prä­sen­tie­ren mög­lichst ganz sein zu las­sen und die Öf­fent­lich­keit mei­den wie die Pest (was sie ein­drucks­voll auch beim Ge­burts­tags­emp­fang am 21. Mai 2013 in der Bay­reu­ther Stadt­hal­le prak­ti­ziert ha­ben). Und über den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, der sich we­nigs­tens in ei­nem Punkt mit Lud­wig II., dem be­rühm­tes­ten al­ler Bay­ern-Herr­scher, ge­wis­ser­ma­ßen end­lich auf Au­gen­hö­he be­fin­det: 1866 hat der Wit­tels­ba­cher­kö­nig eine von Ri­chard Wag­ner ver­fass­te Eh­ren­er­klä­rung für Hans von Bü­low, des­sen Frau Co­si­ma und letzt­lich Wag­ner un­ter­zeich­net, in der er die drei ge­gen alle, tat­säch­lich nur zu wah­ren Ehe­bruchs­ge­rüch­te in Schutz nahm. Was be­kannt­lich nichts an­de­res als eine nicht be­son­ders ge­lun­ge­ne Not­lü­ge war.

Auf dem jüngs­ten ge­mein­sa­men Foto trägt Horst See­ho­fer üb­ri­gens nicht nur ei­nen „ta­del­lo­sen Smo­king“, son­dern dazu den baye­ri­schen Ver­dienst­or­den. Wol­len wir wet­ten, dass aus dem baye­ri­schen Kunst­mi­nis­te­ri­um längst der Vor­schlag ein­ge­gan­gen ist, so schnell wie mög­lich auch die Fest­spiel­lei­te­rin­nen mit die­ser Aus­zeich­nung zu gar­nie­ren? We­gen ih­rer mi­ra­ku­lö­sen Ver­diens­te um die Bay­reu­ther Fest­spie­le? Da­mit auch der letz­te Nörg­ler – ganz zu schwei­gen von Nörg­le­rin­nen! – merkt, was Sa­che ist?

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