Tagebuch-Adventskalender (2)

Wir be­glei­ten Co­si­ma Wag­ner mit­samt ih­rem R. und der gan­zen Patch­work­fa­mi­lie durch den De­zem­ber vor 140 Jahren.

Post­kar­te von 1865 mit (von rechts) Ri­chard Wag­ner, Kö­nig Lud­wig II. von Bay­ern und Prinz Paul von Thurn und Ta­xis als Lo­hen­grin. Vor­la­ge: Ri­chard-Wag­ner-Mu­se­um Bayreuth

Don­ners­tag 2ten [De­zem­ber 1880] R. hat­te kei­ne gute Nacht. Er träumt von ei­nem Ha­sen[1], der wie in der Luft läuft und dicht an sei­ne Sei­te zu­schießt, sich dar­in birgt. R. sucht mich auf, um mir ihn zu zei­gen, und ich bin fort! – In der Frü­he muß­te ich ihn fra­gen, ob ich Blan­di­ne[2] ab­ho­len dürf­te; da er mir sagt, daß auch nur ein Tag Ab­we­sen­heit von mir ihn be­trübt, so gebe ich es auf. – De­pe­sche von Hans[3], den ich für Lulu[4] ge­be­ten hat­te, daß sie ihn se­hen möch­te und da­bei die 9te an­hö­ren. – R. kommt bei Ge­le­gen­heit die­ser Ant­wort auf die Ad­op­ti­on der sämt­li­chen Kin­der, die er wünscht, zu­rück. – Vor die­sem Ge­spräch, noch im Bett, hat­te er plötz­lich auf­ge­lacht und ge­sagt: „Weil so ei­ner wie Shake­speare Ge­stal­ten sieht, die kei­ner je ge­se­hen, Po­lo­ni­us, Ham­let, daß and­re dann glau­ben, sie wer­den dies auch nun kön­nen!“ – Er schreibt an den Kö­nig[5]. Ein dich­ter Ne­bel macht ei­nen Spa­zier­gang un­mög­lich, wir fah­ren aber, „wer­fen Kar­ten“ und sind hei­ter da­bei. Noch­mals die Fra­ge Neu­mann– Hül­sen[6] er­wo­gen, R. be­hält gro­ße Ab­nei­gung ge­gen das Opern­haus und rät mir ab, ei­nen Brief ab­zu­schi­cken, den ich be­reits an den Di­rek­tor ge­schrie­ben. Abends be­schlie­ßen wir die Brie­fe an Uh­l­ig[7]. Dar­auf liest mir R. ei­ni­ges aus sei­nem Brief vor: sei­ne Ant­wort[8] an den Kö­nig, der ihn ge­fragt hat, wel­cher Ge­dan­ke ihm durch den Sinn ge­gan­gen, als er plötz­lich in der Loge auf­ge­fah­ren sei und an die Stirn sich ge­grif­fen. – Es wäre mir schwer, zu sa­gen, war­um eine Weh­mut mich am Schluß des Abends um­schlei­er­te, die Kor­re­spon­denz mit Uh­l­ig, auch die Zei­len an den Kö­nig, al­les das Gute wie das Schlim­me, die Täu­schung wie die Wahr­heit läßt mich das Le­ben in sei­ner Me­lan­cho­lie er­schau­ern, und es ist, als ob nichts die­se Me­lan­cho­lie, in wel­cher man es sieht, mil­dern könn­te, selbst die ei­ge­ne Hei­ter­keit nicht mehr. – Wir spre­chen über Re­nais­sance, R. meint, ich müß­te dar­über schrei­ben, was hel­fe es, meint er, daß ich viel mit den and­ren sprä­che, es käme dann doch Un­sinn her­aus. In tiefs­ter In­nig­keit tren­nen wir uns. – R. nahm ei­ni­ges aus „Jo­seph in Ägyp­ten“[9] mit Lusch durch und freut sich sehr über sie, ih­ren Ver­stand und ihre Echt­heit, nicht min­der über Fidi[10], des­sen Mes­se-Sa­gen im­mer auf’s neue R. be­lus­tigt. – Mein Par­si­fal-Kleid macht ihm Ver­gnü­gen; er meint, ich habe nie so gut aus­ge­se­hen; in Mün­chen, sagt er, hät­te ich zu viel ge­lit­ten, sei da­her schüch­tern gewesen.

Fuß­no­ten
[1] Klei­ner Sei­ten­sprung zum „Er­wei­ter­ten Ha­sen-Be­griff“ und Chris­toph Schlin­gen­siefs „Parsifal“-Inszenierung von 2004 bis 2007.
[2] Bülow, Blan­di­ne von (1863–1941, ab 1882 verh. Grä­fin Gra­vina), zwei­te Toch­ter von Co­si­ma und Hans von Bülow, ge­nannt Boni, Ponsch.
[3] Bülow, Hans Gui­do Frei­herr von (1830–1894), Liszt-Schü­ler, Wag­ner-Di­ri­gent und ers­ter Ehe­mann von Cosima.
[4] Lulu = Bülow, Da­nie­la von (1860–1940, ab 1886 verh. Tho­de), ers­te Toch­ter von Co­si­ma und Hans von Bülow, auch ge­nannt Lou­lou, Lusch, Senta.
[5] Kö­nig Lud­wig II. von Bay­ern (1845–1886), le­bens­lan­ger zen­tra­ler Mä­zen RWs.
[6] Es geht um künf­ti­ge „Ring“-Aufführungen in Ber­lin, die schließ­lich An­ge­lo Neu­mann 1881 im Vic­to­ria-Thea­ter rea­li­siert hat und nicht Bo­tho von Hül­sen (1815-1886), In­ten­dant des Hof­thea­ters in Ber­lin so­wie der preuß. Hof­thea­ter in Han­no­ver, Kas­sel und Wies­ba­den und jahr­zehn­te­lang ein Geg­ner RWs.
[7] Uh­l­ig, Theo­dor (1822–1853), Vio­li­nist, Freund RWs in Dres­den, schrieb den Kla­vier­aus­zug „Lo­hen­grin“; RWs Brie­fe an ihn aus sei­ner Zü­ri­cher Zeit wa­ren Ende No­vem­ber 1880 Teil der abend­li­chen Lek­tü­re, nach­dem des­sen Toch­ter Elsa (!) die an­ge­for­der­ten Ab­schrif­ten ge­sen­det hat­te. Die Brie­fe ka­men 1888 in ei­nem Sam­mel­band her­aus; die dar­in vor­ge­nom­me­nen Re­tu­schen und Strei­chun­gen konn­ten erst durch spä­te­re Ver­öf­fent­li­chun­gen und die Samm­lung Bur­rell 1953 auf­ge­ho­ben werden.
[8] RW schil­dert, er habe bei der Se­pa­rat­vor­stel­lung des „Lo­hen­grin“ am 10. No­vem­ber 1880 in der Loge Lud­wigs in Mün­chen ei­nen Mo­no­log über das Ele­ment der Mu­sik ge­führt und den Vor­satz ge­faßt, alle sei­ne Wer­ke in Bay­reuth „voll­endet in das Le­ben zu ru­fen“, „Par­si­fal soll dazu die Wege bah­nen, und – dein hol­der Kö­nig – Er wird dir un­fehl­bar helfen!“
[9] Oper von Éti­en­ne-Ni­co­las Mé­hul, UA 1807.
[10] Fidi = Sieg­fried Wag­ner (1869–1930), ein­zi­ger Sohn von Co­si­ma und Ri­chard Wag­ner, Dich­ter­kom­po­nist und Festspielleiter.

Quel­le: Co­si­ma Wag­ner, Die Ta­ge­bü­cher, Band 2, Pi­per Ver­lag Mün­chen 1977, mit er­wei­ter­ten und zu­sätz­li­chen Fußnoten

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